Die Geschichte des Spitzes


INHALTSVERZEICHNIS:

German Spitz Zeitung Bild vintage

Vorwort

Schaut man sich die Geschichte der Spitze an, steht man vor der gleichen Situation wie bei vielen anderen Hunderassen: Ausgangspunkt war der Mischmasch der rasselosen Bauernschläge und Lokalschläge, aus denen dann im 19. Jahrhundert die heutigen Rassen entstanden sind. Daher ist es recht ernüchternd, nach einer jahrhundertealten Geschichte der Deutschen Spitze zu forschen, denn man findet jetzt nicht wirklich viel. Und das, was man findet, haben weitestgehend alle voneinander abgeschrieben.

 

Eins steht aber fest: der Spitz war allen Unkenrufen zum Trotz im Laufe der Jahrhunderte nicht tot zu kriegen und hat sich hartnäckig gegen alle übertriebenen züchterischen Spielereien zur Wehr gesetzt. Daher sieht der Spitz auf den antiken Reliefs immer noch genauso aus wie sein neuzeitlicher Kollege auf dem Urban-Denkmal in Stuttgart zu Füßen eines schwäbischen Weingärtners. Möge er uns noch lang erhalten bleiben!

Vom Wolf zum Hund

Vor rund 100.000 Jahren vollzog sich vermutlich die Abgrenzung zwischen dem Wildtier Wolf und dem Haustier Hund. Der derzeit älteste als Hundeschädel angesprochene mitteleuropäische Fund stammt aus der Goylt-Höhle in Belgien aus der Zeit um 31.700 v. Chr. Hierbei handelt es sich vermutlich noch nicht um ein domestiziertes Tier sondern um ein Übergangsstadium, im Sinne einer Zähmung. Zusammenfassend weisen die archäologischen Funde darauf hin, dass der bereits in prähistorischer Zeit ein beliebtes Haustier gewesen sein musste. Der Hund ist übrigens das einzige Haustier, dessen Zähmung und Domestikation sich bereits in den Kulturen der spät- bzw. nacheiszeitlichen Jäger-Sammler-Gemeinschaften vollzogen hat.

 

Früher nahm man eine Art Selbstdomestikation des Wolfes an den Lagerplätzen der Menschen an, wobei sich diese Tiere von deren Jagdabfällen ernährt haben sollen. Wahrscheinlicher ist nach heutiger Lehrmeinung jedoch die gezielte Aufzucht von Jungtieren, die dann über den Vorgang der Prägung gezähmt wurden (möglicherweise wurden Wolfswelpen von Frauen an der Brust gesäugt) und nach und nach von der umgebenden Wildpopulation der Wölfe abgegrenzt wurden. Bereits eindeutig als Hund anzusprechende Knochenreste stammen aus einer gemeinsamen Bestattungsstelle von Hund und Mensch aus Bonn-Oberkassel aus dem Spätpaläolithikum (ca. 13.000-9.000 v. Chr.). Hier kann schon von einer fest etablierten Mensch-Hund-Beziehung und damit Domestikation ausgegangen werden.


Erste Rassehundezucht


Spitz Mittelalter Bestiarium German Spitz
Ein spitzähnlicher Hund in einem Bestiarium des Hochmittelalters (Aberdeen-Bestiary, 13. Jh.)

Aus dem Frühholozän stammen besonders zahlreiche Hundeknochenfunde; die Hunde wurden vermutlich als Jagdgehilfen eingesetzt, teilweise ist auch die Fleischnutzung nachzuweisen. Die Tiere waren mittelgroß bis groß und hatten eine Schulterhöhe von 45 bis 60 cm.

 

Ab der Steinzeit nimmt die Formenvielfalt der Skelettfunde zu, die Höhe der Tiere variiert von 32 bis 60 cm und man kann hier bereits von einem bestimmten, funktionsgebundenen Einsatz der Hunde als Jagdhunde, Hüte- bzw. Treibhunde, sowie als Wach- und Hofhunde ausgehen. Besonders häufig wird hier ein mittelgroßer Hundetypus gefunden, der sogenannte Torfhund oder Torfspitz.

 

Deutliche Veränderungen und Skelettformenvielfalt im Sinne einer funktionsgebundenen ‚Hundezucht’ werden erst ab der römischen Kaiserzeit beobachtet. Neben mittelgroßen und großen Tieren sind jetzt auch Kleinsthunde nachweisbar, die Variationsbreite der Schulterhöhe reicht insgesamt von 18 bis 72 cm. Aus der römischen Kultur stammen auch die ersten Hinweise einer gezielten Rassehundezucht, ein Beispiel wäre der Molosser

 

Skelettfunde aus germanischen Siedlungen zeigen hauptsächlich mittelgroße bis große Hunde (45 bis 67 cm) vom wolfsähnlichen Typ, etwa wie unsere heutigen Schäferhunde, Collies und Wolfspitze. 

 

Im europäischen Hoch- und Spätmittelalter kann eine ähnliche Formenvielfalt wie in der römischen Kaiserzeit belegt werden. In Burgen und Städten hat man die Skelette eher kleinerer Hunde gefunden, während in ländlichen Siedlungen nach wie vor mittelgroße bis große Hunde dominieren. Hinweise auf erste Anfänge einer Rassehundezucht stammen aus städtischen Siedlungen und werden über die zunehmende Anzahl zeitgenössischer Abbildungen aus dem hohen und späten Mittelalter untermauert. Eine echte Rassehundezucht (nach bestimmten äußerlichen und charakterlichen Merkmalen) entstand allerdings erst in der Neuzeit.

Torfhund oder Torfspitz?


