Die Zuchtstrategie


"Man kann nur hoffen, dass jede kommende Generation von uns Menschen bedenkt, dass sie immer nur eine relativ sehr kurze Zeit eine treuhänderische Aufgabe übernimmt. Wir müssen die Rassen hegen und pflegen und ewig darauf bedacht sein, sie zum höchstmöglichen Standard zu bringen und dabei niemals zulassen, dass wir den schäbigen Versuchen der Kommerzialisierung erliegen. Diese will uns davon abbringen, die höchsten Ideale weiterzugeben. Wir müssen ein nacheiferungswürdiges Vorbild für die uns folgenden Generationen sein."

Vicki Herrieff über die Malteserzucht

Prolog

Da es mir primär um den Erhalt des Deutschen Großspitzes und des deutschen Wolfsspitzes geht, habe ich hier einige Überlegungen zusammengetragen, die vielleicht helfen könnten, unsere Spitze wieder aus ihrem Flaschenhals zu bugsieren. Ich hoffe, dass sich in Zukunft viele Züchter mehr am vorhergehenden Zitat orientieren, als an Urkunden und Pokalen, denn es ist meiner Meinung nach nicht nur die Aufgabe eines Züchters, die Merkmale einer Rasse zu erhalten und zu fördern, sondern im Besonderen auch die charakterlichen Merkmale, die Wesensmerkmale, der Rasse. Leider wird diesen nur selten von den Richtern auf Ausstellungen genauso viel Aufmerksamkeit geschenkt, wie dem Exterieur. An dieser Stelle müssen sich die Züchter bitte vor Augen halten, dass sie Spitze für Menschen züchten und nicht für den Show-Ring!

Wolfsspitz altes Foto
Alte Fotografie eines Wolfsspitzes

Ich möchte hier natürlich nicht unterschlagen, daß sich in den letzten Jahren in der Spitzzucht viel getan hat, was dem jahrelangen, unermüdlichen Kampf einiger Züchter und Liebhaber zu verdanken ist.

 

Leider hat alles Schlimme auf der Welt immer damit begonnen, daß Menschen nur das Beste für ihre Sache wollten, daß sie es nur gut meinten. Dies findet derzeit seinen grotesken Höhepunkt im sogenannten "Auszuchtprogramm" des Großspitzes, in dessen Rahmen der Großspitz mit dem finnischen Lapinkoira gekreuzt wurde. "Das gibt dann ja so gesunde Welpen und auch die Optik ist ideal. Sieht man gar nicht, daß das ein Großspitzmischling ist." Das ist purer Wahnsinn! Vom Wesen passen beide Hunde nicht zusammen, zumal der Lappspitz Jagdtrieb in den Großspitz einbringt. Das Ziel dieser Auszucht scheint mir also eher das zu sein, den Spitz aus sich selbst buchstäblich herauszuzüchten (ist ja schon auch irgendwie Auszucht), daher zeigt dieses gut gemeinte Vorhaben nur eines auf: nämlich, daß die Grenze zwischen züchterischem Mut und züchterischem Wahnsinn sehr, sehr dünn ist.

 

Aus diesem Grunde versuche ich mich mal daran, grob einen Weg zu skizzieren, wie man den Großspitz ganzheitlich züchten könnte. Los geht's:

1. Überlegung: Gesundheit


Gesundheit ist für uns Menschen das wichtigste Gut und gleiches sollte für die Hundezucht gelten. Die zur Zucht eingesetzten Hunde werden natürlich ordnungsgemäß auf HD geröntgt, die zuchttauglichkeitsvoraussetzende Vollzahnigkeit wird überprüft, ebenso wie das Gesamterscheinungsbild, da ein gesundes Tier ja auch immer irgendwie ein schönes Tier ist (im weitesten Sinne). Je nach Verein finden sich mal mehr oder mal weniger Vorgaben für die Zuchtzulassung, dennoch reicht das bisherige Verfahren meines Erachtens nach nicht aus.

