Das soziale Lernen des Hundes


Vorwort

Birk soziales Lernen
...gar nicht mal so doof der Birk!

Mensch und Hund leben seit Jahrtausenden miteinander und voneinander. Bis vor kurzem lief die Mensch-Hund-Beziehung sehr gut, obwohl es weder Hundeschulen noch Welpengruppen oder gar Auslastungsmodelle gab. Seit einigen Jahrzehnten ist jedoch der Wurm drin, was meiner Meinung nach daran liegt, daß wir den Hund nicht mehr intuitiv wahrnehmen und erziehen, sondern ihn durch reine Methodik zu einer Art Funktionsablaufsmaschine umkonditionieren möchten. Dabei ist der Hund super intelligent und in der Lage, durch Nachahmung und Einsicht zu lernen. Dieser Artikel möchte aufzeigen, daß ein Hund mehr kann und mehr ist als ein dressiertes, durchsozialisiertes Accessoire und daß man ihn und seine Intelligenz durch "Erziehung" über Konditionierung beleidigt, ihn zu einem Leckerchen-Zombie degradiert und ihm damit vorallem nicht gerecht wird. Dies alles wirkt sich natürlich auch auf die Beziehung zwischen Mensch und Hund aus - vollkommen logisch, wenn man nicht als Persönlichkeit wahrgenommen wird, sondern als Volldepp.

Was bedeutet "soziales Lernen"?

Hunde können sozial lernen, das heißt, sie lernen durch Nachahmung, daher nennt man das soziale Lernen auch "Lernen am Modell". Diese Form des Lernens ist an das Beobachten von Vorbildern/Modellen/ Mitgliedern der eigenen Gruppe/ Familie geknüpft. ­Anders als bei der Verknüpfung zwischen Reizen durch Konditionierung geschieht hier das Lernen über die Beobachtung eines Modells mit anschließender Nachahmung.

Wozu lernt der Hund "sozial"?

Hunde sind soziale Lebewesen, ­weshalb sie auch in sozialen Kontexten ­lernen. Soziales Lernen - Lernen durch Beobachtung - bringt dem einzelnen Lebewesen einige Vorteile gegenüber dem individuellen Lernen, demjenigen Lernen also, bei dem die Problemlösung ganz alleine gesucht und gefunden wird.

 

Die Vorteile des Lernens am Modell sind offensichtlich: auch komplizierte Inhalte und Verhaltensweisen können gelernt werden, ohne auf das langwierige (und mitunter desillusionierende) Lernen nach dem Prinzip des "Shapings" oder durch "Try & Error" zurückgreifen zu müssen.

Besonders junge Tiere profitieren vom ­sozialen Lernen. Sie lernen im Sozial­verband Gefahren kennen, ohne sich selbst zu gefährden. Sie bekommen Informationen über Ressourcen und Feinde von ihren Sozialpartnern präsentiert. Das Lernen erfolgt zudem schneller als durch eigenes ­Überlegen.

Es existieren übrigens Hinweise darauf, daß hundliche Lernstrukturen in manchen Kontexten sogar mit denen kleiner Kinder vergleichbar sind. Ins­gesamt zeigt sich, daß Hunde sehr komplex denken und handeln und sich gerne an ihrem Sozial­partner orientieren. Ein derartiges Zusammenspiel vertieft mit Sicherheit die Bindung. In jedem Fall hilfreich ist es auch für den einzelnen Hundehalter, seinen eigenen Hund einfach einmal genauer zu beobachten, um zu erkennen, welche erstaunlichen kognitiven Fähigkeiten in ihm schlummern.

Spiegelneuronen

Grundlage für das Lernen durch Nachahmung sind vermutlich sogenannte „Spiegelneurone“, das sind Nervenzellen. Spiegelneurone lösen bei der Beobachtung der Handlung eines anderen die gleichen Vorgehensweisen aus, wie sie auch entstehen würden, wenn diese Handlung selbst durchgeführt würde. Sie „spiegeln“ sozusagen im Kopf die beobachtete Handlung und lösen dabei die gleichen Prozesse aus, als wenn die Handlung selbst ausgeführt werden würde.

