Deutscher Großspitz - der alte Rassestandard


Es gibt kleine Großspitze mit 43 cm Schulterhöhe und große Großspitze mit knapp 60 cm. Es gibt Großspitze mit sehr viel Fell und andere mit wenig, es gibt gescheckte und einfarbige große Spitze, manche haben einen Kopf wie ein Schäferhund und andere eine Himmelfahrtsnase. Es gibt Großspitze mit riesigen Ohren, andere haben kuschelweichen Babyplüsch.....

 

Da es also inzwischen so viele verschiedene Spitztypen gibt, die sich vom Aussehen her eklatant unterscheiden, wollte ich gern wissen, wie denn der große Spitz eigentlich mal ausgesehen hat, als es den Züchtern vornehmlich auf seine Arbeitsfähigkeit ankam. Hier nun das Ergebnis meiner Recherche. So ungefähr sah der Großspitz bis in die 1960er Jahre aus:

Da mir aufgrund des doch recht strengen Urheberrechts nur sehr wenige oder aber sehr alte Fotos von Deutschen Spitzen jedweder couleur zur Verfügung stehen, würde ich mich sehr freuen, wenn mir aktuellere Bilder von Hunden zur Verfügung gestellt werden würden. Wer mitmachen möchte, kann mir seine Fotos an info (ät) preussenspitz . de senden.


Vorab: Der Körperbau des Spitzes


Körperbau Deutscher Spitz

Sein Erscheinungsbild


Die Form des Kopfes

- Der Kopf ist fuchsartig und dreieckig, mit einem leichten Backenansatz
- Am Oberkopf ist alles gerundet, nichts ist eckig oder flach
- Der Kopf verjüngt sich von oben gesehen nach vorn keilförmig 

- Der Stopp ist mäßig ausgebildet bis betont, nie abrupt
- Die Kopfhaut ist frei von Falten
- Die Schnauze ist nicht zu lang und nicht zu kurz, weder grob noch zugespitzt

- Der Fang steht in proportional gefälligem Verhältnis zum Oberkopf (2:3)
- Die Lefzen sind pechschwarz, nur beim braunen Großspitz sind braune Lefzen erlaubt

KOPFFORM (von links nach rechts): Bild 1 und Bild 2: Zu wenig Stopp, der Oberkopf zu flach. Die Schädelformen erinnern eher an die von Schäferhunden, als an die von Spitzen; Bild 3: Der Stopp ist zu abrupt, der Oberkopf übertrieben rund; Bild 4 und Bild 5: Oberkopf ordentlich gerundet mit mäßigem Stopp

Die Ohren

- Die Ohren sind dreieckig und möglichst klein

- Sie sind hoch angesetzt, je enger sie zusammenstehen, desto besser

- Sie werden immer aufrecht mit steifer Spitze getragen

OHREN (von links nach rechts): Bild 6 und Bild 7: Die Ohren sind klein, eng stehend und hoch angesetzt und entsprechen dem Standard; Bild 8 Zu große und zu weit auseinanderstehende Ohren; Bild 9: Die Ohren sind viel zu groß und erinnern an eine Fledermaus

Die Schnauze/ Der Fang

- Etwas Himmelfahrtsnase ist erwünscht, durchgedrückte Schnauzen (Ramsnasen) sind jedoch fehlerhaft

- Die Nasenkuppe ist rund und klein

- Die Nase ist bei allen Spitzen reinschwarz, nur beim braunen Großspitz dunkelbraun 

- Der Fang selbst ist trocken, die Lefzen bzw. das Weichgewebe liegen straff an (der Winkel der Nasenspalte ist sehr flach)

DER FANG (von links nach rechts): Bild A: Die Lippen liegen straff an, der Winkel ist sehr flach. Dies ist das Optimum beim Spitz. Bild B: Der Winkel ist etwas spitzer als bei Bild A, die Lippen hängen daher etwas mehr herunter. Bild C: Spitzer Winkel - Sabberschnute! Bild D: Idealer Fang, bei dem die Längendifferenz zwischen den roten Linien erheblich größer ist als auf Bild E. Der Winkel zwischen Ober- und Unterlinie ist relativ breit. Optimal ist der Spitzschnabel, wenn die hintere rote Linie erheblich länger ist als die vordere. Bild E: Geringere Längendifferenz zwischen vorderer und hinterer roten Linie Der Winkel zwischen Ober- und Unterlinie ist spitzer und durch die starke Rundung ist die untere violette Linie nur schwer zu bestimmen.