 

Die Merkmale, die die Voraussetzung für die Zuchtzulassung bilden, entspringen lediglich der Eigenleistung des Hundes, sagen jedoch nichts über seine weiterführende genetische Qualität aus, daher sind diese Maßnahmen offensichtlich viel zu kurz gegriffen. Auch besteht ein Hund nicht nur aus Hüfte, Ellenbogen, Fellfarbe und Zähnen, zumal wenn an anderer Stelle die Auswirkungen jahrzehntelanger Inzestzucht nicht überprüft oder auch ignoriert werden, wie z. B. angeborene Herzfehler, die ja nun wirklich weit schlimmer wiegen als fehlende Prämolaren. Nein, man schließt hier willkürlich Hunde von der Zucht aus, die eventuell hervorragende Vererber gewesen wären und verengt somit den Genpool immer mehr. Auch die Tatsache, daß Varietäten übergreifende Zucht nicht erlaubt ist, ist in Anbetracht des Flaschenhalses, in welchem die großen Spitze stecken, nur schwer nachvollziehbar.

 

Eine große Hilfestellung sowohl für Züchter als auch für Interessenten findet sich in der Spitzdatenbank. Hier kann man einen recht ordentlichen Einblick in die genetische Qualität der Spitze bekommen und sich durch vielfältige Menüoptionen bestimmte Merkmale wie doppelte Ahnen oder auch farblich hinterlegte Inzestkoeffizienten anzeigen lassen. Natürlich ist auch hier die Voraussetzung, daß die Halter der Hunde jeweils wahre Informationen hinterlegen lassen.

 

Sämtliche zuchtbasierte Entscheidungen sollten meiner Meinung nach auf Auswertungen der genetischen Gesamtleistung des betreffenden Hundes durch die Zuchtwertschätzung beruhen. Im Gegensatz zur ersichtlichen Leistung eines Tieres stellt der Zuchtwert ein Maß für das gesamte genetische Vermögen besagten Tieres dar. Der Zuchtwert beschreibt also, welche Wirkung die Gene eines Tieres auf ein einzelnes Merkmal haben, wenn diese mit den Genen anderer Tiere kombiniert werden. Da die Zuchtwertschätzung die Möglichkeit der Prognose über den Zuchtwert der Nachkommen bietet, liegt der Vorteil hier nicht nur darin, den Zuchtwert der Nachkommen zu verbessern, sondern auch der Einsatz von Partnern mit weniger guter Merkmalsausprägung (z.B. fehlende Zähne oder eine C-Hüfte) kann dazu dienen, einen Beitrag zum Erhalt der genetischen Varianz einer Rassepopulation zu leisten. Bei einer genetisch verarmten Hunderasse wie dem Großspitz spielt daher die Zuchtwertschätzung eine besonders wichtige Rolle, um gute Vererber nicht durch zu einseitige Zuchtvorgaben aus der Population zu entfernen.

 

Defekte wie PRA, HD, ED, OCA2 und Dilute müsste man eher langfristig als kurzfristig auszüchten. Zuvorderst sollte ein Weg aus dem genetischen Flaschenhals gefunden werden, bevor man diesen noch verstärkt, indem man Hunde mit den genannten Defekten generell aus der Zucht entfernt. 

 

Daher plädiere ich für vereinsübergreifende, durchdachte Zucht auf Basis der Zuchtwertschätzung, die dann auch andere Spitz-Varietäten wie den Wolfsspitz und den Mittelspitz mit einschließt, wo es sinnvoll erscheint. Das wäre dann vernünftige Auszucht zur Vergrößerung des Genpools und zur Verbesserung der Gesundheit, welche dann weit weniger sinnbefreit ist als die sogenannte "Auszucht" mit fremdrassigen Hunden wie dem Lapinkoira.

