Ein Spitzwelpe zieht ein


Die Welpenerziehung ist leider auch so ein Minenfeld aus Fehlinformationen. Und je mehr Bücher, Videos, Blogs und gut gemeinte Ratschläge man sich zu Gemüte führt, desto weniger Gefühl hat man - meiner Ansicht nach - für das Thema ansich. 

 

Das Ankommen in der neuen Familie

Das Wichtigste zuerst: wenn der kleine Spitz einzieht, wird er idealerweise von der ganzen Familie abgeholt. Alternativ müssen wenigstens alle Familienmitglieder bei seiner Ankunft anwesend sein, um ihn in seinem neuen Heim willkommen zu heißen. Diese Tatsache erscheint nicht wichtig, ist es aber, denn ausschließlich die anwesenden Familienmitglieder werden vom Spitzling als zur Gruppe dazugehörig abgespeichert. Wer später dazukommt, wird für den Spitz nie ganz zum engsten Kreis gehören und nie im selben Maße respektiert werden wie die anderen.

 

Die ersten Tage im neuen Zuhause entscheiden sehr nachhaltig darüber, wie sich das Spitzkind entwickeln wird. Gewährt man ihm zu viele Freiheiten - die wir als Menschen durchaus als höflich und freundlich betrachten - ist es recht wahrscheinlich, daß man in Zukunft Probleme haben wird. Denn kommt ein Hund in ein neues Hunderudel, wird dieser Hund zunächst relativ streng reglementiert - und eben nicht mit einer Willkommens-Party empfangen. Auf den Welpen übertragen heißt das, daß er eben nicht entscheidet, wohin er geht und ob er am Stuhlbein knabbert, sondern daß der Welpe sofort und ohne Mitleidsschonfrist die Hausregeln kennenlernt. Die Regel hier lautet: erst die Kontrolle, dann die Freiheit. Und diese Reihenfolge ist insofern wichtig, als daß Kontrolle eben auch immer Sicherheit beinhaltet. Also lieber erstmal zu streng, als zu lasch. Natürlich betrifft all das auf gar keinen Fall die Streicheleinheiten und den Körperkontakt, welche für den Welpen essentiell sind. Gemeint ist das richtig Verhältnis von Respekt und Zuneigung. 

 

Der Schlafplatz beim Einzug

Der Spitzling schläft in den ersten Nächten bestenfalls NICHT in einem Käfig oder Kennel oder in einer Box. Bei seiner Hunde-Familie hat man doch abends gekuschelt und zumindest hat man nahe beieinander geschlafen. Daher sollte man den Kleinen wenigstens sehr nah bei sich mit im Schlafzimmer schlafen lassen, oder noch besser mit im Bett. Immer dran denken: der wurde aus seinem familiären Kreis gerissen, der braucht erstmal Körperkontakt. Darauf zu achten ist im Prinzip ein Garant für eine tiefe Verbindung zwischen Mensch und Hund.

 

Die Box schmackhaft machen

Natürlich kann man nach einer Weile auch eine Box oder ein Welpengehege nutzen; nur wie den Welpen in die Box bekommen? Ganz einfach: man nehme etwas Leckeres zu Essen für den Kleinen und positioniere sich vor der Box. Der Kleine bekommt ein paar Happen, dann wird das restliche Futter - gut sichtbar für den Welpen - in die Box geschmissen und die Tür der Box geschlossen. Welpe ist vor der Box, Futter drinnen. Der Kniff dahinter ist, daß auf diese Art und Weise der Welpe eines will: er will UNBEDINGT in die Box. Man kann ihn jetzt noch ein paar Minuten schmoren lassen, bevor sich die Boxentür öffnet und die Kekse schnabuliert werden können. Das kann man ein paar Mal wiederholen, bis man dann - erst nur kurz - die Tür schließt. Man kann so die Box sehr schnell als einen ganz tollen Ort etablieren, da der Welpe eben von sich aus - intrinsisch motiviert - hinein möchte.

Gassi gehen

Welpen haben in der ersten Zeit einen natürlichen Folgetrieb, den man nutzen sollte. Da Welpen Nesthocker sind, ist es auch nicht erforderlich, mit ihm in der ersten Zeit die Umgebung zu erkunden. Es ist vollkommen ausreichend, wenn man sich einen Ort ganz in der Nähe aussucht, der ruhig und grün ist und nur dorthin mit ihm geht, damit er sich lösen kann. Damit erübrigt sich dann auch das Thema "Leinenführigkeit" beim Welpen. Man kann den Kleinen komplett ohne Leine an seinem Pipiplatz herumlaufen lassen, der haut nicht ab. Wo soll er denn auch hin, er hat ja kein Geld!? 😉 Zudem fördert dieses Verhalten gleich eins: der Welpe lernt, auf seinen Menschen zu achten. Denn wie alle Kinder hat er eine große Angst: die Angst davor, verloren zu gehen. All das zerstört man sich, indem man den Kleinen gleich an der Leine hinter sich her schleift. Und wenn Leine, dann bitteschön immer darauf achten, daß der Karabiner am Halsband ganz locker hängt und sich nicht aufstellt.

