Die Tragödie der Spitzzucht


Großspitz vintage
Alter Großspitztyp

Die heutigen Spitze, insbesondere der Wolfsspitz, waren vor allem im Mittelalter weit verbreitet; bis in das 19. Jahrhundert war der Spitz in Deutschland der am häufigsten anzutreffende Hundetyp. Dadurch, daß der Spitz ein relativ gewöhnlicher Gebrauchshund war, war das Aussehen eher zweitrangig, so daß es eben auch Spitze in den verschiedensten Farben gab und lediglich die Größenkategorisierung nach "groß" und "klein"..

 

Diese Farbvielfalt wurde leider zunichte gemacht durch die Farbreinzucht des VDH, welche 1958 beschlossen wurde. Dadurch durften nur noch gleiche Farben miteinander verpaart werden. Nur die Braunen durften auch mit schwarzen Spitzen verpaart werden. Die grauen Spitze wurden als Wolfsspitze komplett ausgeklammert und dürfen bis jetzt nur untereinander gepaart werden. Damit wurde die genetische Basis gerade bei den Großspitzen stark verkleinert. Zudem wurde durch die Verdrängung des Spitzes durch andere Modehunderassen die ohnehin kleinere genetische Basis noch stärker beschnitten.

 

Seitdem gibt es große Probleme innerhalb der inländischen Spitzpopulation mit Inzucht. In den 1990er-Jahren war die Lage für die schwarzen Großspitze extrem prekär, da es nicht mal mehr als eine Handvoll Deckrüden gab, die gesundheitlich auch nur halbwegs annehmbar waren. Bei den weißen Spitzen gab es in der Vergangenheit wohl heimliche Einkreuzungen von Samojedenspitzen und weißen Schäferhunden - zum Aufpeppen des Fells - die leider den Jagdtrieb in den Großspitz einbrachten. Auch jetzt noch - obwohl sich einiges getan hat - ist es fast unmöglich, einen Großspitz zu finden ohne hochinzestiöse Vorfahren (z.B. Orpheus vom Seerosenweiher, der mit seiner eigenen Tochter Ursina 3 Würfe hatte) und ohne Jagdtrieb.

 

Was die Varietät Großspitz angeht, so wurden in den 50er und 60er Jahren noch jährlich ungefähr 30 Welpen pro Jahr eingetragen. Dies änderte sich leider schlaghaft zu Beginn der 70er Jahre. Im Jahre 1973 wurde gerade einmal ein einziger Welpe (!) verzeichnet. Es ging danach zwar allmählich wieder aufwärts, allerdings wurden erst gegen Ende der 80er Jahre wieder mehr als 30 Welpen gemeldet. Zum Ende des 20. Jahrhunderts hin gingen die Eintragungszahlen wieder zurück auf um die 20 Welpen. Wirklich bedenklich war allerdings dass von 1997 bis 1999 kein einziger schwarzer Großspitzwelpe mehr in den Zuchtbüchern Deutschlands zu verzeichnen war. 

 

Das Aussterben der schwarzen Großspitze konnte durch die Zulassung des schwarzen Deckrüden "Brit z Bratislavy" abgewendet werden. Der von Frau Gross-Lamprecht ("von Kauthen Ruh") aus der CSSR importierte Brit stand eine Zeitlang als einziger, schwarzer Deckrüde zur Verfügung, der mit den schwarzen Hündinnen nicht verwandt war. Hier zeigt sich das Popular-Sire-Syndrom in Reinform, denn dieser Rüde ist somit quasi Vorfahr von allen derzeit lebenden schwarzen Großspitzen aus deutscher Zucht. Schwein gehabt, dass Brit offensichtlich ein sehr gesunder und langlebiger Hund war. Das hätte auch nach hinten losgehen können. Die seit 2019 im Verein für Deutsche Spitze erlaubte Schwarz-Weiß-Verpaarung ist auf jeden Fall ein richtiger und wichtiger Schritt für die schwarzen Großspitze, denn dadurch, dass sie alle auf Brit zurückgehen, ist die genetische Basis der schwarzen sehr klein und kann durch die Verpaarung mit den weißen Großspitzen erhebliche Verbesserungen erzielen. Natürlich darf man nur jetzt nicht den Fehler machen und die Gendefekte der Weißen in die Population der schwarzen Großspitze einbringen!

