Eine Ode an den Wolfsspitz

Aus Westphalen kommen sie, die Wolfsspitze - auch "Fuhrmannsspitze" genannt - die keinerlei Ähnlichkeit mit ihrem Vetter, dem Wolf, haben. Treue Gefährten des Menschen sind sie, jedoch widerwillig jedem Schmeicheln und Einschleimen gegenüber; ernst, fast düster wirken sie im Gesichtsausdruck und in ihrer mürrischen Art sich zu geben. Faules Rumliegen kennen sie nicht, sie sind immer auf Zack, äußerste Wachsamkeit ist ihr Antrieb. Ein kräftiges Gebiss lässt es nicht zielführend erscheinen, mit ihnen Bekanntschaft zu machen. Aus dicker Löwenmähne um den Hals - als Schutz gegen die Bisse von kampflustigen Artgenossen und Vettern - schaut stets das misstrauisch blickende, glatte Gesicht heraus mit den kurzen aufrecht stehenden Ohren. Den mittelgroßen, quadratischen Körper schützt ein so dichtes Haarkleid, dass weder lästige Hitze noch grimmige Kälte, weder Regen noch Schnee bis auf den Hautboden gelangen kann. 

 

Harte Gesellen sind sie, unsere guten alten Wolfsspitze und wie keine zweite Rasse sind sie als Hof- und Wachhunde prädestiniert -  auch weil sie zusätzlich noch Hütetrieb und Treibhundeeigenschaften besitzen und sogar Rinderherden ganz selbstständig zu treiben vermögen. Daher verdienen sie es wieder, wie früher, von Bauern und Landwirten als nicht-wildernde Wachhunde gehalten zu werden. Aus eigener Beobachtung und nach den Berichten anderer Wolfsspitzhalter kann ich nur sagen, dass es geradezu frappierend wirkt, wenn unsere Wolfsspitze am weit geöffneten Hof- oder Gartentor stehen, als wäre vor ihnen eine unsichtbare Wand. Hasen können dicht vorbeihoppeln, Rotwild vorüberwechseln - der Wolfsspitz schenkt ihnen keinerlei Beachtung.

 

Unsere Wolfsspitze waren auch stets die treuen und zuverlässigen Wächter der Fuhrleute, die Hab und Gut auf dem Wagen bewachten, die sich nicht um das Wild kümmerten, das links und rechts des Weges stand, wechselte oder vertraut äste. Für diese Wachhunde durfte es kein Jagdvergnügen geben: ihr Bereich war der Wagen mit seiner oft wertvollen Last, zwischen dessen hohen Hinterrädern sie gehorsam und unangeleint liefen.

Wolfsspitz Schutzhund

Früher, als die Straßen auf dem Land noch von großen Misthaufen eingesäumt waren, bildeten diese für die Wolfsspitze einen herrlichen Hochsitz, von dem aus sie den Bereich vor dem Bauernhof und die Zugänge zum Stall besonders gut überblicken konnten. Wer ruhig seines Weges ging, den ließen sie unbehelligt, wer dagegen stehenblieb oder sich auffällig benahm, der musste damit rechnen, angegriffen zu werden. 

 

Sie sind aber auch wirklich ganz erstaunliche Hunde, unsere Wölfe: Sie sind keine unnötigen Beller, geben nur Laut, wenn's nötig ist und lassen sich dann auch gut zur Ruhe weisen. Sie sind schlau wie ein Fuchs, verstehen jedes menschliche Wort, wissen jeden nach seinem Charakter einzuschätzen und vergöttern die Kinder der Familie. Ihre Klugheit, ihr Einfühlungsvermögen in den Menschen sind immer wieder aufs Neue erstaunlich! Und erst der Gesichtsausdruck! Schauen sie einem doch direkt bis tief in die Seele. 🖤

 

Wolfsspitze sind sehr ursprünglich vom Wesen her, lieben viel Freiheit - Zwang ist ihnen verhasst - und sind äußerst naturverbunden. Viele Wölfe lassen sich auch im Winter zu gern draußen einschneien, während sich andere Hunderassen schon lange in ihre Behausung zurückgezogen haben. 

 

Äußerst beliebte Schutzhunde waren sie, unsere Wolfsspitze, welche nicht nur eine Polizeizulassung hatten, sondern sogar noch 1971 von der Bundeswehr angefragt wurden. Aber auch Wolfsspitze, die "nur" die klassische Schutzhundausbildung absolvierten, schnitten dort sehr oft überdurchschnittlich gut ab, wie beispielsweise der Wolfsspitzrüde "Arnim vom Pflänzerland", Bundessieger von 1953. 

Wolfsspitz Wachhund Bauern
Bauern mit Wolfsspitz

Leider sind diese Zeiten vorbei. Immer öfter sieht man sogenannte Wolfsspitze, die kaum größer sind als ein Mittelspitz und nur mit Mühe aus ihren Fellbergen herausschauen können. Es ärgert mich über alle Maßen, dass unser langlebiger und robuster Wolfsspitz immer mehr zu einem Spielzeughündchen verkommt. Der Wolfsspitz ist eine sehr alte, deutsche Hunderasse - keine holländische, keine englische oder was auch immer sonst so für Ammenmärchen durch den Äther geistern - daher ist Deutschland hier zuchtbuchführend und gibt den Standard beim Wolfsspitz sowohl für das Inland als auch für das Ausland vor. Was genau ist also geschehen, dass unserer Hunderasse im Ausland nicht einfach nur der Name genommen wurde ("Keeshond"), sondern dass wir uns in Deutschland immer stärker an dem orientieren, was im Ausland als Zuchtziel für den Wolfsspitz gilt - oder für das, was dort darunter verstanden wird? Umgekehrt wird ein Schuh daraus: das Ausland hat sich doch bitte gefälligst nach unserem Standard zu richten! 

 

Wir Liebhaber der Deutschen Wolfsspitze sollten daher alle bestrebt sein, das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden: Diese edle, alte Rasse ihrer ursprünglichen Aufgabe, Wächter von Haus und Hof zu sein, wieder zuzuführen, ohne die Zucht auf Form und Fell zu vernachlässigen (oder zu übertreiben!). Die Wolfsspitze müssen wieder auf die Bauernhöfe - und zwar in ihrer ursprünglichen Form, damit sie auch arbeitsfähig sind: also groß, mit adäquatem und hartem Fell und passender Schärfe. Denn so, wie der Jäger eben auch nicht mit einem Shih-Tzu oder einem Chihuahua jagen geht, sondern mit einem richtigen Jagdhund, so gehören in den Wachdienst ebenfalls nur jene Hunderassen, die eben geborene Wächter sind -  und das waren und sind unsere Deutschen Spitze. 

 

Habe die Ehre!

 

Weiterführende Artikel:

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Der Keeshond

Der Wolfsspitz und sein Fell

Wildert der Deutsche Spitz?

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