Spitzfreunde schreiben der Rasse gern ein Alter von 5000 Jahren und mehr zu und berufen sich dabei auf die von Rütimeyer getätigten Knochenfunde bei den Pfahlbauten in der Schweiz und in Süddeutschland. Wirklich erforscht wurde der Torfhund jedoch erst unter Professor Theophil Studer in Bern. Er schrieb: "In den Pfahlbauten der neolithischen Zeit finden bis jetzt durch Größe und Gestalt verschiedene Hunderassen. Die am häufigsten vorkommende Form gehörte einem ziemlich kleinen Tiere von der Größe und Gestalt eines mittelgroßen Spitzes an." Damit wurde der Hund, den Rütimeyer Torfhund genannt hatte, zum Torfspitz und damit in den Augen der Forscher zum ersten und ältesten Rassehund Europas. Der Spitz bleibt auch heute noch für viele der direkte Nachkomme des kleinen Hundes der Pfahlbauer aus der Jungsteinzeit. Untermauert wurde diese Meinung durch Studers "Stammbaum der Hunderassen" von 1901, in welchem der Torfhund als die Stammform aller heutigen Terrier, Pinscher und Spitze ausgewiesen wurde.

 

An Studers Stammbaum wurde viel Kritik geübt, denn man kann Hunderassen nur bedingt anhand von Schädelfunden voneinander unterscheiden. Genauere Untersuchungen zeigten dies dann auch, da sich Skelett und Schädel des heutigen Spitz' durchaus vom Torfspitz unterscheiden. Auch die genetische Ähnlichkeit reicht nicht aus, um von einer klaren Abstimmung der Rassen auszugehen. Definitiv muss sich also der Spitzfreund von dem geliebten Bild verabschieden, welches den Wolfsspitz vor den zu bewachenden Pfahlbauten zeigt. 

 

Das unterschiedliche Aussehen der in steinzeitlichen Kulturschichten von Rütimeyer gefundenen Hundeschädel verleitete zudem viele Forscher zu der Annahme, daß nicht alle Hunderassen vom Wolf abstammen. Konrad Lorenz ging zum Beispiel davon aus, daß lediglich Chow-Chows und die Spitzrassen vom Wolf abstammen, bei allen anderen Rassen sei seiner Meinung nach der Goldschakal der Stammvater. Dieser Ansatz war trotz seiner Popularität falsch, denn inzwischen konnten molekulargenetische Untersuchungen zeigen, daß der Wolf allein der Stammvater aller unserer Haushunde ist. 

Der Spitz bis zur Antike


Ancient Greek terracotta modell pomeranian Spitz
Der Spitz als Figur und rechts auf einer Vase, ca. 350 - 300 v. Chr. [1]

Dennoch sind Spitze ohne Zweifel eine uralte Form des Haushundes. Nicht als Rasse im engeren Sinne, aber als Typus. Sie entstanden überall dort, wo Hunde gehalten wurden - quasi als Primitivform - und hatten sicherlich eine geschichtsträchtigere Vergangenheit als die meisten anderen Hunderassen. Wirklich greifbar wird der Hund, den wir heute als Deutschen Spitz bezeichnen, dann aber erst im antiken Griechenland. Aus dieser Zeit sind mehrere sehr hübsche Darstellungen von Spitzen auf Gegenständen wie Münzen oder Krügen erhalten. Die abgebildeten Hunde würden auch heute noch problemlos als Spitz durchgehen, denn sie haben nicht nur Ringelrute und Stehohren, sondern auch noch ein längeres Fell und werden immer in "Begleithundsituationen" gezeigt.

 

Einer der wenigen Namen antiker Hunderassen, die wir wirklich deuten können (der Melitäer = Malteser) ist, wie Otto Keller in seinem Buch "Die antike Tierwelt" zeigte, ein Spitz, wenn auch nicht mit der gleichnamigen modernen Rasse identisch. Auf den Abbildungen ist dennoch zu erkennen, wie wenig sich der Spitz über die Jahrhunderte verändert hat. Die Ringelrute zum Beispiel muss ein sehr früh auftretendes Domestikationsmerkmal gewesen sein, denn die Malereien in altägyptischen Gräbern zeigen Hunde, die teils dem Pharaoh Hound, teils kleineren kurzhaarigen Spitzen, sehr stark ähneln. 

Dennoch sind Spitze ohne Zweifel eine uralte Form des Haushundes. Nicht als Rasse im engeren Sinne, aber als Typus. Sie entstanden überall dort, wo Hunde gehalten wurden - quasi als Primitivform - und hatten sicherlich eine geschichtsträchtigere Vergangenheit als die meisten anderen Hunderassen. Wirklich greifbar wird der Hund, den wir heute als Deutschen Spitz bezeichnen, dann aber erst im antiken Griechenland. Aus dieser Zeit sind mehrere sehr hübsche Darstellungen von Spitzen auf Gegenständen wie Münzen oder Krügen erhalten. Die abgebildeten Hunde würden auch heute noch problemlos als Spitz durchgehen, denn sie haben nicht nur Ringelrute und Stehohren, sondern auch noch ein längeres Fell und werden immer in "Begleithundsituationen" gezeigt.

 

Einer der wenigen Namen antiker Hunderassen, die wir wirklich deuten können (der Melitäer = Malteser) ist, wie Otto Keller in seinem Buch "Die antike Tierwelt" zeigte, ein Spitz, wenn auch nicht mit der gleichnamigen modernen Rasse identisch. Auf den Abbildungen ist dennoch zu erkennen, wie wenig sich der Spitz über die Jahrhunderte verändert hat. Die Ringelrute zum Beispiel muss ein sehr früh auftretendes Domestikationsmerkmal gewesen sein, denn die Malereien in altägyptischen Gräbern zeigen Hunde, die teils dem Pharaoh Hound, teils kleineren kurzhaarigen Spitzen, sehr stark ähneln. 