 

Update: aufgrund meiner Recherchen bin ich inzwischen der Überzeugung, dass man Großspitz und Wolfsspitz nur mit viel Fingerspitzengefühl miteinander verpaaren sollte; insbesondere solange man noch andere Optionen hat. Wolfsspitze unterscheiden sich sowohl vom Exterieur als auch vom Wesen von den Großspitzen und würden bei zu häufiger Verpaarung miteinander deren Eigenarten nur verwässern. Von allen Spitzvarietäten ist der heutige Wolfsspitz übrigens mit den schwarzen Großspitzen am engsten verwandt. Verfolgt man die Ahnentafeln der großen Schwarzen zurück, stößt man unweigerlich nach wenigen Generationen auf Wolfsspitze. Auch umgekehrt ist bei den Wolfsspitzen immer noch "schwarzes Blut" vorhanden da diese bis 1965 noch mit den schwarzen Großspitzen verpaart werden durften. 

2. Überlegung: Wesen


Der offizielle FCI-Standard über das Wesen des Spitzes liest sich wie folgt: "Der Deutsche Wolfsspitz/Großspitz ist stets aufmerksam, lebhaft und außergewöhnlich anhänglich gegenüber seinem Besitzer. Er ist sehr gelehrig und leicht zu erziehen. Sein natürliches Misstrauen Fremden gegenüber und sein fehlender Jagdtrieb prädestinieren ihn zum idealen Begleit- und Familienhund und zum Wächter für Haus und Hof. Er ist weder ängstlich noch aggressiv. Wetterunempfindlichkeit, Robustheit und Langlebigkeit sind seine hervorragendsten Eigenschaften."

 

Na da lachen ja die Hühner!!! :D Um das Wesen eines Gebrauchshundes wie dem Spitz züchterisch zu erhalten, ist es in erster Linie zielführend, darauf überhaupt mal das Augenmerk zu richten - sei es via Arbeitsprüfung, sei es via züchterischem Elan, drauf geschaut werden muss, daß wenigstens die Elterntiere eben auch entsprechende Wesensmerkmale aufzeigen. Dies wird nun aber überhaupt nicht getan. Nein, vor allem wird auf Exterieur und gewisse Marker wie IK und AV geschaut, über das Offensichtliche hinaus blicken leider nur wenige. Da wird ohne mit der Wimper zu zucken mit jagenden Hündinnen und Rüden gezüchtet, die überhaupt nicht zur Zucht zugelassen werden sollten, da sie dem Spitz wesensmäßig überhaupt nicht entsprechen. Ein Spitz, der jagt, ist kein Spitz mehr im eigentlichen Sinne, da er ja selbst die vom Rassestandard geforderten, minimalen Voraussetzungen (z.B. Unbestechlichkeit und Hoftreue) gar nicht mehr mitbringen kann!

 

Auch sollte ein Spitz ganz sicher nicht freundlich sein und offen auf Fremde zugehen, wenn doch Misstrauen eigentlich seinem Wesen entspricht. Und obwohl der FCI-Standard eindeutig das natürliche Misstrauen des Spitzes erwähnt, muss sich dieser dann auf Ausstellungen recht unwirsch begrabbeln lassen. Für mich zeugt das wahrlich von völligem Desinteresse dem Spitzcharakter gegenüber und zeigt deutlich auf, wieviel Wert seitens der Vereine auf dessen Eigenarten gelegt wird.

 

Ganz wichtig finde ich jedoch folgendes: sollte einem als Züchter das Wesen des Spitzes mal ganz herzlich egal sein, weil man die Schönheitszucht bevorzugt, dann kann man das ja gern machen. Verwerflich allerdings ist es, dem Käufer gegenüber nicht vollkommen ehrlich zu sein, was eben das Wesen der eigenen Nachzucht anbelangt. Gerade Neulinge, die sich in den Standard eingelesen haben, erwarten doch genau diesen nicht-jagenden Hund aus dem Standard. Erweist sich das neue Familienmitglied jedoch als Jäger und generell so gar nicht als das, was man eigentlich haben wollte, dann macht man im schlechtesten Fall Mensch und Hund unglücklich; den Menschen, weil er was ganz anderes erwartet hat und den Hund, weil er merkt, daß der Mensch nicht ganz glücklich mit ihm ist. Also liebe Züchter, solltet ihr wissen, daß die Nachzucht aller Wahrscheinlichkeit nach vom ausgewiesenen Spitzcharakter abweichen wird, dann erwähnt das bitte. Und zwar so deutlich, daß die Botschaft auch vom blutigsten Spitzanfänger verstanden werden kann!