 

Weiterhin würde ich den Welpen in der ersten Zeit auch immer mal wieder tragen, z.B. auf dem Weg zur Pipiwiese oder in neuen Situationen. Man darf die Reizüberflutung des Welpens nicht unterschätzen, daher kann er sich von seiner erhöhten und sicheren Position auf dem Arm erstmal einen Überblick verschaffen.

 

Das bekannte "in-die-Leine-beißen" von Welpen und Junghunden ist übrigens keine lustige Marotte junger Hunde, sondern sagt eindeutig aus, daß sich das kleine Tier von seinem Menschen aber mal gar nicht in seiner Freiheit einschränken lassen will. Hier sollte dann dringend auf der Respektebene nachgearbeitet werden. Oft ist es auch Folge von zu frühem Anleinen und durch-die-Gegend-schleifen des Jungspundes.

Klingeln, wenn die Blase drückt

Oft herrscht ja am Anfang der Mensch-Hund-Beziehung das Problem vor, daß man sich eben noch nicht so gut kennt und die Körpersprache des anderen nicht astrein versteht. Nun gibt es eine schöne Methode, die dem Welpen die Möglichkeit gibt, sich unverkennbar bemerkbar zu machen, wenn die Blase drückt:

 

Erstmal konditioniert man das Hundekind auf den Clicker, bis das Prinzip verstanden ist. Man nehme dann eine Kuhglocke oder eine ähnlich große Glocke und hänge sie so innen an die Eingangstür, daß der Welpe gut mit dem Näschen rankommt. Dann kann man eine kleine Menge Leberwurst (Hauptsache streichfähig) auf die Glocke schmieren; wenn dann der Welpe diese zum Ablecken der Wurst berührt, dann "clickt" man. Nach und nach kann man dann das Signalwort ("Ding" oder "Glocke" oder so) antrainieren, bis es sitzt. Weiter geht's, indem man den Welpen vor dem Losgehen zum Gassi an der Glocke bimmeln lässt; das Rausgehen ersetzt dann die Leberwurst als Belohnung. Viel schneller als man meint, kann der Spitz dies lernen und kann somit direkt mit seinem Mensch kommunizieren. Das stärkt die Bindung und vermeidet das eine oder andere "Malheur". Natürlich geht das auch mit so einer Art "Rezeptionsglocke", die man auf den Boden stellen kann.

 

Der Schlaf

Ganz wichtig: Schlaf, Schlaf und noch mehr Schlaf. Tricks und Kommandos usw. kann man dem Welpen immer noch beibringen. Erstmal lernt er Ruhe. Hunde brauchen lockere 18 Stunden Schlaf am Tag und ein Hundekind bis zu 22 Stunden. Im Prinzip haben Hunde das gleiche Schlafbedürfnis wie Katzen, nur daß man ihnen so viel Schlaf selten zugesteht. Da hört man von Auslastung und großen Spazierrunden, damit der Welpe oder Junghund schön müde wird. So erschafft man sich einen überdrehten Hund, da das sich immer noch formende Nervensystem fortwährend Cortisol und Noradrenalin produziert und der Hundekörper den erhöhten Pegel irgendwann beibehält. Wenn es bei Kuno gar nicht mehr ging, weil er so überdreht war, habe ich ihn in dem Raum, in welchem ich mich gerade aufgehalten habe, kurz an die Heizung oder den einen Tisch gebunden. Nach zwei Minuten Protest kam der Sandmann und das Hundekind fiel in einen tiefen, tiefen Schlaf, obwohl es ja vorher der Meinung war, kein Stück müde zu sein....

 

Das Spielzeug

Egal welches, es sollte frei von Weichmachern sein, da diese das Erbgut schädigen und zwar generationenübergreifend (siehe "Die Weichmacher"). Permanenten Zugriff auf sein Spielzeug sollte man nicht gewähren, da der Welpe sonst alles tut, außer schlafen. Die Regel hier lautet: zu Hause ist's so langweilig, da kann man auch gleich Schlafen gehen 😉

 

Wieviel Bewegung braucht der Jungspitz?

Wenn es um die Frage der Bewegung von Welpen und Junghunden geht, liest man immer wieder Aussagen wie die, daß ein Welpe nur 5 Minuten pro Lebensmonat spazieren gehen dürfe und man nur ja keine langen Strecken mit dem Welpen laufen darf. Das richtige Maß an Bewegung zu finden, stellt anscheinend für viele ein großes Problem dar. Ich sehe das ganz pragmatisch: alle Kinder brauchen Bewegung um sich ordentlich zu entwickeln. Wenn der Spitznachwuchs also die Bude in Schutt und Asche legt, versuchen Sie es doch einfach mal mit etwas mehr Bewegung und weniger erzwungener Ruhe. Könnte Wunder wirken :-)

 

Das Sozialspiel

Eine ganz hervorragende Möglichkeit, die Beziehung mit dem Welpen zu intensivieren, ihn kennenzulernen und zudem noch seine Frustrationstoleranz und die Beißhemmung zu trainieren, ist das Sozialspiel. Mehr dazu kann man hier nachlesen.