Spitzartige Hunde treten also schon sehr früh überall dort auf, wo Hunde als Haushunde gehalten und gezüchtet wurden. Sie waren weit verbreitet und wurden für verschiedene Aufgaben eingesetzt: sie waren Hof- und Feldwächter, Hütehunde, Schlittenhunde und waren und sind auch heute noch Jagdhunde (Finnenspitz, Elchhunde, Laiki). Gerade die Urhundetypen sind allesamt dem Charakter unseres heutigen Spitzes ähnlich. Sie leben in einer gewissen Unabhängigkeit vom Menschen und sind gleichzeitig für alles und nichts nütze. 

Kommt der Spitz aus dem Norden?


Die Mär von der nordischen Herkunft der Spitze geht auf Ludwig Beckmann zurück, der der Meinung war, die Spitze seien aus Skandinavien bis an die Ostseeküste und von dort aus mit Fuhrwerken nach Pommern gekommen. Der anders geartete Charakter der Deutschen Spitze im Gegensatz zu den nordischen Spitzen war ihm offensichtlich nicht bekannt. Die Laikaformen (Elchhunde, Finnenspitz und auch Samoyeden) waren und sind in ihrer Heimat Jagdhunde, während man ja dem europäischen Spitz das Fehlen jeglicher Jagdleidenschaft nachsagt. Richard Strebel hingegen sah die Entstehung des Spitzes in Mitteldeutschland, von wo er sich nach Norden und Süden ausgebreitet habe. 

Von der Antike bis zum 18. Jahrhundert


Deutscher Wolfsspitz Nachtwächter Postkarte
Ein Wolfsspitz als Begleiter eines Nachtwächters auf einer alten Postkarte (um 1900)

Nach den Darstellungen der Spitze im alten Griechenland beginnt das "dunkle Zeitalter". Über ein Jahrtausend lang ist nichts, aber auch gar nicht über den Spitz zu finden, er verschwindet jahrhundertelang von der Bildfläche, um erst in der Neuzeit wieder aufzutauchen.

 

Erstmalig in Erscheinung tritt das Wort "Spitz" zuerst um 1450 am Niederrhein in der Hausordnung des Grafen Eberhard zu Sayn. Der Graf verbot darin seinem Hausgesinde bei strenger Strafe, sich gegenseitig als "Spitzhundt" zu beschimpfen. "Spitzhundt" war damals also offenbar ein derbes Schimpfwort, woraus sich schlussfolgern lässt, daß der Spitz damals wohl nicht in sehr hohem Ansehen stand. Noch bis in die Neuzeit verglich man kläffende Spitze gern mit keifenden Weibern.

 

Im "Lexikon der Hundefreunde" von 1934 wird die Meinung vertreten, der Spitz habe seinen Namen wegen seiner spitzen Schnauze und den spitzen Ohren erhalten. Ob diese Deutung richtig ist? Denn diese Merkmale weisen ja auch andere Hunderassen auf. Fest steht jedenfalls, daß im Mittelalter die Bezeichnung der großen Hofhunde "Hovawarth" (Hofwächter) und die der kleinen Hofhunde "Mistbella" (die auf dem Mist bellen) war. Diese kleinen Wachhunde hießen damals anscheinend aber nicht Spitz, allerdings könnte man in ihnen einen spitzähnlichen Hund sehen. 

 

Daß er zwischendurch nicht erwähnt wurde, könnte dem Umstand geschuldet sein, daß er so verbreitet und bekannt und so gewöhnlich war, daß man ihn einer Verewigung nicht für Wert hielt. Er blieb bis in das 20. Jahrhundert hinein in ganz Europa der Hund des Volkes, also der Hund der Bauern, der Fuhrleute, der Händler und der Schiffer. Für sie alle waren die Spitze unentbehrlich als zuverlässige Begleiter, Alarmanlage und Spielgefährten für die Kinder, wie auch zum Rattenfangen, Kühetreiben und Gänsehüten. Ebenso wie der Spitz verschwanden diese Leute im Dunkel der Jahrhunderte, sie waren geschichtslos und trotzdem unentbehrlich.

 

Erst die um 1800 aufkommende kynologische Fachliteratur geht auch auf die Spitze ein. So taucht der Spitz am Anfang des 19. Jahrhunderts wieder auf und zwar in der "Cynographia Britannica", die bereits eine genaue Beschreibung des "Spitz-oder Fuchshundes" enthält. In Deutschland wird er erst 1836 von Dr. Ludwig Reichenbach erwähnt, dieser reiht den Spitz eindeutig unter den Urhunden ein. 

Keeshond Deutscher Wolfsspitz Holland
Ein Spitz (Keeshond) bepinkelt einen Orangenbaum (Oranier!)

Der älteste Name für den Deutschen Spitz war "Pommer". Daß das Wort Pommern immer wieder im Zusammenhang mit den Spitzen auftaucht, bedeutet jedoch nicht, daß alle Spitze ursprünglich aus Pommern stammen, sondern in Pommern stand nur die Zucht der schönen weißen Spitze in größter Blüte. Anklänge dazu finden sich auch im englischen "Pomeranian", im schwedischen "Pomerska Spetsen" und im französischen "Lou-Lou de Poméranie" und "Chien pomérien". Ähnliches findet sich auch bei den sogenannten "Mannheimern", den schwarzen Kleinspitzen. Als "Pommerscher Hütespitz" wird bis in die neueste Zeit hinein in der Literatur ein meistens weiß gefärbter Schäferhund aus Pommern erwähnt. Tatsache ist jedenfalls, dass um das Jahr 1700 diese weißen Hütespitze in Pommern wohl sehr häufig anzutreffen waren und man deshalb annahm, die weißen Spitze seien ursprünglich aus Pommern gekommen. Bemerkenswert ist, dass die Farbe Weiß in Pommern offenbar über alle Hundetypen hinweg eine bei der Zucht bevorzugte Farbe war. 

 

Übrigens waren mitunter die Übergänge zwischen den Rassen fließend, denn man konnte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Schäferhunde und Spitze nicht wirklich voneinander abgrenzen. Daran erinnert eben auch die Bezeichnung "Hütespitz" (siehe unten). Für den Tiermaler Friedrich Specht (1872) gehörte der Schäferhund in erster Linie zu den Spitzhunden.

