Birk vom Roten Turm


Wie ich auf den Birk kam

Nachdem ich mich nach Kunos Einzug etwas tiefer in die ganze Spitz-Materie eingearbeitet hatte, fand ich heraus, daß der Großspitz vom Aussterben bedroht ist, daher war es für mich direkt klar, daß ein eventueller Zweithund auf jeden Fall ein Großspitz werden sollte. Ursprünglich wollte ich auch warten, bis Kuno zwei oder besser noch drei Jahre alt ist und wir mit ihm aus dem Gröbsten raus sind. Natürlich kam es anders.....

 

Ich habe im Sommer 2020 mit einem wildfarbenen Rüden geliebäugelt, jedoch störte mich sein recht geringes Geburtsgewicht. Durch Zufall fiel mein Augenmerk auf einen frisch in die Spitzdatenbank eingetragenen, nur wenige Tage alten Wurf in Bayern. Ohne großartig nachzudenken habe ich die Züchterin Sirit Winter kontaktiert und bekam prompt die Antwort, daß voraussichtlich ein weißer Rüde frei wird. Besagter Rüde wurde frei und somit wurde mein Besuch bei der kleinen Familie festgezurrt.

Birks Kindheit

Birki hatte eine gute Kinderstube in Bad Tölz, mit einem schönen Garten, mit Katzen, einer Schildkröte und neben seiner Mutter seine Halbschwester Anuuk, sowie die beiden Elos Emil und Kuuna. Die Züchterin hatte Birki bis zur 12. Woche bei sich, daher war seine Sozialisierung klasse und seine Beißhemmung hervorragend, nur die Stubenreinheit hatte sich im Laufe der letzten Woche bei seinen Geschwistern und ihm doch recht verschlechtert. Gepinkelt hat Birki wie ein Wasserfall. Bei Kuno habe ich gar keine Pipi-Unterlagen verwendet, dies wäre bei Birk vollkommen unmöglich gewesen.

 

Am 25. Oktober haben wir den kleinen Mann in Bad Tölz eingesammelt, vorab gab es aber bereits ein Kennenlernen zwischen Kuno und Birk. Mit an Bord war Birkis Bruder Bartl, der uns bis Bamberg als Mitfahrgelegenheit genutzt hat und dort dann an seine neue Halterin übergeben wurde. Birki hat zu Beginn der Abfahrt sehr gefiepst und gejault, bis ihn dann aber doch schlussendlich der Schlaf übermannt hat.

Birkis Charakter

Birk vom Roten Turm
Birk vom Roten Turm, ein Jahr alt

Birki ist inzwischen sehr selbstbewusst geworden. Als Welpe hatte er Angst vor anderen Menschen und Hunden, diese Ängste hat er inzwischen gänzlich abgelegt. Natürlich ist er misstrauisch, lässt sich aber in meiner Gegenwart durchaus von Fremden streicheln. Er steht gern im Mittelpunkt und hat zum Beispiel beim Straßenbahn fahren seine Angst davor komplett vergessen, weil er so sehr von einer Schulklasse in der Bahn bewundert wurde. Er ließ sich sogar von mehreren Kindern gleichzeitig streicheln. 

 

Misstrauisch ist er aber natürlich und ich kann nur jedem davon abraten, ihn zu anzufassen, wenn ich nicht dabei bin, denn ich bin mir recht sicher, dass er zuhacken würde. Ansonsten ist er ein fröhlicher Frechdachs und Clown, der auch gern mal versucht, wie weit er bei Fremden (Besuch oder so) gehen kann und ob die sich von ihm veräppeln lassen. Er geht dabei allerdings sehr charmant vor,.

 

Im Gegensatz zum sturen Kuno hat Birki eindeutig mehr Lust mir zu gefallen, auch wenn er dabei stets seinen eigenen dicken Spitzbrummschädel behält. Er ist weniger bollerig als Kuno und auch vorsichtiger, ohne ängstlich zu sein.

 

Ansonsten macht Birki alles mit, was ein Hund so mitmachen kann: er geht mit zum Friseur, ins Restaurant oder in die Stadt einkaufen. Er kann vorm Bäcker auf mich warten und fährt mit den Öffis oder mit dem Lastenrad ohne Probleme. Er kann auch sehr gut alleinbleiben, ohne die Wohnung zu zerlegen. Dadurch dass wir in der Stadt wohnen und alles mögliche an Menschen und Tieren sehen, interessiert sich Birk nicht sonderlich für zum Beispiel Rollstuhlfahrer oder kreischende Kinder. Lediglich in der Dämmerung ist er (wie Kuno auch) „scharf geschaltet“ und schlägt auch schneller an. Daheim ist Birki durchaus bellfreudiger und wachsamer als Kuno, aber vom kläffen ist er weit entfernt.

 

Birki kann wie Kuno Tricks, allerdings habe ich ihm keinen einzigen beigebracht. Er hat sie sich allesamt bei Kuno abgeschaut, weil er gesehen hat, dass es dafür Kekse gibt. Und Hunger hat Birki immer.

 

Der Name Birk ist übrigens die nordische Kurzform des deutschen Namens Burkhard und bedeutet soviel wie "starker Beschützer" (Burg = Zuflucht, Schutz; herti = hart, stark, kräftig). Weiterhin bedeutet Birk selbst aber auch "strahlend bzw. leuchtend weiß". Ich finde, dieser Name passt unheimlich gut zu ihm.

