Das Hund-Mensch-Spiel


Das Sozialspiel zwischen Hund und Mensch ist eine hervorragende Methode, die Beziehung zu stärken und die Bindung zu intensivieren. Zudem hat das Spiel auch den Effekt, erzieherisch wirksam zu sein. Insbesondere bei der Welpenerziehung kann das Spiel wirklich gut genutzt werden und sollte gegenüber jeglichem "Sitz! Platz! Fuß!" (was lediglich Dressur darstellt, aber mit Erziehung wenig bis gar nichts zu tun hat) den absoluten Vorrang haben. Da Spiel nicht gleich Spiel ist, dröseln wir das Ganze man etwas auf:

Spielkriterien für das Sozialspiel:

  1. Die Spieler verfolgen keine über das Spiel hinausgehenden Ziele
  2. Spielverhalten (Spielgesicht, Oberkörpertiefstellung etc.)
  3. Das Verhalten während des Spiels ist nicht gleichbleibend, sondern wiederholt sich in immer neuen Variationen
  4. Spiel ist spontan, freiwillig, selbstbelohnend und macht Spaß
  5. Ein Tier spielt nur, wenn es sich sicher fühlt und zufrieden und entspannt ist
  6. Das Spiel findet auf Augenhöhe statt

Was dem Spiel entgegensteht

  1. Ziele, die außerhalb des Spiels liegen. Das Ziel ist das Spiel selbst
  2. Zwang zum Spiel
  3. Stereotype Spielabläufe ("Spiele" wie Ball oder Stöckchen werfen)
  4. Ernstverhalten
  5. Angst
  6. Unsicherheit

Spielgesicht und Play-Bow (Oberkörpertiefstellung)

Warum spielen?

Das Sozialspiel ist eine eierlegende Wollmilchsau: bei entspanntem Spiel mit Ermunterungen und zärtlichen Berührungen, nimmt zum Beispiel die Cortisolkonzentration ab. Cortisol wird auch als Streßhormon bezeichnet und in aggressiv-aufgeheizten Situationen ausgeschüttet. Daher ist das Sozialspiel ein echter Streßkiller und dient dem Spannungsabbau; aber eben nur das „ursprüngliche" Spiel, fern von Wettbewerb, Rangfolgengeheische und Monotonie.

 

Lernen geht auch leichter, wenn Hund Spaß dabei hat: im Spiel lernen sie uns Menschen genauer kennen. Sie lernen, auf uns zu achten und auf uns einzugehen. Mißverständnisse müssen vermieden werden, damit das Spiel weitergeht. Für den, der unfair spielt, ist das Spiel zu Ende.

 

Während des gemeinsamen Spiels wird zudem vom Belohnungssysstem ein ganz wichtiges Hormon ausgeschüttet: das Oxytocin, das auch als „Bindungshormon" bekannt ist. Dieses stabilisiert die Beziehung; Hunde, die ausgiebig mit Menschen spielen dürfen, kommen sogar besser mit einer kurzzeitigen Trennung zurecht. Weiterhin werden Adrenalin, Dopamin, Serotonin, Endorphine und Cannabinoide ausgeschüttet.

 

Hunde lernen zudem während des Spiels, dass es ihr Verhalten ist, mit dem sie eine Situation beeinflussen können. Dies macht sie insgesamt selbstsicherer und gelassener, ja sogar optimistischer, auch was die Beziehung zu ihrem Menschen anbelangt.

 

Spiel fördert also das soziale Miteinander. Flexibilität im Spiel, Neugier, An­passungsfähigkeit und die Bereitschaft zu Kooperation sowie Achtsamkeit bereiten auf das ­echte Leben vor. Hunde, die ausgiebig mit ihren ­Menschen spielen dürfen, lernen mit Frust besser umzugehen, ein besseres Problem­löseverhalten an den Tag zu legen, sich anzupassen und ­Selbstvertrauen zu entwickeln. Kooperation und Fairness werden in keinem anderen Lebensbereich so unmittelbar erlernt wie im Sozialspiel. Auch der Mensch lernt so seinen Hund ein Stück weit mehr kennen, vor allem fernab von Unterordnung, Gehorsam und Hundeschule.