 

Zu diesem Zeitpunkt waren die braunen Großspitze schon als "leider ausgestorben" abgehakt. 1994 wurden die letzten braunen Welpen im Zwinger "von der Kesterburg" geboren. Zuvor gab es 1991 noch zwei Eintragungen von braunen Großspitzwelpen aus demselben Zwinger. In den 80er Jahren wurden in ganz Deutschland nur 3 braune Großspitze eingetragen, in den 70ern immerhin noch 12, in den 60ern 26 und in den 50er Jahren noch 43. Erst 2007 erblickten wieder braune Großspitze durch Rückkreuzung das Licht der Welt. Sie sind aber nach wie vor recht selten. 

Die Lage der Großspitze war zu Beginn des 20. Jahrhunderts so schlimm, daß 2002 auf eine Privatinitiative hin sämtliche Spitzvereine weltweit kontaktiert wurden und darüber informiert wurden, daß der VDH - als zuchtbuchführender Verein - den Großspitz aussterben lässt. Auf Entsetzen folgte dann Empörung; dem VDH wurde mächtig Dampf gemacht. Seitdem hat sich hier und da etwas getan und die Zuchtordnung wurde an einigen Stellen gelockert (z.B. die seit 2019 erlaubten Schwarz-Weißverpaarungen).

 

Weiterhin züchtet ein großer Teil der aktiven VDH-Züchter in Deutschland mit Registerhunden, d.h. die Vorfahren eines der Elterntiere sind nicht bekannt oder haben keine Ahnentafel. Und als hätte man es nicht geahnt, kam es mal wieder schlimmer als es hätte sein müssen: Nachkommen der seit 2003 importierten "American Eskimo Dogs" wurden für eine Verpaarung empfohlen und eingesetzt, während man auf den Registerhunden die Hand hatte. Die American Eskimo Dogs brachten dann die Augen-Erbkrankheit PRA (Progressive Retinaatrophie, führt unheilbar zur Erblindung) in die Population ein. Trotz eines seit 2005 vorhandenen Gentests wurden weder die importierten Hündinnen noch deren Nachkommen auf PRA untersucht.

Stubbs Wolfsspitz
Wolfsspitz - von George Stubbs

Auch die Wolfsspitzpopulation blieb von derlei Maßnahmen nicht verschont. So war der deutsche Wolfsspitz ursprünglich einmal bis zu 60 cm groß und vom Temperament her zwar etwas gemütlicher als der Großspitz, aber weitaus schärfer als viele Wolfsspitze heutzutage. Der alte Wolfsspitz trug stolz eine moderate Fellmenge in dunklen Tönen mit braun-schwarzer Maske. Vom Großspitz unterscheidet er sich zudem durch die gekreppte Fellstruktur sowohl im Deckhaar als auch in der Unterwolle. Aber dennoch alles pflegeleicht, denn ein Bauer hätte mit einem Hofhund wie dem Wolfsspitz sicherlich keine aufwendige Fellpflege betrieben. Da Wolfsspitze auch im Ausland unter dem Namen Keeshond gezüchtet wurden und es immer wieder Auseinandersetzungen mit den ausländischen Spitzvereinen gab, änderte der VDH als zuchtbuchführender Verein seinen Zuchtstandard dahingehend, daß die Gruppe der ausländischen Keeshonds mit in die Gruppe der deutschen Wolfsspitze integriert wurde. Der moderne Keeshond ist zarter in seiner Statur und ebenso wesentlich kleiner, seine Augen sind oft "glupschiger", sein Schädel weist einen stärkeren Stopp auf - insgesamt wirkt er puppenhafter - zudem hat er mitunter viel zu üppige, hellgraue Fellmassen, die teilweise schon an Qualzucht grenzen. Dadurch wurde aus dem schönen, respekteinflößenden und schwarzgrauen Wolfsspitz ein hellgraues, mickriges und aufgeplatztes Sofakissen, welches heutzutage selten mehr als 45 cm Schulterhöhe aufweist. Auch wurde in die Wolfsspitzpopulation eine Schilddrüsenerkrankung namens PHPT eingebracht. 