Zuchtzulassung oder lieber nicht?

Birk vom Roten Turm Extremscheckung White Head Split face
Links: "Butterfly Nose" sowie Pigmentverlust am linken Lidrand/ Rechts: Pigmentverlust an den Lefzen

Ursprünglich wollte ich Birk nicht zur Zucht zulassen, und zwar aufgrund seines Pigmentverlustes am linken Auge und an den Lefzen, der möglicherweise in Zusammenhang mit seiner stärkeren Scheckung (er ist S/S) stehen könnte. 

 

Wie kommt es zu seiner Scheckung?

 

Wenn die Pigmentzellenwanderung während der Embryonalentwicklung gestoppt wird, bleiben die betroffenen Bereiche pigmentlos und auch ins Haar wird an diesen Stellen nichts eingelagert. Die Haarschäfte in den entsprechenden Bereichen enthalten quasi lediglich Luft und wirken dadurch weiß - im Prinzip ist die Farbe in diesen Bereichen wie „ausradiert“.

 

Schecken haben zudem dort rosa Haut, wo ihnen die Pigmente fehlen - und höchstens (!) dunkle Pigmentflecken am Bauch und an der Innenseite der Oberschenkel. Da die Einlagerung der Pigmente in die Haut vor der Einlagerung der Pigmente in die Haare erfolgt, können Extremschecken aber durchaus (ganz oder teilweise) pigmentierte Nasen, Lefzen und Augenlider haben.

 

Es kann bei manchen Schecken recht schwer sein, ihre eigentliche Fellfarbe zu identifizieren. Bei Birk ist es insofern besonders schwer, da das Pigment, das seine Pigmentzellen produzieren, sehr hell ist (Birki trägt ja den Genotyp e/e, der dafür sorgt, dass er zwar weiß aussieht, aber die entsprechenden Fellareale haben tatsächlich nur Phäomelanin eingelagert), so dass man die Abgrenzung zwischen pigmentierten und pigmentlosen Haaren bei ihm optisch kaum erfassen kann. Würde er schwarzes Pigment statt cremeweißen produzieren, wären seine schwarzen Fellbereiche klar abgrenzbar und man könnte besser erkennen, wo am Körper oder Kopf Farbplatten vorhanden sind.

 

Unterscheidungsmöglichkeiten zwischen Schecken und Hunden mit aufgehelltem Phäomelanin (also tatsächlich weiße Hunde) bietet sowohl die Pigmentierung der Nase als auch die Pigmentierung der Haut: Hunde mit stärkerer Scheckung haben zumeist einen unregelmäßig verlaufenden, scharfen Rand zwischen dem dunklen Nasenpigment und der unpigmentierten Umgebung (die sogenannte "Butterfly Nose"). Bei manchen Extremschecken sind die Augenlider teilweise oder gänzlich unpigmentiert, was dazu führt, dass das in die Augen eintretende Licht anders gebrochen wird als im Normalfall. Der betroffene Hund sieht dadurch möglicherweise schlechter. Hingegen hat ein Hund mit aufgehelltem Phäomelanin eine dunkle Haut, insbesondere um die Nase herum. Diese Pigmente schützen die Haut des Hundes auch vor einem Sonnenbrand durch zu starke Sonneneinstrahlung. 

Ja? Nein? Vielleicht? - "Ja!"

Birk vom Roten Turm

Da Hunde mit Fehlpigmentierungen an den Lefzen oder Augen normalerweise aus der Zucht genommen werden, wollte ich mich diesem alten, züchterischen Konsens eigentlich anschließen. Bei Birki bin ich jedoch zu der Überzeugung gekommen, dass seine positiven Eigenschaften definitiv überwiegen, so dass er trotz seines Pigmentverlustes eine Menge zur Großspitzzucht beitragen könnte, denn:

  • er hat einen tadellosen Spitzcharakter, ist sehr wachsam und in beherrschbarem Maße handscheu Fremden gegenüber.
  • er hat einen schön kompakten Körperbau mit guter Substanz und eine hervorragende Winkelung der hinteren Extremitäten.
  • sein Fell ist von sehr dicker und fester Struktur und extrem pflegeleicht; da verfilzt nichts. 
  • sein Jagdtrieb ist an der unteren Grenze und nicht sehr ausgeprägt, was gerade beim Rüden aufgrund der nicht vorhandenen epigenetischen Komponente absolut tragbar ist - selbst für Hardliner wie mich. 😉

Auch die Populationsgröße der Großspitze spielt hierbei eine wichtige Rolle: gerade weil die großen Spitze in einem recht knackigen Flaschenhals stecken, müssen logischerweise auch Hunde mit (tragbaren) Fehlern in die Zucht. Und nicht nur die Champions!

 

So sei es denn: möge er viele gesunde, kleine Birken zeugen! Aber natürlich müssen wir erstmal den ganzen Zuchtzulassungswahnsinn hinter uns bringen.....

(siehe: Laukner, A.; Beitzinger, C.; Kühnlein, P.: Die Genetik der Fellfarben beim Hund, 2. aktualisierte Auflage, Kynos-Verlag 2021)

Stand: 09.04.22