 

Hunde dürfen übrigens sogar das Spiel initiieren - und meistens machen wir mit -  ja sie dürfen sogar „gewinnen". Wir verlieren dabei nicht unsere Autorität, denn im Spiel sind alle Regeln aufgehoben. Ein Spiel auf Augenhöhe stellt den Status nämlich nicht infrage, sondern vertieft ihn.

Wie spielt man denn richtig?

Das Spiel bei Hunden ist gekennzeichnet durch eine Aneinanderreihung von Ver­haltensweisen aus ganz unterschied­lichen Kontexten. Dabei ist das, was als nächstes folgt, nicht ritualisiert, sondern spontan: Ein Hopser, eine Kehrtwende, ein leichtes Anrempeln. Dazu das berühmte Spielgesicht. Der Mitspieler kann sich darauf einlassen oder auch nicht. Merke: nur wer kooperiert, kann weiterspielen.

 

Auch Rollenspiele gehören dazu. Hunde­eltern beharren nicht immer auf ihrem Rang und lassen auch schon einmal die Jungspunde gewinnen, und zwar durch Rollenwechsel oder Selbsthandicap. Dieses kann man auch als Mensch ganz klasse nutzen. Einfach mal hinkend und langsam versuchen den Hund zu fangen und sich absichtlich doof anstellen; der Hund wird sich scheckig lachen :-) Oder man legt sich auf den Rücken und ergibt sich dem Hund. Es ist sogar so, daß besonders kleine Hunde vom Menschen erwarten, daß diese sich klein machen, nur dann ist das Spiel auch für beide fair. Mal drauf achten, dieses Verhalten sieht man sehr oft, wenn Hunde unterschiedlicher Größe miteinander spielen. Fairness ist im Spiel das A und O.

 

Missverständnissen wird dennoch vorgebeugt, indem Hunde ihr Spielgesicht aufsetzen mit ganz deutlicher, sehr ­übertrieben wirkender Mimik signalisieren, daß hier wirklich nur gespielt wird. Da werden die ­Zähne gefletscht und das Maul weit aufgerissen, die Augen verdreht. Da wird gebrummt und geknurrt und gebellt - aber viel melodischer als wenn sie es ernst meinen würden. Ständig wechselt ihr Ausdruck. Immer wieder erfolgt der „playbow", die Vorderkörpertiefstellung, um zu sagen: ich komme in Frieden, hier wird nur gespielt. Aber: wer sich unfair verhält oder übertreibt, indem er beispielsweise zu stark zwickt, dem muss man schon zeigen, daß es so nicht geht. Entweder man quietscht und zwickt zurück (mit den Fingern) oder das Spiel wird abgebrochen.

 

Während des Spiels kann man seine Freude sprachlich und stimmlich ruhig zeigen, dies fördert dies die hundliche Spielbereitschaft und schafft noch mehr Freude.

 

Spielpausen sind wichtig und sollten immer mal wieder eingebaut werden.

Spiel-Beispiele

  • zusammen Fußball spielen
  • Fangen spielen
  • Raufspiele
  • Zerrspiele
  • Versteckspiele
  • "king of the castle" - man verteidigt einen Platz, nähert sich der Hund, wird er abgeblockt
  • Spinnenhand (lieben alle Hunde)
  • "keep away" - man sitzt auf allen Vieren und verteidigt ein Spielzeug, welches der Hund haben will, aber nicht bekommen darf
  • "auf der Lauer" - ein Spielzeug in einiger Entfernung ablegen und fixieren, sowie sich anschleichen
  • Maulfechten - die Hand imitiert eine Hundeschnauze, indem spielerisch in den Schnauzenbereich gezwickt und gestupst wird

Welpentraining beim Spiel

Über das Spiel lässt sich die Beißhemmung ganz prima üben: wird zu stark zugebissen, einfach das Spiel abbrechen. So lernt der Welpe sehr schnell, wie fest man so in seinen Menschen hineinbeißen darf.