 

Dem spitz'schen Zuchtideal nach sollten Großspitze daher in zweiter Instanz die ihrer Rasse entsprechenden Gebrauchshundeeigenschaften aufweisen, optimalerweise über eine abgelegte Arbeitsprüfung. Besonderes Augenmerk des Züchters sollte auf der Raubzeugschärfe liegen, da diese den Spitz quasi definiert. Ein Spitz ohne Jagdtrieb, aber auch ohne Raubzeugschärfe, ist vom Wesen her trotzdem ungenügend. Der Fokus muss daher auf beidem liegen, also Auszucht des Jagdtriebes und Leistungszucht bezogen auf die Wachhundeigenschaften.

3. Überlegung: Farbzucht


Ich finde es wunderbar, daß seit kurzem die verpflichtende Farbreinzucht beim Großspitz weggefallen ist und wir nun endlich neufarbene Großspitze und bunte Würfe bewundern dürfen. Ganz klasse, die alten Farben, wirklich! Dennoch ist - wie bereits erwähnt - die ausschließliche Fixierung auf Buntzucht nicht weit genug gedacht und zudem hat die Begeisterung für die bunten Spitze einen Haken: denn die neue Buntheit geht auf Kosten der Farbreinheit. Ich finde Schecken wirklich schön, allerdings finde ich auch z.B. reinfarbig schwarze Spitze wundervoll. Daher sollte schon darauf geachtet werden, daß nun im Übermut des Farbrausches das Scheckungs-Gen nicht in alle Tiere getragen wird. Auch hier gilt das Credo, daß gutes Züchten das Denken in Generationen voraussetzt, daher sollte von vornherein das Augenmerk auf allen für die Zukunft zu erhaltenden Farben liegen.

4. Überlegung: Mitspracherecht der Hündin


Wie bei uns Menschen entscheidet auch beim Hund die Nase über die gegenseitige Sympathie, nicht umsonst heißt es ja "jemanden nicht riechen können". Und insbesondere was die Fortpflanzung anbelangt ist der Geruchssinn über alle Maßen entscheidend, verrrät unser Geruch dem Gegenüber viel über den Stand unseres Immunsystems und über die Stärke unserer Widerstandskräfte. Daher fühlt man sich immer von Menschen angezogen, deren Immunsystem dem eigenen Immunsystem am wenigsten ähnelt. Dieser Mechanismus bietet daher auch beiläufig natürlichen Schutz vor Inzest, da sich Immunsysteme umso mehr ähneln, je näher sie verwandt sind. Dies alles funktioniert beim Hund exakt genauso und daher muß die Frage gestattet sein, wie es mit diesem Mechanismus in einer Hundepopulation wie der des Großspitzes aussieht, die teilweise so nah miteinander verwandt sind, daß sie fast schon Kopien voneinander sind?

 

Daher muß gerade bei der Spitzzucht der Nase der Hündin ein Mitspracherecht gewährt werden. Lehnt sie einen Rüden ab, kann man davon ausgehen, daß das Verwandtsschaftsverhältnis aufgrund des zu ähnlichen Immunsystems zu groß ist und daß sich dies auf die Gesundheit der Welpen negativ auswirken würde.

 

Daher sollte aus den genannten Gründen immer von einer Zwangsverpaarung abgesehen werden, nicht nur aus moralischer Sicht, sondern aus der Sinnhaftigkeit der Ablehnung der Hündin dem Rüden gegenüber. Denn von schwächlicher und kranker Nachzucht hat nun wirklich niemand etwas. Auch kann man an dieser Stelle natürlich auch über die Praxis der künstlichen Befruchtung der Hündin streiten. Sicherlich macht es Sinn, möglichst viel hochwertiges Hundesperma für die Zukunft in Samenbanken zu hinterlegen, um es eben auch noch nutzen zu können, wenn die entsprechenden Hunde schon nicht mehr leben. Dennoch ist auch hier keine Möglichkeit gegeben, die Hündin an der Wahl des "richtigen" Rüden teilhaben zu lassen. 