 

Der Spitz (Keeshond) war gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Symbolfigur der Patriotenpartei in Holland, während der Mops die gegnerischen Oranier repräsentierte. Damals war es modern, dem Spitz eine Löwenschur wie einem Pudel zu verpassen. Mit dieser eigenartigen Silhouette findet man ihn auf politischen Flugschriften, gravierten Gläsern usw. Über die Farbe der Hunde kann nur spekuliert werden, oft sehen sie weiß aus, teilweise scheint aber auch Wolfsspitzfarbe möglich. Nachdem der Prinz von Oranien zum König gekrönt wurde, versank der Spitz aber mal wieder in der Bedeutungslosigkeit.  

Der Spitz in England


Königin Victoria von England mit ihrer Pomeranianhündin "Gina"

Spätestens Mitte des 18. Jahrhunderts fand der Spitz seinen Weg nach England, vermutlich in Verbindung des englischen Königshauses mit Hannover. Unter George III. und seiner deutschen Gemahlin Charlotte stieg die Rasse dann zum Liebling der Adelshäuser auf. Dieser Tatsache verdanken wir die schönen und eleganten Darstellungen von Spitzen auf den Gemälden von Stubbs und Gainsborough

 

Dennoch kommt der Spitz bei einigen englischen Gelehrten nicht gut weg und so verblüfft zum Beispiel Sydenham Edwards mit seinem abfälligen Urteil über den Spitz, indem er in der "Cynographia Britannica" schreibt: 


"Er ist wenig wertvoll, weil lärmend, ränkevoll und zanksüchtig, feige, stur und verräterisch, schnappt gerne, ist gefährlich für Kinder und auch in anderer Hinsicht ohne Nutzen... Nützliche Eigenschaften gingen ihm also ab, ja nicht einmal anhänglich ist er"; es wäre jedoch "ziemlich schwierig ihn zu stehlen". Na wenigstens das gibt der Verleumder zu!

 

Vielleicht kann man die Tiraden gegen den Spitz mit einer Abneigung gegen ausländische Hunderassen erklären, die zudem für keine Spezialaufgaben wie für den Apport zu gebrauchen sind. Dennoch wundert dieses Urteil, da die Spitze in England wirklich beliebt waren und Königin Victoria während ihrer Zeit ja auch selbst Zwergspitze züchtete. Der weiße Zwergspitz soll in London um 1900 herum geradezu zum Modehund avanciert sein, doch dann verlor er wohl wegen seines unruhigen und lauten Wesens die Gunst seiner Liebhaber. Aber auch bei uns schwankte die Beliebtheit des Spitzes durch die Jahrhunderte erheblich. 

Modehund und Außenseiter


Hunderassen sind der Mode unterworfen, dem konnte sich auch der Spitz nicht entziehen und so variierte auch seine Beliebtheit im Laufe der Zeit beträchtlich. Es gab Jahre, da waren sie fast sowas wie "en vogue", dann wieder gerieten sie in Vergessenheit, aber völlig verschwunden sind sie Gott sei Dank nie ganz. War der Spitz jedoch bis dato häufig anzutreffen, vielleicht war er sogar unter den Bauernhunden die häufigste Erscheinung, wurde er gegen Ende des letzten Jahrhunderts von anderen Rassen merklich verdrängt. Das lässt sich auch aus verschiedenen Berichten herauslesen: "Vor 30 bis 35 Jahren war der große Spitz, ob schwarz, weiß, gelblich oder Wolfsfarben vielfach beim Fuhrwerk ein treuer Wächter. Leider ist er nun in seiner Stammheimat fast in Vergessenheit geraten" heißt es 1921. "Früher war er wohl in den Bezirken Köln, Düsseldorf und Aachen der gewöhnlichste Hund, wobei drei Viertel der Spitze der wolfsgrauen Varietät angehörten. Es gab wohl ehemals kein Bauerngehöft oder Lastenfuhrwerk, welches nicht einen Spitz als Wächter aufzuweisen hatte, doch jetzt ist ein wirklich guter und reinrassiger Spitz schwer aufzutreiben...." schreibt Jean Bungartz bereits im Jahre 1884. Und schon 10 Jahre zuvor bedauerte Dr. Leopold Fitzinger, dass der Spitz, der noch vor vierzig Jahren zu den am häufigsten anzutreffenden Rassen Mitteleuropas zählte, inzwischen ziemlich selten geworden sei und möglicherweise seinem Verschwinden entgegen ginge. 

 

Auch in dem 1876 erschienenen "Buch der Hundeliebhaber" wird die Seltenheit des Spitzes angesprochen: "Während wir früher diese überaus aufmerksamen, wachsamen Hunde in den Dörfern und Städten sehr häufig fanden und solche selten auf einem Postwagen fehlten, so sind sie heut zu Tage ziemlich selten geworden, obgleich es schwer ist, unter den kleinen Hunden einen besseren Wächter zu finden, der das Eigenthum seines Herren nicht verlässt."

 

Und obwohl man den Spitz von St. Petersburg bis nach Italien herab antreffen konnte und es nur wenige Rassen gab, die eine derartige Verbreitung fanden, gab es sehr lange nur sehr wenige Großzüchter für Spitze; in Deutschland, der Schweiz und Österreich zusammen lediglich ein Häuflein. Dabei wurde der Wolfsspitz vorwiegend in im württembergischen Schwarzwald und in Westfalen gezüchtet, der schwarze und der weiße Großspitz hauptsächlich im Rheinland und in Westfalen und der Kleinspitz - auch als Mannheimer Spitz bezeichnet - in Süddeutschland. 