 

Spiegelneuronen wurden bisher nur bei Menschen bzw. Primaten entdeckt, sowie bei unseren Haushunden. Es wird davon ausgegangen, daß die Reaktion der Spiegelneuronen nicht nur durch Aktivitäten anderer ausgelöst wird, sondern auch durch Emotionen anderer. Dies wäre eine Erklärung für die jedem bekannte Stimmungsübertragung zwischen Hund und Mensch.

Soziales Lernen vs. formales Lernen (Dressur)

Es gibt eine strikte Unterscheidung zwischen sozialem und formalem Lernen. Die Annahme, dass die Unempfindlichkeit eines Hundes gegenüber Umweltreizen durch Dressur - durch das formale Lernen - also über „Sitz, Platz, Fuß“ erwirkt werden kann, ist ein großer Schwachsinn. Umwelttauglichkeit ist nur über das soziale Lernen erreichbar, und zwar über die Glaubwürdigkeit (Authentizität) des Menschen gegenüber seinem Hund. Diese Glaubwürdigkeit wird dadurch erzielt, daß sich Mensch und Hund miteinander auseinandersetzen und sich auf einander beziehen - was auf persönlicher Ebene geschieht und nicht mittels Leine, Keks und Spieli.

 

In der Hundeausbildung wird leider seit vielen Jahren auf Vermenschlichung und Bestechung gesetzt, womit die Beziehung zwischen Mensch und Hund zu einer Art Geschäftsbeziehung heruntergewirtschaftet wird. Leider wird diese "neue Normalität" noch verstärkt, indem behauptet wird, daß man selbst ja auch nicht "umsonst" arbeiten würde.

 

Es ist wichtig, dem Hund möglichst natürlich gegenüberzutreten, ohne die Stimme zu verstellen und den Körper zu verrenken oder dem Hund gute Laune vorzuspielen, die man nicht hat. Der Hund merkt das, der ist nicht blöde. Natürliches und authentisches Auftreten bringt die nachhaltigsten Erfolge. Durch Locken und Bestechen ergibt sich bestenfalls eine Bindung, solange kein Reiz auf den Hund wirkt. Genau dann aber, wenn es darauf ankommt, klappt es nicht. Mit anderen Worten: Die meisten Hundehalter haben in reizarmer Umgebung eine gute Bindung zu ihrem Hund und bei reizstarker Umgebung eine katastrophale Beziehung.


Arten des sozialen Lernens


Prägung & Tradition

Um wirklich zu verstehen, wie komplex das Lernen durch Nachahmung ist, ist es notwendig, einzelne Begriffe voneinander abzugrenzen. Jeder kennt das Beispiel der Graugänse, die dem ersten Lebewesen folgen, dem sie nach dem Schlüpfen begegnet sind. Man nennt dies die Prägung. Diese Prägung geschieht innerhalb eines sehr engen zeitlichen Rahmens und ist kaum umkehrbar. Bei Säugetieren spricht man auch von „Phasen der Sozialisation“. Hunde müssen z.B. bereits in frühester Kindheit engen Kontakt mit dem Menschen haben, um später Menschen gegenüber nicht scheu zu reagieren. Herdenschutzhund-Welpen wachsen inmitten der Herde auf und werden so auf die Tiere geprägt, die sie später bewachen sollen. 

 

Von einer Tradition spricht man, wenn innerhalb eines Sozialgefüges bestimmte Verhaltensweisen gezeigt werden, die bei anderen Tieren der gleichen Art nicht gezeigt werden. Von Tradition spricht man nicht bei angepassten Verhaltensweisen, die aufgrund bestimmter ökologischer Bedingungen notwendig werden.