Zurück zum Großspitz: obwohl schon etwas Besserung in Sicht ist, ist es um die genetische Vielfalt in der heutigen europäischen Großspitzpopulation miserabel bestellt. Der VDH - als zuchtbuchführender Verein - könnte immer noch mehr tun, um den Spitzen aus diesem genetischen Flaschenhals herauszuhelfen. Hier sei auch auf die Möglichkeiten der Zuchtwertschätzung hingewiesen. 

 

Auch die gängige Ansicht, dass Linienzucht bzw. Inzucht mit gleichzeitiger Selektion auf Gesundheit keine größeren Probleme mit sich bringt, hat sich als schwerer Irrtum herausgestellt. Denn Erbkrankheiten und Gendefekte treten nicht umgehend ans Tageslicht, sondern kumulieren innerhalb der Population, indem sie verdeckt an immer mehr Hunde weitergegeben werden. Im Prinzip findet hier die gleiche Merkmalsverfestigung statt, wie bei der Zucht auf eine bestimmte Fellfarbe oder Körpergröße. Als sei nun all dies nicht schlimm genug, wurde seitens des VDH nicht nur kein Riegel vor die Inzestzucht geschoben, nein, es wurde wohl mitunter sogar dazu geraten, gewisse Wurfgeschwister miteinander zu verpaaren. Der Ausweg wäre so simpel: die Einkreuzung von fremden Rüden. Dies bedeutet die Verpaarung von Großspitzhündinnen mit Mittelspitzen oder Wolfsspitzen. Diese ist jedoch im VDH streng verboten.

 

Update: aufgrund meiner Recherchen bin ich inzwischen der Überzeugung, dass man Großspitz und Wolfsspitz nur mit sehr viel Fingerspitzengefühl miteinander verpaaren sollte; insbesondere solange man noch andere Optionen hat. Wolfsspitze unterscheiden sich sowohl vom Exterieur als auch vom Wesen von den Großspitzen und würden bei zu häufiger Verpaarung miteinander deren Eigenarten nur verwässern. Von allen Spitzvarietäten ist der heutige Wolfsspitz übrigens mit den schwarzen Großspitzen am engsten verwandt. Verfolgt man die Ahnentafeln der großen Schwarzen zurück, stößt man unweigerlich nach wenigen Generationen auf Wolfsspitze. Auch umgekehrt ist bei den Wolfsspitzen immer noch "schwarzes Blut" vorhanden da diese bis 1965 noch mit den schwarzen Großspitzen verpaart werden durften. 

 

Natürlich versuchen viele Züchter, sowohl innerhalb des VDHs als auch in den Dissidenzvereinen, ihr Möglichstes, um den Stand der Spitzpopulation zu verbessern. Leider hat sich auch hier gezeigt, daß eigentlich gute Ansätze schnell pervertiert werden können: in dem Versuch, möglichst niedrige Inzuchtkoeffizienten zu erhalten, werden teilweise Erbkrankheiten wie PRA ausgeklammert oder man ignoriert die Aussagekraft des AV (Ahnenverlustes), so daß man dann zwar einen Hund bekommt, der rein faktisch nicht inzestuös ist, dafür aber zumindest heterozygot erblich belastet ist. 