Die ersten Standards


"Merkwürdig, diese älteste germanische Rasse, welche es sich aus den vorhistorischen Pfahlbauzeiten bis zur Gegenwart ohne jede forcierte Züchtung konstant vererbt hat, weicht der modernen Ausstellungskultur. Wie oft auf meinen Gängen durch Stadt und Land in Württemberg begegne ich diesen urtypischen Gestalten in seltener Formvollendung; hingegen auf Ausstellungen habe ich seit Jahren kein Prachtexemplar mehr gesehen; er scheint eben besser auf der Landstraße als im Salon zu gedeihen." Dies sprach der Richter Kull 1895 auf der Hundeausstellung in München und bringt es damit auf den Punkt: zu einer Zeit, als viele Jagdhunderassen schon ellenlange Stammbäume hatten und Hundevereine wie Pilze aus dem Boden schossen, da scheint es, "dass gerade für die Spitze das mangelhafteste Verständnis von allen Hunderassen obwaltet. Kein Wunder, wenn Hunde mit ersten und Ehrenpreisen prämiert wurden, die einem Spitze nur auf 100 Schritt gleichen..."

 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die großen Spitze vom Schäferhundeverein betreut, denn sie zählten vielerorts zu den Schäferhunden, und die kleinen Spitze von Zwerghundeklubs, bis 1899 der "Verein für Deutsche Spitze" auf Initiative von Charles Kammerer aus Wien gegründet wurde. Sofort wurde ein eigenes Spitzzuchtbuch eingeführt (DSpZB), 1900 folgten dann die ersten Rassekennzeichen, 1905 eine Broschüre über Spitze und ab 1908 kam eine Vereinszeitung heraus. Der Mitgliederbestand bewegte sich damals noch in sehr bescheidenem Rahmen und sank nach dem Ersten Weltkrieg nochmals massiv.

brauner Großspitz
Altes Bild eines braunen Großspitzrüden

Bis 1910 wurden in Deutschland in sage und schreibe 7 Vereinen Spitze gezüchtet. Aus Berichten aus Fachzeitschriften dieser Zeit ist bekannt, dass die Vereine allesamt eigene Ausstellungen bestritten: 

 

1.) Der "Verein für Deutsche Spitze", Elberfeld

2.) Der "Deutscher Spitzer-Klub", Frankfurt/Main

3.) Der "Schoßhundklub Berlin" (nur Zwergspitze)

4.) Der "Erste Mannheimer Zwergspitz- und Schoßhund-Klub" (nur Zwergspitze)

5.) Die "Vereinigung für Züchter und Liebhaber Deutscher Spitze", Frankfurt/Main

6.) Der "Erster Württ. Schoßhund-Klub Stuttgart E.V." (nur Zwergspitze)

7.) Der "Schoßhundklub Ludwigshafen a. Rh." (nur Zwergspitze)

 

Vermutlich war es gar nicht so leicht, aus dieser noch sehr ursprünglichen Rasse, die gerade erst vom Kutschbock herabgesprungen war, einen modernen Hund mit einheitlichem Typus zu machen. Dennoch legte man schon vor dem Erscheinen der Rassestandards zum Beispiel auf eine volle Halskrause und eine reichlich behaarte Rute großen Wert. Auch auf ein quadratisches Gebäude wurde seit jeher geachtet, langgestreckte Spitze galten als nicht zuchttauglich. Im Gegensatz zu späteren Standardbestimmungen bevorzugte man damals den Spitz mit einem runden, gewölbten Schädel. Hunde mit flachem Schädel galten als fehlerhaft. An Farben war so ziemlich alles vorhanden, was man sich vorstellen kann: weiße, cremefarbene, goldgelbe, fuchsrote, braune, schwarze, blaue, graugewolkte und gescheckte Spitze gab es damals. Ein Träumchen.....hach!

 

Ab 1905 beschloss man, beim Großspitz auf Größe zu züchten. Wolfsspitze sollten nun mindestens 45 cm groß sein, Großspitze mindestens 40 cm. Bis dahin entsprach der Großspitz eher dem heutigen Mittelspitz, und es gab bis dato nur den Großspitz und den Kleinspitz, die Einführung der Klasse "Mittelspitz" wurde auch noch im Jahre 1955 abgelehnt. Der Wolfsspitz allerdings wurde hierbei deutlich durch seine Größe und Statur aber auch durch seine Farbe und verschiedene andere Merkmale von den anderen Spitzen abgegrenzt, er galt vielen auch als älteste Spitzform (Jean Bungartz). 

 

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war geprägt vom Kampf um's nackte Überleben. Geld war wertlos, die einzig stabile Währung waren Zigaretten. Trotzdem stieg die Anzahl der eingetragenen Welpen in den Vereinen. Dahinter steckte allerdings eine schiere Überlebenstrategie, denn natürlich waren Spitzwelpen ein begehrtes Tauschobjekt für die Städter während ihrer "Hamstertouren" zu den Bauern. Ab 1948 wurden auf Ausstellungen wieder Deutsche Spitze vorgestellt - und zwar 632, eine bisher nie dagewesene Anzahl. Allein 305 wurden in Mühlheim an der Ruhr ausgestellt. In späteren Jahren korrigierte sich diese Anzahl aber wieder auf eine Menge von ca. 300 nach unten. 

Ein wahrer Tausendsassa


Auf dem Land war der Spitz schon seit alten Zeiten ein verlässlicher Wächter und kündigte als sogenannter "Mistbella" eifrig die Ankunft eines Fremden an. Aufgrund seiner Heimattreue ist ja der Spitz nicht interessiert am Herumstrolchen und Wildern, daher haben sich insbesondere die Jäger dem Spitz zugewandt - und mit Vorliebe dem Wolfsspitz. In einzelnen Landesverbänden des Deutschen Jagdschutzverbandes wurde der Wolfsspitz sogar gezüchtet. So dafür gesorgt, dass der Besitzer billig einen Wolfsspitz bekam, wenn sein wildernder Hund erschossen wurde. Daher legte es der Deutsche Jagdschutzverband seinen Mitgliedern dringend ans Herz, die systematische Zucht des Wolfsspitzes zu betreiben und weite Kreise mit diesen äußerst nützlichen Hunden zu versorgen.