Die Augen

- Augen sind mittelgroß, länglich geformt und etwas schräg angesetzt (mandelförmig)

- Die Augenfarbe ist dunkel

- Die Augenlider sind bei allen Farbschlägen, schwarz pigmentiert, dunkelbraun bei allen braunen Spitzen 

- Die Augen sollten keine Tränenspuren vorweisen

SCHNAUZE & AUGEN (von links nach rechts): Bild 10: Perfekte Form der Schnauze Bild 11: Die Schnauze ist zu sehr durchgedrückt und entspricht einer "Ramsnase"; Bild 12: Tolle Augen, die nicht zu groß sind und der Mandelform des Standards entsprechen; Bild 13: Die Form der Augen ist inkorrekt, sie sind zu geradegerückt; Bild 14: Die Augenform entspricht eher einem Pfirsichkern als einer Mandel, sie sind zu groß, zu gerade und zu glubschig

Die Körperform

- Die Figur ist kurz, gedrungen und kräftig - wie ein Muff auf Beinen

- Das Verhältnis von Widerristhöhe zur Länge des Hundes beträgt 1:1 (Hündinnen sind nur unwesentlich länger als Rüden)

- Die Körpergröße beträgt 40-45 cm 

- Der Rücken selbst ist kurz, stramm und kerzengerade und etwas überbaut (hinten höher)

- Die tiefreichende Brust ist gut gewölbt, die Vorbrust gut entwickelt

- Der Brustkorb reicht möglichst weit zurück, der Bauch ist nur mäßig aufgezogen

- Die Kruppe ist breit und kurz, nicht abfallend

- Die Lende ist kurz, breit und kräftig

- Der Hals ist mittellang bis kurz und von einem mähnenartigen - sich absetzenden - Haarkragen bedeckt

RÜCKENLÄNGE (von links nach rechts): Bild 15 und Bild 16: Die Hunde haben einen hervorragend kurzen und geraden Rücken; Bild 17: Der Rücken ist zu lang, jedoch gut überbaut Bild 18: Der Rücken ist viel zu lang, die Kruppe zu tief

Die Form der Läufe

- Die Läufe sind kräftig und starkknochig

- Die Länge der Läufe ist mittellang

- Die Hinterhand ist sehr muskulös, die Hinterläufe stehen gerade und parallel

- Ober- und Unterschenkel sind etwa gleich lang

- Die Hinterläufe sind in den Sprunggelenken nur mäßig gewinkelt

- Der Hintermittelfuß ist mittellang, sehr kräftig und steht senkrecht zum Boden

WINKEL DER HINTERHAND (von links nach rechts): Bild 19: Der Winkel in der Sprunggelenken der Hinterläufe ist zu groß, sie entsprechen nicht dem Standard; Bild 20: Die Hinterhand ist zu stark und zu inkorrekt gewinkelt; Bild 21 und Bild 22: Die Hunde haben eine perfekt gewinkelte Hinterhand; Bild 23: Guter Winkel der Hinterhand, es fehlt hier allerdings an Substanz, die Läufe sind zu dürr 

Die Form der Pfoten

- Die Pfoten sollen so klein wie möglich sein

- Die Form ist rundlich, zugespitzt, mit gewölbten Zehen (sog. Katzenpfoten)

- Die Sohlenfarbe entspricht der der Nase 

PFOTENFORM (von links nach rechts): Bild 24 und Bild 25: Sehr gute Knochensubstanz, die Pfoten sind dennoch zum Körperbau passende Katzenpfoten Bild 26: Die Pfoten sind im Verhältnis zur Gesamterscheinung viel zu groß, die Zehen zu gespreizt; Bild 27: Die Pfoten eines Samojeden wirken wie Klodeckel im Vergleich zu den Katzenpfoten eines Spitzes

Die Rute

- Die Rute ist hoch angesetzt und gleich an der Wurzel aufwärts und nach vorn über den Rücken gebogen, dann seitlich abwärts nach rechts oder links gerichtet und kreisförmig gerollt