Imitation und Konditionierung

Das Lernen durch Nachahmung kann auch mit Konditionierung zusammen wirken. Ein Hund der lernt, daß es sich lohnt, ein bestimmtes Verhalten nachzuahmen, wird dies höchstwahrscheinlich erneut zeigen. Das kann auch immer wieder bei Hundegruppen beobachtet werden, unter denen sich mindestens ein jagender Hund befindet. Hetzt dieser Wild und die anderen Gruppenmitglieder schießen sich ihm an, dann schauen sie sich das Verhalten nicht nur ab – sie machen durch die Ausschüttung von Endorphinen während der Hatz auch noch die Erfahrung, daß sich dieses Verhalten lohnt. Die Wahrscheinlichkeit daß wieder jagen werden vergrößert sich dadurch immens.

Nachahmung

Automatische Nachahmung

Man stellte bei Experimenten fest, daß Hunden die Fähigkeit zur ­„automatischen Imitation“ innewohnt. So sollten sie in einer Gruppe genau nachahmen, daß der Mensch eine Tür entweder mit seiner Stirn oder mit seiner Hand öffnete. Man belohnte in einer Kontrollgruppe nur Ver­halten, das das genaue Gegenteil dessen darstellte, was der Besitzer tat. Die Fehlerquote bei diesen Hunden war dabei höher als in jener Gruppe, in der die Hunde für das exakte Nachahmen belohnt wurden. Insgesamt wird die automatische Nachahmung als Voraussetzung für das Lernen durch Nachahmung angesehen. Wenn man seinem Hund antrainieren möchte, die Pfote zu heben, kann man ruhig einmal den Versuch wagen, dem Hund die Übung einfach vorzumachen und selbst den eigenen Arm zu heben. 

 

Einfache und echte Nachahmung

Nachahmung ist nicht gleich Nach­ahmung. Wird ein Lebewesen lediglich auf ein Objekt oder einen Ort aufmerksam gemacht, der dann vom anderen Lebewesen eingehender inspiziert wird, so spricht man von ortsbezogener Verstärkung. Ein klassisches Beispiel: ein Hund sieht, daß ein anderer Hund intensiv an einer bestimmten Stelle schnüffelt und begibt sich nun selbst dorthin, um zu erkunden, was da so interessant ist. Bei der einfachen Nachahmung ahmt das beobachtende Individuum die Handlung eines anderen nach, ohne jedoch den tieferen Sinn oder das Ziel der Handlung zu verstehen. Davon zu unterscheiden ist die echte Nachahmung, bei der der Beobachter zielgerichtet agiert, weil er den Zusammenhang zwischen den Verhaltenskomponenten und dem Ziel der Handlung begreift.

 

Selektive und objektbezogene Nachahmung

Friederike Range erstaunte 2007 die Hundewelt mit ihrer Feststellung, daß Hunde sogar in der Lage seien, selektiv zu imitieren. Sie fand heraus, daß Hunde dazu neigen, nur sinnvolle Handlungen nachzuahmen. So sollten Hunde von einer sogenannten "Vorturner-Hündin" ein besonders ungewöhnliches Verhalten abschauen: sie benutzte zur Lösung eines Problems nicht die Schnauze, wie es Hunde bevorzugen, sondern die Pfote. Hielt die Hündin, die sie beobachteten, in ihrem Maul einen Ball und konnte deshalb nur die Pfote zur Problemlösung benutzen, so benutzten die Beobachter-Hunde überwiegend weiterhin ihr Maul. Sie erkannten, daß die Vorturnerin einen Grund für ihr Verhalten hatte. Ein klarer Hinweis für Mitdenken und für die Fähigkeit zur Unterscheidung von sinnvollem und sinnlosen Verhalten.

Sonderfall Überimitation

Hunde sind gute Beobachter und sozial lernfähig, sie zeigen sogar Ansätze zur sogenannten Überimitation. Bei diesem Phänomen handelt es sich um das getreue Kopieren von kausal irrelevanten Handlungen – ein Verhalten, das bisher bei keinem nicht-menschlichen Lebewesen (nicht mal bei Menschenaffen) nachgewiesen werden konnte. Ähnlich wie bei Kindern scheint das Lernen von Hunden durch das Nachahmen ihrer Bezugspersonen ein tiefgreifender sozialer Prozess zu sein.

