Über die Affenliebe


Ursprünglich arbeiteten unsere Hunde als Wachhunde, Hütehunde oder auch Jagdhunde, je nach ihren rassenspezifischen Merkmalen. Mittlerweile arbeiten die meisten Hunde hauptberuflich als Begleithunde und nebenberuflich als felltragendes Kind, denn sie werden von ihren Besitzern immer mehr vermenschlicht.

 

Wie für Kinder gibt es auch für Hunde inzwischen fast alles: Kleidung, Spielzeug, Schuhe, Möbel und unendlich viel mehr. Aus dem Nutztier Hund ist in den letzten Jahrzehnten eine Gelddruckmaschine geworden, die es schlau zu vermarkten gilt. Daher wird man mit Werbung für Hundeprodukte, die der haarige Mitbewohner natürlich unbedingt braucht, zugemüllt. So werden Bedürfnisse geweckt und beginnen allmählich grotesk zu mutieren: wir fangen an, unsere Haustiere wie kleine Kinder zu behandeln.

Großspitz Deutscher Spitz Birk vom Roten Turm Affenliebe Vermenschlichung
Keine Puppe, sondern ein Lebewesen!

Kleine Hunde sind von der Vermenschlichung besonders betroffen. Diese sind personifizierter Kinderersatz und werden wie Püppchen angezogen, in Taschen oder auf dem Arm getragen, im Hundebuggy durch die Gegend geschoben und bekommen ihr Fresschen auf dem Tisch serviert. Von kleinen Hoodies und Pulloverchen, in die sie gesteckt werden (gern auch im Partnerlook mit Mutti), will ich gar nicht erst anfangen.

 

Doch nicht nur kleine Hunde haben unter dieser Art der Verhätschelung zu leiden, auch die Großen werden nicht verschont. Schon im Welpenalter bekommen manche Hunde einen derart komplexen Stundenplan aufgedrückt, daß einem schlecht werden kann. Wohlgemerkt in einem Alter, in dem schon der Alltag aufregend genug wäre für das kleine Wesen. Aber nein, man muß das Eisen ja schmieden, solange es heiß ist.

 

Für den erwachsenen Hund gibt es am Montag dann Dogdance, Dienstag Agility, Mittwoch Obedience, Donnerstag Ruhetag, Freitag Longieren und dann ist endlich Wochenende. Weil der Hund unter der Woche noch nicht richtig ausgelastet wurde, nimmt man sich am Wochenende besonders viel Zeit und geht mit dem Hund auf Seminare, zum Schafe hüten sowie auf sehr ausgiebige Wanderungen. Damit der Hund auch wirklich ausgelastet wird. Nicht, daß der daheim noch nervt....

Zwischen den Trainings- und Sozialisierungsterminen sind dann natürlich noch diverse Fotoshootings angesagt - natürlich wird der Hund dabei positioniert wie ein Monchichi - denn man braucht mehr "voll ober-cuten Content" auf Instagram. Da gibt es Hunde, die haben schon Social-Media-Profile, obwohl die noch gar nicht bei ihren Haltern wohnen, da sie noch an der Zitze der Althündin in der Wurfkiste hängen.

 

Skurriler gehts aber trotzdem noch: zum Fußball vorm Flat mit hundegeeignetem Bier oder Chips können Hundkind und Hundeeltern zünftig anstoßen: serviert wird alkoholfreies Hundebier mit Hühnchengeschmack, dazu wird Popcorn mit Schinkennote gereicht - zu Preisen als würde man Goldnuggets verfüttern. Und weil überschwängliche Liebe anscheinend geistig retardierend auf Hundehalter wirkt, gehen einige schlaue Krämerseelen hart an die Grenzen: Adventskalender, Geburtstagstorten, Pralinen, Overalls, Mützen, Hundekinderwagen, Halloween-Kostüme und sogar Hochzeitskleider für Hunde. Und Bikinis. Da legst dich nieder: ich wußte gar nicht, daß Hunde Schamgefühle haben. Hat das Bikinoberteil für die Hündin dann sechs Körbchen?