Kuhhirtendenkmal Bochum Deutscher Spitz
Das Kuhhirtendenkmal in Bochum (Quelle: Wikipedia)

Weil Spitze klein und wendig sind, passten sie auch in die engen Räumlichkeiten vergangener Zeiten (wie Schiffskajüten und Planwagen), als noch die derben Fuhrmänner die Könige der Straßen waren. Was also der Stallpinscher einst in Süddeutschland war, das war der Spitz im Norden des Landes: er war der ständige Begleiter der Lastenfuhrwerke - oder auch "Hafermotoren von 2 PS mit Peitschenzündung" - die vor dem Eisenbahnzeitalter den Gütertransport über weite Strecken besorgten. Hier hatte der Spitz seine Aufgaben als Wächter über das Transportgut und als Vertilger der Ratten und Mäuse in den Pferdeställen. Seine Besitzer hielten viel auf ihn; die anderen naturgemäß weniger ;-)

 

Als Fuhrmannsspitz saß er neben dem Kutscher oder machte es sich auf der Ladung mehr oder weniger gemütlich, oder er befand sich in einer Kiste, die unter dem Wagen an Ketten aufgehängt war und hin- und herschaukelte. Fand sich gar gar kein Platz für ihn, so trottete er neben dem Wagen her. Noch in den 1880er Jahren waren die Botenfuhrwerke überall in Deutschland unterwegs. In Süddeutschland soll vor allem der schwarze Spitz mitgefahren sein, während im Bergischen Land und am Niederrhein die Wolfsspitze mit von der Partie waren. Im Standard von 1880 wurde der Begriff "Fuhrmannsspitz" sogar als Synonym für den Wolfsspitz gebraucht.

 

F. Specht 1872 über den Fuhrmannsspitz: 

"Die uns bekannteste Species ist sicher der sogenannte Pommer, ein Spitzer nach altem Schrot und Korn, ein Grimmbart, wie er reizbarer und empfindlicher nicht gedacht werden kann. [...] Sah man ein derartiges Gefährt eisen- und kettenklirrend auf der staubigen, holperigen Landstraße im Schneckenschritt sich daherwälzen, so konnte man sicher sein, eines Spitzers feine, kläffende Stimme zu hören, die im Zorne und in der Bosheit oftmals überschnappte und heiser zu werden drohte. ....Mit einer Wachsamkeit begabt, wie sie penibler bei keiner anderen Hunderace zu finden ist, war er für das Leben und Treiben, welches das Fuhrwesen mit sich brachte, wie geschaffen; mit dem Knechte und seinen Pferden war er vollständig verwachsen. War der Knecht munter, dann schlummerte Meister Spitz, schlief der Knecht, ermattet von des Tages Mühen und gedrückt von der Sonnengluth....dann war der Spitz sicher auf seinem Wachposten. Entweder saß er spähend und lauschend bei seinem Herren oder er lief patrouillieren unter der Plane, geschickt über Kiste und Kasten hinwegspringend....und wie geschickt wußte er seine Untergebenen, denn dafür sah er die Pferde an, in kritischen Fällen zu leiten, sie zum Ausweichen zu veranlassen oder vor Fehltritten zu warnen. Er dirigierte mit außerordentlichem Überblick, mit größter Ruhe und Sicherheit und mit höchst lobenswerter Unermüdlichkeit und Ausdauer den ganzen Zug, so daß der Fuhrknecht sich ruhig dem Halbschlummer überlassen konnte. Sein Gespann war in den besten Händen."

Fuhrmannsspitz Deutscher Spitz

Mit dem Aufkommen der Eisenbahn verschwanden die Fuhrwerke und ihre vierbeinigen Begleiter mehr und mehr, doch bei den Flusskahnschiffern verrichteten die Spitze ihren Dienst noch jahrzehntelang. Aufgepflanzt wie eine Gallionsfigur standen sie oft am Bug der Lastkähne: "Sie neigen stattdessen zu bellender Selbstunterhaltung. Wer einmal auf einem rheinischen Schlepperkahn den Bordhund beobachtet hat, der aus alter Tradition stets ein Spitz ist, kann bestätigen, wie nett sich so ein Hund allein unterhalten kann, wenn er sich laut über die Wellen außerbords, die Wolken, die ferne Eisenbahn, ein Flugzeug oder sonstwas ausspricht."

 

Die Wachsamkeit des Spitzes kam aber nicht nur als Fuhrmannshund zur Geltung, sondern überall da, wo es etwas zu bewachen gab und ein aufmerksamer, flinker Tausendsassa erforderlich war. So erinnerte etwa das Urban-Denkmal in Stuttgart, das einen Winzer mit einem Spitz zeigte, an den "Weinbergspitzer", der ungebetene zwei- und vierbeinige Besucher aus den Weinbergen zu vertreiben hatte und selbst die Vögel mit seinem Gebell verscheuchte (das Denkmal wurde nach dem zweiten Weltkrieg eingeschmolzen, erhalten sind nur einige mäßige Bilder). Das Kuhhirtendenkmal in Bochum, das ebenfalls eingeschmolzen, aber 1962 in einer originalgetreuen Kopie wieder aufgestellt wurde, zeigt einen ins Horn blasenden Kuhhirten, zu dessen Füßen ein großer Spitz steht. 