- Je näher die Rute dem Hals kommt, desto besser

Das Fell

- Doppeltes Haarkleid, bestehend aus Deckhaar, das lang ist und gerade absteht, und kurzer, dicker, wattiger Unterwolle

- Kopf, Ohren, Vorderseite der Vorder- und Hinterläufe und Pfoten sind kurz und samtig

- Der übrige Körper ist lang und reich behaart

- Hals und Schultern bedeckt eine dichte Mähne, die sich klar abhebt vom restlichen Haarkleid

- Die Rückseite der Vorderläufe ist gut befedert

- Die Hinterläufe von der Kruppe bis zu den Sprunggelenken üppig behost

- Die Rute ist buschig behaart

- Das Fell ist weder gewellt, noch gekräuselt oder gar zottig und auf dem Rücken nicht gescheitelt

Bild 34 bis Bild 36: Moderate und dennoch sehr stattliche Haarkleider, bei denen die kurzhaarigen -samtigen - Bereiche klar von den "mähnigen" Bereichen abzugrenzen sind; Bild 37: Das Fell ist zu lang und zu üppig, die Mähne setzt sich allerdings sehr schön ab; Bild 38: Beim Spitz muss sich der Kragen stufig vom restlichen Fell abheben und abgrenzen (wie schlecht geschnitten), hier tut sie es nicht; Bild 39: Klares Abheben des Kragens vom Rest des Fells - er muss wirken, wie eine Löwenmähne

Fehler

- Zu stumpfe oder zu lange Schnauze

- Überbiss

- Helle Lefzen/ helle Augenlieder beim weißen Spitz (fortschreitender Albinismus)

- Zu helle Nase (Fleischnase/ Wechselnase)

- Zu helle Augen

- Nicht völlig steif gestellte Ohren

- Seitlich gestellte, überschlagende Ohren

- Zu große Ohren

- Wellige Behaarung

- Zu langer Rücken

- Zu große Augen (Glubschaugen)

- Apfelköpfe

- Abstehende oder hängende Rute

 

(Gesundheitliche Fehler wie fehlende Hoden oder fehlende Zähne überspringe ich an der Stelle. Diese kann sich jeder selbst aus dem aktuellen Standard heraussuchen.)

FEHLER (von links nach rechts): Bild 28: Zu stumpfe Schnauze;  Bild 29: zu schmale Schnauze; Bild 30: Fleischfarbene Nase, Lefzen und Augenlider; Bild 31: Wellige Behaarung; Bild 32: Zu große Ohren, die Spitzen sind nicht ganz steifBild 33: Ein zu nahtloser Übergang der (nicht-vorhandenen) Mähne in das restliche Haarkleid


Das Wesen


Der große Spitz  hat einen großen Hang zur Freiheit und taugt daher nicht als Kettenhund. Er ist neugierig, treu und selbstbewusst. Als umherstreifender Wächter ist er unbestechlich, sehr eifrig und geschäftig - er hat immer was zu tun - aber nicht übellaunig. Sein Misstrauen Fremden gegenüber wurzelt einzig darin, seinem Herren anständig dienen zu können, was er auch voller Ingrimm tut. Er ist gelehrig, aber eher pfiffig als klug und neigt durchaus zur Eifersucht. Der ganze Hund verrät Temperament und mitunter eine gewisse Unstetigkeit. Er ist ausgesprochen anspruchslos und wetterhart und brilliert durch seine erstaunliche Wendigkeit und seine immense Sprungkraft. Der große Spitz hat keinerlei Jagdpassion (siehe auch mein Artikel "Jagt der Spitz oder jagt er nicht?") und neigt daher weder zum Streunen, noch zum Wildern - außer man lässt ihn verwahrlosen, dann gibt er sich mit diebischer Freude dem Jagen hin. Er ist äußerst raubzeugscharf: vierbeinige Räuber (aber auch Vögel) müssen sich vor ihm in Acht nehmen - gegen sie ist er heftig und unerbittlich und er weicht selbst vor dem Wolf nicht zurück. Gibt sich der Angreifer die Blöße, packt er blitzschnell zu. Dies hat ihm den Ruf der Hinterlistigkeit eingebracht.