 

Natürlich wird der Hund pünktlich zum Oktoberfest ins Dirndl gezwungen und aufgebrezelt wie ein Pfingstochse. Schade, daß die nicht sprechen können, sonst könnte man Labradoodle Trixie wahrscheinlich sagen hören: "Du verblödeter Depp, nimm' den Fummel und schieb' ihn dir sonstwo hin, ich geh' Katzen jagen!"

 

Da muß ich Bilder von Wolfsspitzen im Regenmantel sehen. Ich brauche gefühlte Ewigkeiten mit der Brause, bis Kuno mal bis auf die Haut naß ist, wofür also braucht ein Wolfsspitz einen Regenmantel? Der bemerkt doch den Regen mit seinem Fell kaum. Wozu brauchen Hunde überhaupt Mäntel? Bis auf alte, sehr junge und kranke Hunde gewöhnen sie sich an die Kälte und haben dann auch kein Problem damit, solange sie sich bewegen. Oder Schuhe: wenn Ihr Hund kein Schlittenhund in Alaska ist, braucht er keine Schuhe. Auch nicht wegen den Schneeklumpen. Hunde können sich die tatsächlich selbst abpopeln, ja, so lebensfähig sind die!

 

Übrigens können Hunde auch laufen. Man muß sie nicht im Hundebuggy umherschieben, tragen oder im Fahrradanhänger hinter sich herkarren, die haben recht gut funktionierende Beine.

 

Binden Sie sich übrigens doch zur Abwechslung mal so ein blinkendes Halsband um den Hals und gehen Sie nachts spazieren. Sehen Sie, und für den Hund ist das genauso beschissen. Bis vor kurzem war es auch nicht üblich, den Hund zu beleuchten und dennoch haben die die langen Nächte des Winters irgendwie überstanden. Es fehlten ja auch Befestigungsmöglichkeiten am Hund für Kerzen - obwohl eine gäbe es ja, aber lassen wir das.... ;-P

 

Da sehe Menschen, die backen ihren Hunden nahezu täglich Kekse, natürlich in Herzform oder in Form von kleinen Meerjungfrauen und schön bunt eingefärbt, weil das dem Hund ja so gut gefällt. Klar, das ist dem garantiert super wichtig. Die vielen Kekse werden übrigens gebacken, weil man den Hund ja ausschließlich positiv mit Lecker und Klick erzieht. Garstige Mäuler würden sagen, man konditioniert den Hund wie einen primitiven Vollidioten und macht sich selbst zum Futterautomaten, aber hier ist ja niemand garstig. Hunde sind übrigens hochintelligent und in der Lage, sozial - also durch Verständnis und Einsicht - zu lernen

 

Lustigerweise wird dieses haarspangentragende, zwangseingeschirrte und blinkende Hascherl dann aber ernährt, als sei es ein ganz wildes, blutsaufendes Raubtier aus der Urzeit: Rehhufe mit Fell, Blutpudding, Innereien, von denen ich noch nicht mal wußte, daß sie existieren oder gar ein ganzer Schafskopf. Und zum Nachtisch gibts dann von Mutti einen selbstgebackenen XXL-Hundekeks in Herzform, auf dem mit hundegerechter Zuckerschrift "Für mein Pupsbärchen" geschrieben steht.