Vom Menschen lernen

Von wem lernen Hunde besser oder am liebsten? Hunde, insbesondere Junghunde, können von anderen Hunden lernen, die bereits über einen besseren Ausbildungsstand verfügen. Besonders aber sprechen Hunde auf menschliche Vorbilder an. Es fällt ihnen sogar leichter, eine Aufgabe zu bewältigen, wenn der Mensch ihnen den Lösungsweg einmal vormacht. Hunde sind sehr empfänglich für Hinweise aus ihrem sozialen Umfeld (menschliche Zeigegesten) und sie beobachten uns sehr ­gern. Je häufiger ein Hund erfahren hat, daß sein Mensch ihm die Lösung eines Problems vor­machen kann und der Hund sich daher auf die Kenntnisse seines Menschen ver­lassen kann, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Hund dem Verhalten seines Menschen Aufmerksamkeit schenkt und es imitiert.


Zusammenfassung


Hunde lieben es uns zu beobachten und sind in der Lage, konkret den Zusammenhang zwischen einer Handlung und dem Ziel dieser Handlung zu verstehen. Auch können sie zwischen sinnvollen und sinnlosen Handlungen unterscheiden. Gerade diese Fähigkeit zur Unterscheidung zeigt doch deutlich auf, welche geistigen Leistungsfähigkeiten in unseren Hunden schlummern, übertreffen sie doch sogar Primaten (zum Beispiel beim Deuten von Zeigegesten). Hunde sind zudem unglaublich empathiefähig, daher sollte man sich wirklich genau überlegen, ob man einem Hund gerecht wird, wenn man auschließlich über "Klick und Lecker" erzieht und ihn somit zu einer "Reiz-Reaktions-Maschine" degradiert.

Auswirkungen des sozialen Lernens in der Praxis

Bei der Mehrhundehaltung muß bedacht werden, daß jede Interaktion und jedes Lob bzw. jede Strafe die man dem einen Hund zukommen lässt, einen Einfluss hat auf den/ die anderen Hund(e) hat. Es ist somit klar, daß zu einem unerzogenen Hund kein neuer Hund dazugeholt werden sollte. Der neue Hund wird sich das Verhalten abschauen und bald hat man zwei Pöbler an der Leine, die einem daheim gemeinschaftlich den Hackbraten aus der Pfanne klauen.

 

Auch Gruppenspaziergänge, bei denen unerzogene oder jagende Hunde dabei sind, können einen negativen Einfluss auf den eigenen Hund haben, der sich das Verhalten abschauen und schließlich übernehmen kann.

Und heutzutage?

Soziale Kompetenzen wie Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit oder Empathie gehen uns allen immer mehr verloren. Leider bleiben auch unsere Hunde davon nicht verschont. Andererseits beherrscht unsere Gesellschaft heute ein durch die Medien bestimmtes Weltbild. Kinder erfahren und entdecken ihre Umwelt nur noch wenig selbst, sind sie doch massiv überbehütet - Stichwort: Helikoptermütter - die Eltern fungieren als materielle Belohnungsautomaten und Terminvollstrecker. Der allseitige Belohnungskonsum zwingt den Menschen durch Medien und Werbung Dinge auf, nicht gebraucht werden. Dies ist 1:1 auf unsere Hunde übertragbar.


Das materielle Belohnungsprinzip ist zum bequemsten Motivationsmittel aufgestiegen. Eingestuft als "DIE" positive Motivation - so scheint es zumindest auf dem ersten Blick! Alles wird materiell belohnt, wirklich alles. Wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch bestätigt, daß durch die Aussicht auf materielle Belohnungen der innere Antrieb manipuliert wird, die intrinsische Motivation wird langfristig zerstört!