5. Überlegung: Popular-Sires


Früher wurden nur erfolgreiche Arbeitshunde zur Zucht eingesetzt. Da heutzutage allerdings die meisten Hunde nun mehr Begleithunde sind und ihrer eigentlichen Aufgabe nicht mehr nachgehen können, heißt das neue Zuchtziel vor allem "Schönheit". Damit verbunden ist häufig ein von Menschen gemachtes - mitunter absurdes Aussehen - welches die Funktionalität einschränken kann, wie zum Beispiel die riesigen Fellmengen beim Keeshond. Dazu kommt, daß Schönheitschampions zumeist sehr gefragt sind und viel decken dürfen, dies führt zum sogenannten Popular-Sire-Syndrom. Auch die auf Zuchtschauen vergebenen Pokale, Titel und Urkunden bewirken, daß möglichst viele Züchter ihre Hündin von diesen "Gewinnern" decken lassen möchten, denn natürlich wirkt sich dies auch auf den Welpenpreis aus. Wer möchte denn nicht den Nachwuchs eines Champions sein eigen nennen?

 

Leider bewirkt diese Praxis, daß nach und nach immer mehr Hunde in der Population miteinander verwandt werden: in der ersten Generation der inzwischen recht großen Champion-Nachzucht wird es schon kniffeliger, Partner zu finden, bei denen kein Verwandtschaftsverhältnis vorliegt. In der darauffolgenden Generation ist es schon fast unmöglich, die Verwandtschaft bei der Paarung zu umgehen. Nach und nach ist dann die gesamte Population mehr oder weniger miteinander verwandt, insbesondere da der Champion und die Söhne des Champions natürlich immer fleißig weiter decken durften. Dies bewirkt letztlich einen massiven genetischen Flaschenhals. Diese Champion-Rüden nennt man "Popular-Sires". Angespornt durch Titel und Deckprämie bewirken sie eine starke Homogenisierung der Population, die die Zuchtauswahl irgendwann fast unmöglich macht. Da aufgrund der mitunter lächerlich hohen Deckprämien züchterischer Weitblick seitens der Rüdenbesitzer nicht generell vorausgesetzt werden kann, ist es meiner Meinung nach die Aufgabe der Vereine, die erlaubten Decksprünge aller aktiven Rüden auf ein entsprechend gesundes Maß herunterzuregulieren bzw. zu limitieren.

6. Überlegung: der Decksprung


Rüde Hündin Decken
Früher kam der Rüde zum Decken zur Hündin

Obwohl ich zwei Rüden besitze, die auch - sofern sie geeignet sind - zum Decken eingesetzt werden sollen, finde ich die Höhe der üblichen Decktaxe vollkommen überzogen. Wenn ein Rüdenbesitzer z.B. für den Decksprung 500 € plus 50 € je lebendem Welpen bekommt, fördert das doch nur eines: Gier. Und gerade in der Spitzzucht, in der nicht nur seitens der Hündinnenbesitzer sondern auch gerade seitens der Rüdenbesitzer etwas züchterischer Weitblick gefordert ist, darf die Höhe der Decktaxe nicht dazu führen, daß so ein Rüde mal eben zum Goldesel umstilisiert wird. Wer züchtet, sollte das aus Liebe zur Rasse tun und nicht weil es ein nettes Zubrot ist. Selbiges gilt auch für die Hündinnenbesitzer: vollkommen verständlich, daß die Kosten für die Würfe gedeckt sein sollten, aber warum um Himmels Willen muss man daran verdienen?