 

Auch Selbstkontrolle und Frustrationstoleranz kann man so immer mal wieder üben: das Spiel wird ruhig unterbrochen - man muss allerdings berücksichtigen, daß das kleine Kerlchen etwas Zeit braucht, um von seinem Energielevel runterzukommen - und zur Belohnung wird dann weitergespielt. Auf diese Art lernt der Welpe ganz entspannt und ganz ohne Leckerchen, auch mal abwarten zu können. Hunde bringen Welpen das übrigens auch so bei: ist der Erregungsgrad zu hoch, so daß das Spiel zu eskalieren droht, wird der Althund kurz unterbrechen. Wenn dann alle entspannt sind, geht's weiter.

 

Abgebrochen wird das Spiel durch das Abbruchsignal und einen strengen Blick. Bei stoischen Welpen wie Kuno, bei denen das nicht reicht, kann man den Welpen auch mal kurz mit dem Finger wegstupsen, bevor weitergespielt wird. Wird die Grenze dann immer noch nicht akzeptiert, beendet man das Spiel. Das schult zum einen das Fairnessverhalten des Welpen und bringt dem Welpen gleichzeitig das Abbruchsignal bei.

 

Nicht Konfliktvermeidung, sondern Konfliktbewältigung ist ein wichtiger Lernprozess für junge Hunde, daher fordern einige (Kuno) Reglementierungen regelrecht ein. Daher sollte unangemessenes Verhalten nicht ignoriert werden, sondern dem Welpen sollte unmissverständlich klargemacht werden, daß sein Verhalten falsch ist.

 

Da der Beutefang beim Welpen und Junghund absolut nicht gefördert werden sollte, rate ich dringend von Spielen mit geworfenen Bällen, von Zerrspielen oder solchen Spielen mit Hetzelementen ab, um nicht aus Versehen das Jagdverhalten zu verstärken oder gar zu aktivieren (z.B. beim Großspitz - durch die Samojedeneinkreuzungen kann da durchaus jagdliche Begeisterung im Untergrund schlummern).

 

Insgesamt schaut man bei jungen Hunden lieber auf ruhige und entspannte Spiele mit viel Abwechslung.

Spiel-Killer

Futter hat im Spiel nichts verloren, da das Spiel aufgrund der Hormonausschüttung selbstbelohnend ist. Zudem schadet es hier mehr, als es nützt: extrinsische Belohnungen (Futter) können die intrinsische Motivation (Spaß am Spiel) überlagern, das heißt, die Spiellaune wird dadurch zerstört.

 

Zu starke Strukturierungen durch den Halter, Spiele ohne Augenhöhe, Spiele, bei denen immer nur einer in Bewegung ist und als Spiele getarnte Wettbewerbe sind Kriterien für Pseudospiele. Durch falsches Spielen kann man sich sogar "selbst ins Knie schießen": beim monotonen Ballwerfen werden Elemente aus dem Jagdverhalten herausgegriffen und immer und immer wieder eingeübt. Im Extremfall wird der Hund damit sogar selbst zum Spielobjekt instrumentalisiert. Zudem ist ein Auslösen von Beutefangverhalten (Jagdverhalten) durch Spiel eher ungünstig, denn das Beutefangverhalten ist nicht zu unterschätzen und nicht ungefährlich. Außerdem kann durch monotone Beutefangaktivitäten eine Dopamin-Sucht (der sogenannte "Balljunkie") ausgelöst werden.

 

Leckerchen­suchen und Geschicklichkeitsübungen sind zwar sinnvoll, da sie die Sinne des Hundes fordern und fördern, aber Sozialspiele sind das nicht, sondern Beschäftigungen.

Fazit

Weise eingesetzt ist das Sozialspiel das schärfste Schwert, das wir haben, zum Bindungsaufbau und zur Verhaltensformung innerhalb der Hundeerziehung. Es zu nutzen, lohnt sich wahrlich - für Mensch & Hund!

Quelle: Gansloßer/ Käufer "Auszeit auf Augenhöhe"

Stand: 16.10.2020

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