Hunde kommen heute in sozial instabile und medial beherrschte Familien, ihnen wird wenig Raum für eigene Erfahrungen in der Umwelt gegeben. Auch hier fungieren die Menschen als Futterautomaten. Das hochsoziale Individuum Hund kommt also in eine Umgebung, in der ihm seine emotionalen und sozialen Fähigkeiten mittels Belohnungsprinzip abgewöhnt werden. Der Mensch bestimmt zudem massiv über den Hund. Er schreibt ihm vorfertigte Erfahrungen via "Sozialisierungsstundenplan" vor, angefangen von Welpengruppen bis hin zu angeblich artgerechten Sportarten, er läßt ihn keine eigenen Erfahrungen machen, überbehütet ihn und verdammt ihn in die erlernte Hilflosigkeit, so daß der moderne Hund zum Teil nicht mal mehr dazu in der Lage ist, sich selbst die Schneeklumpen zwischen den Zehen herauszupulen. Hier wird echte Kommunikation ignoriert, der Lernprozess des sozialen Lernens einzig auf mechanische Abläufe reduziert. Es wird lieber ein vollfunktionstüchtiger "Super-Duper-Muster-Hund" kreiert und idealisiert, den jeder moralisch einwandfreie Hundehalter gern sein Eigen nennen würde.

Die Theorie des sozialen Lernens kann hier schlußendlich auch den theoretischen Hintergrund für jene Konzepte anbieten, die besagen, daß der Mensch den Hund führen muß und ihm Orientierung bieten muß. Der Hund muß in seinen Anliegen als Hund (nicht als Kinderersatz, Sportgerät oder modisches Accessoire) ernst genommen werden, ihm muß verständlich klargemacht werden, was von ihm erwartet oder gefordert wird., er muß geführt werden. Nur so bekommt das Verhältnis zwischen Hund und Halter eine faire Basis und kann letztlich zu einer ehrlichen Beziehung führen.

 

Eine Führungspersönlichkeit kann man als Vorbild für den Hund begreifen, das zur Nachahmung einlädt. Voraussetzung für den damit verbundenen Respekt seitens des Hundes sind Ruhe und Souveränität des Halters, sowie seine offensichtliche soziale Kompetenz. Aus diesem Blickwinkel heraus ist es kompletter Quatsch, sich als Hundehalter für den Hund zum Lappen zu machen, mit Leckerchen zu wedeln oder Käsewürfel in Bäumen zu verstecken, um sich interessant zu machen. Kompetenz strahlt man als Humpty Dumpty ja jetzt eher nicht aus....

 

Hier wird jedoch auch deutlich, wie wichtig die Sozialbeziehung zwischen Mensch und Hund ist. Ansprache und die Befriedigung der sozialen Bedürfnisse sind letztlich das Zünglein an der Waage, nicht die Auswahl des richtigen Superleckerlis. Die Mensch-Hund-Beziehung muß also ganzheitlich betrachtet werden, auch in der Hinsicht, daß der Hund eben nicht als Automat begriffen wird, der je nach Lob und Tadel Verhalten A oder Verhalten B zeigt.


Fazit


Während die Erziehung über körperliche Strafen mehr und mehr „verpönt“ ist, sind Erziehungsmethoden über die so genannte "positive Verstärkung" im Trend! Allerdings bringt eine permanente Belohnung erwünschten Verhaltens den Hund in eine ständige Erwartungshaltung und daraus resultierend zeigt er vermehrt dieses erwünschte Verhalten. Was sich in Beschreibungen schön liest, bedeutet für den Hund letztendlich die Aufgabe seiner eigenen Identität, er tut nur noch das, wofür er belohnt bzw. bezahlt wird. Selbst das Wortspiel der "sozialen Belohnung" wird dort eingeflochten – eine Zuwendung, etwas Leberwurst, ein Spiel als Belohnung. Zuwendung nach Bedingungen hat nichts mit einer bedingungslosen Liebe gemein, denn Zuwendungen beinhalten stets nur einen Wert, wenn sie nicht an Bedingungen geknüpft sind!