 

Daher plädiere ich für eine massive Senkung der Gebühren für den Decksprung. Dafür könnte dem Rüdenbesitzer ja - wie früher üblich - ein Welpe aus dem Wurf als Gegenleistung angeboten werden. Und über die Frage von Kost und Logie kann man sich sicherlich einigen. Auch sollte es zum Standardprocedere werden, daß der Rüde zur Hündin kommt, wie es in der Natur normal ist. Die läufige Hündin hat genug Stress, da muss man ihr die Strapazen der Anreise und des fremden Reviers nicht noch zusätzlich aufbürden.

7. Überlegung: Showlinie & Leistungslinie


Möglicherweise könnte man auch über eine Unterscheidung in Showlinie und Leistungslinie  bei den Großspitzen und Wolfsspitzen nachdenken. Diese Unterscheidung findet sich bei vielen Rassen, wie zum Beispiel beim Labrador Retriever oder beim Samojeden. Damit könnte dann auch jeder Züchter oder Spitzliebhaber seinen Vorlieben frönen, das heißt, wem nur die Optik des Spitzes relevant erscheint, der züchtet dann halt innerhalb der Vorgaben für die Showlinie, während ich selbst eher in der Leistungslinie fündig würde. Jene Leistungslinie muss natürlich zwingend eine Arbeitsprüfung beinhalten. Auch müssten die "Jagdspitze" durch die Schaffung einer Showlinie nicht gänzlich von der Zucht ausgeschlossen werden. Man erhält sich auf diesem Wege deren genetisches Material für die Zukunft, ohne das Wesen des Großspitzes noch weiter zu verdünnen und letztlich zu eliminieren.

 

Da die weitere Verengung des Gen-Pools ein Resultat der Aufteilung in zwei Linien wäre, könnte man hier - so wie in der Vergangenheit üblich - die Spitze an sich wieder in "groß" und "klein" kategorisieren. Somit würden aus vier Größenschlägen zwei Größenschläge, was jede Menge Heterogenität in die Gesamtpopulation bringen würde. Auch an dieser Stelle sei die varietätsübergreifende Einzucht des Wolfsspitzes in die Großspitze nochmals erwähnt. Die Wolfsspitze ihrerseits könnten durch die Unterscheidung in Show- und Arbeitslinie getrennt werden in die Keeshondtypen (Showlinie) und die altdeutschen Wölfe (Leistungslinie). Es gäbe sicher so einige Wolfsspitzzüchter, die eine derartige Maßnahme gutheißen würden ;-)

8. Überlegung: Doppelbelegung der Hündin


Eine Mehrfachbelegung durch maximal zwei Rüden ist im VDH unter §9 der Zuchtordnung nur via Einzelgenehmigung gestattet. Die Informationen zu diesem Thema insgesamt sind bisher leider relativ übersichtlich.

 

Im Gegensatz zum Meinungsbild in den sozialen Netzwerken (so solche Themen überhaupt besprochen werden) sind Mehrfachdeckungen hundetypisch und keinesfalls mit „Vergewaltigungen“ gleichzusetzen. Es macht ja auch Sinn: so kann die Hündin sicherstellen, viele und genetisch vielfältige Welpen zu gebären und auf diese Weise ihre Art bestmöglich zu erhalten. 

 

Eine Hündin produziert während des Eisprungs mehrere befruchtungsfähige Eizellen gleichzeitig. Diese sind etwa 3 – 4 Tage befruchtungsfähig. Ist zu diesem Zeitpunkt Sperma von zwei Rüden vorhanden, so können Welpen von unterschiedlichen Vätern in der gleichen Hitze gezeugt werden. Nach der Befruchtung verschließt sich die Eizelle und es kann kein weiteres Spermium eindringen. Dadurch ist ganz sicher, dass kein Welpe Erbmaterial von beiden Vätern trägt, sondern jeweils nur einen Vater hat.

 

Der wichtigste Vorteil einer erfolgreichen Doppelbelegung ist also die Erhöhung der Diversität innerhalb des Wurfes. Gerade für seltene Hunderassen, wie den Großspitz, wäre das ein großer Zugewinn. Mit nur einem Wurf kann erreicht werden, wofür es sonst zwei Würfe bräuchte. Das entlastet sowohl die Hündin, als auch den Züchter.