 

Da das Beutefangverhalten bei jungen Hunden - insbesondere beim nicht-jagenden Spitz - generell nicht gefördert werden sollte, muss bestenfalls erstmal auf alle Spiele mit Hetz- oder Jagdelementen verzichtet werden, wie z.B. Ballspiele, Zerrspiele etc. Junge Hunde sollten zuerst lernen, auf Bewegungsreize nicht zu reagieren, denn auch hier gilt die Regel „erst die Kontrolle, dann die Freiheit“. 

 

Spitzlein allein zu Haus

Kann der Welpe problemlos, schließlich lernt er es schon bei Mama in der Welpenstube. Natürlich nicht direkt 5 Stunden, man braucht aber auch nicht mit minütlichen Steigerungen arbeiten, das ist unnötig. Ist der Spitzerich ein Knabberfuchs, der an allem herumkauen mag, dann verfrachtet man ihn lieber in eine Box oder in ein Welpengehege. Birk ist von Anfang an (gleich ab dem 2. Tag) allein geblieben und hat daher keinerlei Probleme damit.

 

Oft liest man davon, dem Welpen zur Beschäftigung etwas zum Kauen dazulassen, bevor man weggeht. Davon würde ich dringend, wirklich dringend abraten! Es sind schon einige Welpen an Schweineohren oder Ochsenziemern erstickt. Kuno hatte als Welpe auch mal ein Lammöhrchen gefährlich tief im Rachen querhängen und hätte es allein nicht mehr herausbekommen. 

 

Den Welpen füttern

Wie an anderer Stelle erwähnt, sollte man sich nicht verleiten lassen, den Spitzwelpen mit nur einem Futter zu ernähren. Abwechslung macht Spaß und schafft Toleranz für alle möglichen Nahrungsmittel. Insgesamt würde ich schon schauen, daß die Nährstoffzusammensetzung welpengerecht ist und von der Menge her passt. Gerade was das Calcium-Phosphor-Verhältnis anbelangt, sollte man Experimente vermeiden und sich ggf. lieber an einen Ernährungsberater wenden oder sich selbst darin belesen. Wenn man möchte, kann man auch eine Gewichtskurve führen, um die Wachstumsgeschwindigkeit besser kontrollieren zu können. Weiterhin sei an dieser Stelle nochmals auf die "Kuh-Fütterung" hingewiesen. 

Die Abbruchsignale

Eigentlich das A und O in der Hundeerziehung. Im Prinzip braucht es auch nicht viel mehr, als ein gut funktionierendes Abbruchsignal. Hierbei ist es wichtig, ein neutrales Signal zu wählen (deswegen das Gezische, man kann aber auch "Käsekuchen" sagen, wenn man dabei die entsprechende Energie hat). Das Signal sollte klar und unmissverständlich sein, ohne emotionsaufgeladen rüberzukommen. Auch hier gilt, daß der Abbruch keine Strafe sein sollte, sondern eine Konsequenz darstellen muss, um vom Hund verstanden zu werden. Mehr dazu im Artikel "Die Erziehung des Spitzes".

 

Ist der Abbruch erfolgreich durchgesetzt worden, ist's auch schon wieder gut. In der Hundewelt ist man nicht nachtragend. Im Video kann vortrefflich beobachten, wie Hunde Hunde erziehen, da funktioniert es ganz ohne Leckerchen, Babysprache und Vollgequatsche des Hundes :-)

Erziehung unter Hunden


Die Bewegungseinschränkung

Noch wichtiger als die Abbruchsignale sind,  ist die Methode der Einschränkung der Bewegung des Welpen. Egal ob es darum geht, wo sich der Welpe aufhält, oder ob es um die Geschwindigkeit des Welpen geht: mit der Bewegungseinschränkung arbeiten die Hunde untereinander sehr stark, daher hat man auch hier eine Möglichkeit an der Hand, die einem selbst Respekt und dem Hund Sicherheit einbringt.

 

Der Welpenschutz

Gibt's nur im eigenen Rudel. Punkt. Für den Schutz des Welpens ist nun der Mensch verantwortlich. Längst nicht alle Althunde mögen Welpen und eine Hündin, die vielleicht gerade selbst Welpen führt, ist oft alles andere als begeistert von "fremder Brut" (siehe mein Artikel "Die Mehrhündinnenhaltung"). Daher sollte man schon Obacht geben und sich darüber im Klaren sein, daß man selbst für die Unversehrtheit seines Hundekindes zu sorgen hat. Insofern sollte man fremde Hunde - bei Unsicherheit über deren Intention - einfach wegschicken. 

Stand: 19.01.22

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