Preußenspitz soziales Lernen positive Verstärkung
Kein normaler Hund glotzt seinen Halter so an, hier ist ganz klar die Dessur auf Futterbelohnung ersichtlich

Der Hauptfehler in der praktischen Hundeerziehung ist, daß Hundehalter mit dem formalen Lernen beginnen anstatt mit dem sozialen Lernen. Es wird beispielsweise versucht, dem Hund mit Futter „Sitz“ beizubringen und für jeden Blick zum Halter mit Futter zu belohnen. Allerdings erschafft man sich so nur einen dressierten Zombie. Soziales Lernen muß daher unbedingt an erster Stelle in der Hundeerziehung stehen, denn der Hund soll ja lernen, wie er sich in unserer Welt angemessen sozial verhält. Dazu gehören Verträglichkeit mit anderen Menschen und anderen Hunden, Umweltsicherheit, Frustrationstoleranz und Ausgeglichenheit. Letztlich ist es wesentlich mehr wert, wenn der Hund weiß, daß er Oma Kasulcke das Eis nicht aus der hand klauen darf, als wenn er seinen Namen rückwärts zu tanzen gelernt hat. Soziale Kompentenz kann man nämlich nicht über die klassische Konditionierung "aufdressieren".

 

Soziales Lernen beginnt bei uns Hundehaltern, beim Respektieren des Hundes als ein "Jemand", als eine Persönlichkeit. Soziales Lernen heißt auch: man versucht nichts, sondern man kommt vom Reagieren ins Agieren. Man bringt sich selbst bei seinem Hund ein und setzt sich liebevoll - jedoch konsequent - durch, damit man gemeinsam mit dem Hund Schritt für Schritt ans Ziel kommen kann. Das bedeutet, man verkauft sich nicht für ein Stückchen Wurst, sondern setzt sich mit seinem Hund auseinander und das nicht nur auf Basis von "Liebe" (wohl eher Affenliebe) – nein, man bringt sich mit ganzem Herzen ein, nicht mit Keksen. Das Resultat: Durch Respekt und Vertrauen entsteht eine echte und harmonische Beziehung.

 

Auch sollten wir Menschen dem Hund dabei den Freiraum schaffen, Erfahrungen zu sammeln und auch einmal aus Fehlern zu lernen. Ständige Verbote, für den Hund zumeist nicht nachvollziehbar, frustrieren ihn und führen entweder dazu, daß er bei der nächsten Gelegenheit "die Biege macht“, um sich eben auszuprobieren, oder aber die permanenten Verbote verformen ihn zum unselbständigen Befehlsempfängerzombie. Hier gilt es, den Hund als ein Jemand zu akzeptieren, der innerhalb klar gezogener Grenzen ein Recht hat auf eigene Erfahrungen, auf eigene Vorstellungen und auf eigene Lösungen [und auch auf eine eigene Sexualität (siehe "Die Kastration"); dem Hund seine Sexualität und sein Geschlecht zu nehmen, raubt ihm einen großen Teil seiner Identität]. Wird er mittels verschiedenster Hilfsmittel auf die konditionierte Abfolge diverser Kunststücke beschränkt, schaffen wir uns damit eine willenlose und würdelose Kreatur, mehr nicht!

 

Daher: Nehmen Sie Ihren Hund als Hund wahr und gestehen Sie ihm innerhalb eines gewissen Rahmens auch Freiheiten zu. So vermitteln Sie Verlässlichkeit und Sicherheit, sowie Respekt vor ihm als Individuum. Vertrauen Sie sich selbst, Sie kennen Ihren Hund am Besten! Machen Sie sich frei von dem Besserwissen aller anderen und von angeblichen gesellschaftlichen Zwängen. Sie müssen nicht in eine Hundeschule oder in eine Welpengruppe mit Ihrem Hund, wenn Sie sich dabei nicht gut fühlen, Ihr Hund lernt eh am Besten von Ihnen, weil er eben hochsozial ist. Stehen Sie zu Ihrem Hund, zu Ihrer Meinung, zu Ihrem Bauchgefühl, Sie teilen täglich Ihr Leben miteinander und sind der Experte für Ihren Hund, lassen Sie sich also nicht reinreden und erziehen Sie wieder intuitiv und nachhaltig!

Stand: 10.04.2021

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