 

Doppelbelegungen können in einer überzüchteten Population auch der Problematik Abhilfe schaffen, dass durchaus Deckrüden mit schlechtem Sperma und niedriger Spermienzahl gibt. Die niedrige Spermienzahl mancher Deckrüden ist vermutlich auch auf Inzucht zurückzuführen, weil eben kaum noch Stammbäume ohne Verwandtschaftsgrad vorhanden sind.

 

Auch vorteilhaft ist die „Absicherung“ des Wurfes: Manch ein Züchter überlegt sich zweimal, ob er einen älteren Rüden, derb schon erfolgreich gedeckt hat, oder lieber einen „Neuling“ einsetzen möchte oder gar einen, der ohne Erfolg gedeckt hat. Durch eine Doppelbelegung könnte hier das Risiko, dass der Wurf nicht klappt, ausgeglichen werden.

 

Es gibt unterschiedliche Wege, eine Doppelbelegung durchzuführen. Entweder deckt der eine Rüde auf natürliche Weise und von dem anderen Rüden wird Sperma abgenommen und künstlich in die Hündin eingesetzt, oder aber eine künstliche Befruchtung mit dem Sperma beider Rüden wird anberaumt. Der natürlichste Weg wäre allerdings der, die Hündin einfach durch beide Rüden auf klassischem Wege decken zu lassen. Bereits vorhandene Erkenntnisse lassen vermuten, dass sich der Rüde, der zuerst deckt, oftmals stärker durchsetzt und mehr Welpen zeugt als der Nachfolgende.

 

Ein offensichtlicher Nachteil einer Doppelbelegung ist die Organisation, nämlich mit der durch die Läufigkeit ohnehin schon ausreichend gestressten Hündin zu zwei verschiedenen Deckrüden fahren zu müssen. Gerade bei seltenen Rassen wie dem Großspitz müssen Züchter oft erhebliche Strecken auf sich nehmen, um den favorisierten Deckrüden zu besuchen. Abhilfe könnte hier mein Vorschlag schaffen, dass es wieder Usus wird, dass die Rüden zur Hündin kommen.

 

Für jeden Deutschen Spitz im VDH und in der Dissidenz (auf jeden Fall in den größten Dissidenzvereinen ist das Pflicht) muss einen sogenannten DNA-Fingerprint erstellt werden. Für den Vaterschaftstest werden die DNA-Fingerprints der Welpen dann mit denen der Elterntiere abgeglichen. Durch diese Gentestung ist die Vaterschaft einwandfrei festzustellen.

Stand: 10.01.2022

Kommentare: 2
  • #2

    Daniela - Preußenspitz (Mittwoch, 21 September 2022 09:46)

    Hallo Birgit, wie genau so eine Leistungsprüfung ablaufen sollte, muss ich mir erst noch erarbeiten, konkret habe ich dahingehend noch nichts auf dem Schirm. Ich würde mir halt anschauen, wie die Prüfungen bei anderen Hunderassen ablaufen und auch mal in alten Materialien kramen, wie man da früher beim Spitz vorgegangen ist, denn die Landesjagdverbände, die selbst Spitze gezüchtet haben, haben die Eignung der Tiere ja auch abgeprüft: https://www.preussenspitz.de/jagt-der-spitz/

    Viele Grüße!

  • #1

    Birgit (Sonntag, 18 September 2022 18:23)

    Überlegung: Showlinie & Leistungslinie

    Hallo Daniela, du machst dir so viel Mühe ....
    Gerne würde ich wissen wie du dir eine Leistungsüberprüfung vorstellst.
    Was soll diese beinhalten? Sollte die für Wolfs und Großspitze identisch sein?
    Prüfungen dürfen logischerweise nur von "Richter" abgenommen werden, Qualifikation dieser Person?

    würde mich über eine Rückmeldung freuen :-)