Urban Denkmal Stuttgart Deutscher Spitz
Urban-Denkmal in Stuttgart (Quelle: Wikipedia)

In den süddeutschen Weinanbaugebieten waren vor allem die schwarzen Großspitze weit verbreitet, die tagsüber den Hof bewachten und nachts in den Weinbergen Wache schoben (daher nannte man sie früher auch "Weinbergspitze"). Ein gefürchteter Räuber in den Weinbergen war und ist das Wildschwein. Da Wildschweine sehr gefährlich werden können war der schwarze Großspitz als mittelgroßer, nachts unsichtbarer und sehr, sehr flinker Hund geradezu prädestiniert, um immer wieder zwischen den Reben zu verschwinden und so den potentiell tödlichen Hauern der Wildschweine zu entgehen. Aufgrund dieses seines Einsatzgebietes kann man schon sagen, dass der schwarze Großspitz auch der schärfste unter den Großspitzen ist, denn für solche Kapriolen braucht man schon echt Mumm!

 

Der weiße Spitz war eigentlich immer der typische Bewacher des Hofes und wurde zudem auch zum Hüten von Schafherden eingesetzt. Die weiße Fellfarbe ist für einen Hütehund insofern von großer Bedeutung, als dass man ihn so auch aus der Distanz und in der Nacht vom Wolf unterscheiden kann. Die weißen Spitze sind übrigens in der Regel etwas gemäßigter als die schwarzen Spitze. 

 

Der Wolfsspitz bildet eine eigene Gruppe innerhalb der Großspitze, denn er ist nicht nur wesentlich größer (ursprünglich mal um die 60 cm Schulterhöhe) und derber gebaut als der Großspitz, nein, sein Fell ist auch von völlig anderer Struktur. Charakterlich ist er wesentlich gemütlicher als der Großspitz, aber auch sturer. Dennoch ist er keine Schlaftablette und wenn er sauer wird, dann aber mit Anlauf. Auch der Wolfsspitz wurde wie der weiße Spitz vorwiegend als Hofwächter verwendet. 

Von der Wachsamkeit


Der Charakter des Spitzes wird in besonderem Maße von seinen Eigenschaften als Wachhund bedingt. Seine Wachsamkeit ist sprichwörtlich und oft wurde er gerade deswegen falsch beurteilt. Immer wieder wurde ihm fehlende Anhänglichkeit nachgesagt und sogar Strebel, der als Kynologe sehr objektiv war, schrieb vom Spitz, daß dieser mehr an den zu bewachenden Gegenständen hinge, als am Besitzer, was natürlich Quatsch ist.

 

Seine erstaunliche Beweglichkeit und Flinkheit lassen sich damit erklären, dass der Spitz eben nicht nur Hofhund war, sondern der bevorzugte Begleiter der Fuhrleute. Da war er ständig unterwegs, nicht nur mit seinem Herrn von einem Ort zum anderen, sondern er sprang auch während der Fahrt zwischen den großen Wagen hin und her, damit nicht etwa unbemerkt von hinten etwas von der wertvollen Ladung gestohlen werden konnte. Noch vor gar nicht so langer Zeit lief also beinahe hinter jedem Überlandfuhrwerk ein eifriger Spitz her, den Kopf unter dem Wagenkasten und bereit, blitzschnell darunter hervorzuschießen, wenn irgendetwas seine Aufmerksamkeit erregte. Genauso eifrig sah man ihn auch auf den Lastkähnen der Binnenschiffe, wo er von vorn nach hinten schoss, bereit alles Störende auszuschimpfen. Einem Spitz entgeht nämlich nichts, ob vor der Haustür jemand stehenbleibt, ob im Schuppen etwas poltert, ob auf dem Hof ein Huhn auf verdächtige Weise gackert - unverzüglich eilt er zu jeder Lärmquelle, um nach dem Rechten zu schauen und seinen Senf dazuzugeben. In jedem Fremden, der ins Haus tritt, vermutet er einen Verdächtigen und es dauert stets eine ganze Zeit, bis er sich von der Harmlosigkeit eines Besuchers überzeugen lässt. Zu Bestechen ist er nicht. Bietet ihm jemand einen Keks zur Beschwichtigung, wird er nur umso misstrauischer.

Deutscher Spitz Mittelalter Krähen
Ein spitzähnlicher Hund vertreibt saaträuberische Krähen. (Quelle: Luttrell-Psalter, London)

Den Beweis dafür, wie nützlich sich diese unerschütterliche Wachsamkeit erweisen kann, liefert ein Vorfall, der sich in den 1950er Jahren ereignete und von dem auch in den Zeitungen berichtet wurde: Einbrecher drangen in die Wohnung eines Metzgermeisters ein, der mit seiner Familie unterwegs war. Die Nachbarn hörten den Wolfsspitz des Meisters ununterbrochen bellen. Da das Gebell immer heftiger wurde und dann und wann von von schmerzlichem Aufheulen unterbrochen wurde, riefen diese die Polizei. Es gelang ihnen, einen der Verbrecher dingfest zu machen. Der Hund wurde blutüberströmt und von vierzehn Messerstichen verletzt aufgefunden. Die Diebe hatten jedoch ohne Beute das Feld räumen müssen, nachdem sie den ohne Unterlass bellenden, sich ihnen auch immer wieder geschickt entziehenden Hund durch die ganze Wohnung verfolgt und vergeblich zum Schweigen gebracht hatten. Der Wolfsspitz wurde durch aufopfernde Pflege unter Anteilnahme der ganzen Stadt wieder gesundgepflegt. Er hat bewiesen, dass die alte Spitzeigenschaft des nicht nachlassenden, in diesem Falle geradezu heldenhaften und unter Schmerzen durchgehaltenen Bellens genau das richtige Verhalten war. Denn das Melden des Verdächtigen ist das Wichtigste; der auf sich allein gestellte und blindwütig angreifende Hund wird sehr schnell verstummen und keine Hilfe mehr herbeibellen können, denn er wird dem bewaffneten Verbrecher immer unterlegen sein. 

 

Insgesamt unterscheidet sich das Wachen der Spitze vom Wachen sogenannter Wachhunde (wie Schäferhunde) doch recht deutlich. Hunde, die auf ihre Aufgabe als Wächter eindeutig nicht züchterisch selektiert wurden, haben das Problem, dass ihnen oft das nötige Misstrauen gegenüber Fremden fehlt, welches der Spitz von Haus aus mitbringt. Daher muss der Spitz auch nicht zum Wächter erzogen werden, denn er ist dazu geboren. Seine Fähigkeiten resultieren zu einem großen Anteil aus der tief im Spitz verankerten Raubzeugschärfe.