Eigene Anmerkungen


Ganz klar ist hier zu erkennen, daß der alte Rassestandard für Großspitze und Wolfsspitz vor allem ein Standard für Gebrauchshunde war, denn als Gebrauchshunde wurden die Spitze ja noch vor nicht allzu langer Zeit im VDH geführt. Hier stand die Arbeitsfähigkeit im Vordergrund, daher durfte der Spitz nicht zu groß sein (Großspitze nur so um die 40 cm, maximal 45 cm), um weiterhin wendig und flink zu sein; er musste stämmig und kräftig sein, um sich notfalls auch mit Kraft durchzusetzen. Fehler wie Fleischnasen und helle Lefzen wurden konsequent aus der Zucht ausgeschlossen, da diese ein Auswuchs von Albinismus und/ oder Defektgenen waren. Leider wurde seitens einiger Züchter schon damals geschummelt, die ihren hellnasigen Hunden Holunderpulver ins Futter mischten, wodurch die Nasen wieder ganz schwarz gemogelt wurden. Dadurch wurde (verbotenerweise) mit Großspitzen gezüchtet, die sonst von der Zucht ausgeschlossen gewesen wären.

 

Insgesamt wurde früher also auf einen optisch homogenen und arbeitsfähigen Gebrauchshund Wert gelegt, der den klassischen Fuchskopf hatte, einen kurzen Rücken, nicht zu groß und eher untersetzt und kräftig war. Durch seine moderate Fellmenge und durch die Tatsache, dass im Sommer stets kräftig abgehaart wurde, war er super pflegeleicht und auch im Hochsommer arbeitsfähig. 

 

Durch die Aberkennung dieses Gebrauchshunde-Status' wurde der große Spitz faktisch zum Schoßhündchen degradiert. Leider wird heutzutage keine Leistungsprüfung mehr von den Spitzen verlangt, sondern der Hund muss lediglich dem Geschmack des Ringrichters entsprechen. Schade eigentlich!

Rassekurzbeschreibungen des schwarzen und weißen Großspitzes, sowie des Wolfsspitzes in “Der Deutsche Spitz” von 1937 (zum Vergrößern anklicken)


Quellen:


"Brehms Tierleben" (1915), "Die deutschen Hunde" Richard Strebel (1904), "Unsere Rassehunde" (1981), "Rassehunde" (1970), "Kamerad Hund", "Das neue Hundebuch" Otto Fehringer, "Unser Hund" Otto Fehringer, "Das kleine Hundebuch" (1934), "Bi-Lexikon Hunderassen" (1985), "Rassehunde" Albert Georgi, "Der Hund und seine Rassen" H. Eberhard (1941), "Enzyklopädie der Rassehunde" Hans Räber, "Hunde" E. Tylinke (1964), "Hunde -Schönheit und Leistung" Ingrid und Gerhard Seupel,  "Treue Gefährten - Ein Sammelband  für die Leser der Süddeutschen Zeitung" (1962), "Hunde in der Stadt" Günther Huth (1979), "Hunderassen - Rassenhunde" (1929), "Welcher Hund passt zu mir?" Alois Fink (1968), "Die Hunderassen" Walter Busack, "Der Deutsche Spitz in Wort und Bild" (1937)


Bilderquellen


Bild 3: www.fci.be/nomenclature/Standards/135g05-de.pdf

Bild 10: © Birgit Kaiser Fotografie (www.tierportraits-b-kaiser-de.webnode.com)

Bild 14: Buchcover "The new American Eskimo" von Nancy J. Hofman

Bild 17: Pinterest (www.pinterest.de/pin/795589090429173499)

Bild 22: www.ponyhof-grotensoll.de/Grossspitze-vom-Grotensoll

Bild 23: de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Spitze

Bild 26: Pinterest (www.pinterest.de/pin/329185054010976099)

Bild 29: www.mistklaeffer.de

Bild 38: © www.instagram.com/mistklaeffer/

Stand: 23.01.2022

Kommentare: 2
  • #2

    Daniela - Preußenspitz (Mittwoch, 21 September 2022 09:40)

    Herzlichen Dank!

  • #1

    Wolfgang (Mittwoch, 10 August 2022 13:32)

    Super Website und excellente Informationen.

    p,s, Photos unterwegs