Begriffserklärung


Inzucht

Der Begriff Inzucht umfasst hier auch die Linienzucht. Wenn verwandte Tiere gepaart werden, erhöht sich die Chance, Nachkommen zu erschaffen, die homozygot für erwünschte Merkmale wie zum Beispiel Wachsamkeit sind. Homozygote Tiere wiederum erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass diese erwünschten Merkmale auch in der nächsten Generation wieder in der gleichen Form auftreten. Leider erhöht sich auch die Wahrscheinlich der Homozytogie defekter Gene, die langfristig zur Inzuchtdepression führt.

Inzuchtkoeffizient (IK)

Ein „Koeffizient“ ist ein Wert oder Faktor, der eine Abhängigkeit angibt. Man kann zusammengefasst festhalten: der Inzuchtkoeffizient ist ein Wert, der über die Verwandtschaft der Eltern und damit über die Wahrscheinlichkeit, daß bei der Verpaarung beide Allele an einem Genort vom selben Vorfahren abstammen, Auskunft gibt. Er zeigt also immer den Grad der Inzucht eines Individuums an und zeigt damit die Homozygotie auf. Also kann man anhand des IK ablesen, ob ein Hund viele verschiedene Gene hat (Heterozygotie), oder eher die gleichen Gene an einem Genort (Homozygotie) besitzt. Je größer der IK ist – umso größer ist also die Inzucht.

 

Es gibt Fälle, da errechnet man einen Inzuchtkoeffizienten bei 5 Generationen von knapp 2%. Schaut man sich aber 7 Generationen an, kann der Wert deutlich höher sein. Daher sollte man auch immer die Anzahl der Generationen, die zur Ermittlung des IK herangezogen wurden, angeben.

 

Beispiele für Inzuchtkoeffizienten:  Vollgeschwister IK =50 %; Eltern mit Nachkommen IK= 25 %; Halbgeschwister IK= 12,5 %.

 

Die Frage wie hoch der IK maximal sein sollte, um unbedenklich zu sein, kann man allerdings nur sehr schwer beantworten. Bei einer Linienzucht (Inzucht, die darauf aus ist, bestimmte Merkmale zu fixieren) auf ein nachweislich gesundes Tier ist das Risiko sicher gering. Allerdings braucht das Tier nur Träger eines Defektgens sein – und schon ist der Schaden groß. 

Der Ahnenverlust (AV)

Ein Ahnenverlust liegt immer dann vor, wenn ein oder mehrere Ahnen mehr als einmal in der Ahnentafel auftauchen. Für die Berechnung des AV werden die doppelt vorkommenden Ahnen von den gesamten Ahnen abgezogen, hieraus ergibt sich die Zahl der tatsächlichen vorhanden Ahnen. Ein niedriger AV-Wert spricht somit für einen geringen Ahnenverlust und somit für eine geringe Inzucht, ein hoher AV-Wert hingegen spricht für einen hohen Ahnenverlust und somit für eine hohe Inzucht.


Da der Inzuchtkoeffizient (IK) lediglich den Verwandtschaftsgrad zwischen den beiden Elterntieren wiederspiegelt, erhalten wir bei der Verpaarung von zwei stark ingezüchteten Hunden, die aber aus zwei nicht miteinander verwandten Linien kommen, einen IK von 0 %, da keine gleichen Ahnen auf der Seite des Vaters und der Mutter vorkommen. Daher leistet der IK für sich alleine betrachtet noch keine sehr wertvolle Information. Erst durch die zusätzliche Berechnung des AV bekommt man ein genaueres Bild über den vorliegenden Grad der Inzucht. Der AV gibt somit eher eine Information über die genetische Varianz, die ein Nachkomme von seinen Eltern erben kann, während der IK eine Wahrscheinlichkeitsaussage über die Herkunftsgleichheit der beiden Allele eines Genortes trifft.                           

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Homozytogie: rechts entlang in den grünen Bereich hinein nennt man es Linienzucht, im roten Bereich nennt man es Inzucht.

Stand: 31.08.2021

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