 

Natürlich muss sich ein guter Wachhund seinem Herrn auch unterwerfen, aber wenn dieser abwesend ist, sollte er in der Lage sein, selbständig Entscheidungen zu treffen und diese auch durchzusetzen. Daher hat man im Spitz einen sehr anhänglichen, aber mitunter auch eigensinnigen bis dickköpfigen Kameraden, der nun einfach mal eine eigene Meinung hat. 

 

Während diese Wächter-Eigenschaften bei Bauern und Fuhrleuten geschätzt waren, wollten die Menschen in Städten eher stille Hunde, die nicht kläffen. Mit der zunehmenden Industrialisierung und dem starken Zuzug der Landbevölkerung in die Städte des 19. Jahrhunderts verlor daher der Spitz als Gebrauchshund langsam seine Bedeutung.

 

Im Zweiten Weltkrieg erlebte er dann sein rasantes Comeback: insbesondere die Wolfsspitze erfuhren einen enormen Aufschwung, während andere Rassen fast völlig niedergingen. Im Jahr 1948 wurden rund 1500 neue Wolfsspitze registriert. Vielleicht brachte der Wolfsspitz alles das mit, was man für „schlechte Zeiten“ brauchte. Er ist ein anspruchsloser Wachhund, der keiner großen Pflege bedarf, und ist so genügsam, dass er auch mit Kartoffeln auskommen soll (mit diesem "Slogan" wurde er damals beworben). Durch sein dichtes, langes und pflegeleichtes Fell ist er optimal ausgestattet für den Außeneinsatz, denn es macht ihn witterungsunempfindlich und wetterfest. 

Witwe Bolte Spitz
Alle Hühner waren fort, “Spitz!” das war ihr erstes Wort. "O du Spitz, du Ungetüm! Aber wart, ich komme ihm!” Mit dem Löffel groß und schwer geht es über Spitzen her; laut ertönt sein Wehgeschrei, denn er fühlt sich schuldenfrei.

Heute sind es nicht mehr Witwe Boltes Brathühner, die zu verschwinden drohen, sondern der Spitz selber. 2003 verkündete die GEH (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen), dass Groß- und Mittelspitze als vom Aussterben bedrohte Haustierrassen gelten. Eine Hunderasse gilt dann als bedroht, wenn weniger als 300 Welpen pro Jahr ins Zuchtbuch eingetragen werden. Der Großspitz gilt sogar als „extrem gefährdet“ und fast alle noch lebenden Exemplare sind leider mehr oder weniger miteinander verwandt. Aber auch beim Mittelspitz sieht es nicht viel besser aus, die GEH hat ihn deshalb als „stark gefährdet“ eingestuft. Hoffen wir mal, dass sich die Lage bald bessert, es wäre wirklich schade um diese uralte und kernige Hunderasse!


Ausgestorbene Spitze


Der Seidenspitz


Seidenspitz Deutscher Spitz
Links ein Malteser, rechts ein Seidenspitz

Der Seidenspitz entstammt möglicherweise einer Kreuzung von Malteser und Zwergspitz. Auch hier liegt sein Ursprung in Deutschland. Er unterschied sich vom Zwergspitz durch seine prächtige, lange, feine und seidenartige Behaarung, wobei auch bei ihm das Haar gerade und locker abstehen musste. Farbe weiß mit schwarzer Nase und schwarzen Augen. Alle anderen Punkte wie Größe etc. sind identisch mit dem Zwergspitz, jedoch hat der Seidenspitz schmalere Pfoten (Hasenpfoten). Weil das Fell auch im Gesicht und an den Füßen lang war, musste durch Scheren von Schnauze, Ohren und Pfoten nachgeholfen werden, um die äußere Erscheinung an die Zwergspitze anzugleichen. Mehrfach stand die Rasse bis zu ihrem endgültigen Verschwinden an der Grenze des Aussterbens, woran möglichweise die ungeheuren Schwierigkeiten bei der Zucht und Aufzucht schuld waren, denn die Seidenspitze waren nur sehr gering fruchtbar und brachten maximal zwei Welpen pro Wurf zur Welt. Da die Züchter damals noch der Staupe völlig hilflos gegenüberstanden, kann man sich vorstellen, wie schwierig die Zucht mit solchen Hunden war. 

Der Pommer'sche Hütespitz

Pommerscher Hütespitz

Pommersche Hütehunde sind Schläge von Hunden, die in Pommern bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gezüchtet wurden und heute als ausgestorben gelten. Der Hütespitz war als ganz besonders famoser Hüter von Schafherden in ganz Europa bekannt.

 

Der Pommersche Hütespitz wird als mit den Groß- und Mittelspitzen nicht identisch, aber doch als mit ihnen verwandt angesehen. Zwar wird auch bei dem Großspitz eine Eignung für leichtere Hütearbeiten festgestellt, jedoch war dieser primär ein Haus- und Hofhund. Weiße Schäferhunde und Shelties sind übrigens die Nachfahren des Hütespitzes.  

 

 


Quellen:


[1] www.christies.com/lot/lot-4364608/?intObjectID=4364608

 

Otto Keller "Die antike Tierwelt", "Brehms Tierleben", Strebel "Die deutschen Hunde", Britta Schweikl "Der Wolfsspitz", Hans Räber "Enzyklopädie der Rassehunde", Knaur/ Ruperti "Schöne Hunde", "Das Lexikon der Hundefreunde", Ulrike Halsband "Gehirn, Intelligenz und soziales Verhalten von Hunden", Hartwig Drossard "Spitze sind spitze", www.mistklaeffer.de

Stand: 27.02.2022

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