 

Oft höre ich davon, daß Hunde ihre Geschirre verweigern. Bitte respektieren Sie doch die Intelligenz Ihres Hundes und sein Gefühl für sich selbst: wenn er kein Geschirr tragen möchte, dann hat er seine Gründe. Es ist absolut vermessen ihn - aus der irrationalen Angst heraus, dem Hund den Hals mit einem Halsband zu zerstören - jeden Tag aufs Neue in sein verhasstes Geschirr zu hineinzuquälen. Zudem tut man sich doch mit diesem gutgemeinten Geschirrtrend selbst keinen Gefallen. Der Hund ist viel schwerer zu halten, denn Geschirre sind zum Ziehen da. Mehrfach schon sah ich Doggen oder Irische Wolfshunde im Geschirr; wie in Gottes Namen wollen die Besitzer den Hund denn halten, wenn der auf Brass ist? Die eigene Freiheit endet regelmäßig dort, wo die Freiheit des anderen beschnitten wird. Vor kurzem ist eine Dame mit zwei großen Münsterländern an der Leine (beide natürlich im Geschirr, was sonst) direkt an der vielbefahrenen Hauptstraße der Länge nach hingefallen, weil die Hunde sie umgeworfen haben. Das hätte auch verdammt ins Auge gehen können, hätte sie die Leinen losgelassen....

 

Vor allem bei Leuten, die einsam sind, muß das Tier oft als Ersatz für menschliche Kontakte herhalten. Ein Hund ist aber weder Kinder- noch Partnerersatz, er ist auch kein Sportgerät, kein Accessoire oder gar ein modisches Statement. Ein Hund ist ein Hund und bleibt ein Hund und schert sich einen Scheiß um sein Facebook-Profil, denn er möchte seinen Hundedingen nachgehen. Wer seinem Hund seinen Respekt zollen möchte, der muß zuerst einmal seine hundischen Bedürfnisse anerkennen.

 

Zu den Bedürfnissen des Hundes gehören auch Regeln, die für ihn gelten. Wenn der Hund weiß, wie der Hase läuft, gibt ihm das innere Ruhe, denn Hunde brauchen Ordnung und geregelte Kompetenzen. Läßt man ihn hingegen machen was er möchte, wird er mutmaßen, daß niemand kompetent genug ist, die Gruppe zu führen und sich dazu verpflichtet fühlen, nun selbst für Ordnung zu sorgen. Und das macht ihm genauso wenig Spaß, wie Ihnen als Halter, denn die meisten Hunde sind mit soviel Verantwortung schlichtweg überfordert. Daher ist es auch ansich nicht schlimm, wenn das Tier mal im Bett schläft. Aber der Hund muss ganz klar wissen, wo seine Position in seinem häuslichen Rudel ist. Wenn der Vierbeiner zum Beispiel mit Mutti im Schlafzimmer liegt und Vati anknurrt, wenn der sich dazulegen möchte, dann brennt die Luft. Der Hund hat keinerlei Sozialverhalten mehr, da er es gewöhnt ist, das Püppchen oder das Prinzchen zu sein, dem alle huldigen. Deshalb möchte der Hund sein Herrchen oder Frauchen ganz für sich allein besitzen und duldet niemand anderen neben sich.

 

Aus diesem Hintergrund heraus ist es logisch, daß Hundeschulen wie Pilze aus dem Boden schießen. Den Hund einerseits überfordern und ihm andererseits hochsoziale, menschenähnliche Kompetenzen zu unterstellen, ist absolut nicht artgerecht und resultiert in Verhaltensstörungen seitens des Vierbeiners. Ein Hund braucht keine Party, keinen Regenmantel und kein Social-Media-Profil. Ein Hund ist einfach in der Pflege, er benötigt nur Futter, einen Schlafplatz, Bewegung, Liebe und Ordnung. Daher sollte von diesem Konstrukt, daß der Hund einen Ersatz für unsere menschlichen Bedürfnisse darstellt, abgerückt werden, im Namen aller Hunde. Dichten Sie Ihrem Hunden nicht zu viele menschliche Züge an und lassen Sie den Hund auch mal Hund sein! Das bekommt Ihnen beiden besser. Versprochen ! :-)

Stand: 27.03.2021

Kommentare: 1
  • #1

    Cornelia Diehl (Samstag, 01 Januar 2022 14:32)

    Vielen Dank für die unendliche Mühe diese Artikel zu veröffentlichen.
    Sie sprechen mir aus dem Herzen