Der Deutsche Wolfsspitz


- Historie, Standard und Charakter -


INHALTSVERZEICHNIS:

Vorwort

Vorwort

"Wir brauchen nur einen Schritt auf der Straße zu tun, so wird es sicher nicht lange dauern, bis wir einen spitzartigen Hund zu sehen bekommen, dies mag nun sein, wo es will, von Petersburg angefangen bis nach Italien hinab. Es gibt nur wenige Rassen, die eine so große Verbreitung und anderseits nur ebenso wenig Großzüchter gefunden haben." Das schrieb um 1903 einer der Urgroßväter der deutschen Kynologie, Richard Strebel.

 

Seine Beobachtung vor über 100 Jahren gilt noch heute: Spitze, insbesondere deren älteste Varietät in Deutschland, der Wolfsspitz, sind von Massenzüchtern und Modezuchten weitestgehend verschont geblieben. Der Spitz, die ehrliche Haut, kommt noch immer so daher wie eh und je, urwüchsig und kernig. Scheinbar jedoch fehlt ihm im Äußeren wohl das Spektakuläre oder Herzige, das Modehunde erschafft. Auch charakterlich lässt dieser pfiffige Tausendsassa die Anpassungsfähigkeit vermissen, die aus einem Hund urplötzlich ein Schmusetier macht - er ist und bleibt ein Schelm. "Laughing Dutchman", den "lachenden Holländer", nennen Amerikaner übrigens unseren Wolfsspitz. Und tatsächlich scheint sein dunkles Gesicht mit den spitzen Ohren auf dem fuchsähnlichen Kopf stets ein wenig verschmitzt und spitzbübisch zu grinsen, während die schlauen Augen etwas zwinkern und die Zunge kess aus dem Mundwinkel lugt...

Historisches

Der Wolfsspitz war vor und um 1900 in ganz Mitteleuropa verbreitet, wobei der Rhein quasi die Hauptschlagader darstellte. Bereits im frühen 18. Jahrhundert kann der Wolfsspitz als eine Art Rasse nachgewiesen werden, unter anderem als Lieblingshund der englischen Könige Georg III. und Georg IV. - immerhin lange vor den meisten anderen Hunderassen.


Schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts scheint in Frankreich die Bezeichnung "Chien Loup" (Loup = Wolf) für einen spitzartigen Hund gebräuchlich gewesen zu sein und noch heute heißt der Wolfsspitz dort "Spitz Loup". Vielleicht hatte die graue Farbe für den Namen Pate gestanden, vielleicht leitet sich der Name auch von den spitzen, wolfsähnlichen Ohren und dem Wolfspelz ab - zumindest beschrieb dies so der Comte de Buffon

Wolfsspitz Reichenbach schwarzmarken
Zeichnung aus dem Buch von Reichenbach - sowohl den rechten als auch den linken Hund könnte man als Vorfahren des Wolfsspitzes ansehen (aus "Der Wolfsspitz" - Britta Schweikl)

Er beschrieb einen Hund, der den Hirtenhunden oder Schäferhunden ähnlich war, eindeutige Spitzattribute besaß und den er als "Wolfshund" bezeichnete. Bei Dr. Friedrich Ludwig Walter wird der Wolfsspitz als Unterart des "kleinen Pommers" aufgeführt, der vor allem bei Fuhrleuten vorkam. Stonehenge (London 1859) hingegen kannte neben dem damals weit verbreiteten weißen Pomeranian auch einen "Pomeranian Wolf-Dog", der - wieder eine andere Namenserklärung - die Schafe vor den Wölfen schützte. Dr. Reichenbach sieht in seinem 1936 erschienenen Buch "Der Hund in seinen Haupt- und Nebenracen" den Wolfsspitz als eine Zuchtvarietät in den Pyrenäen, Ardennen, Ungarn, Polen usw. Der in diesem Buch abgebildete Hund (siehe rechtes Bild) ist zwar schwarzmarkenfarben, aber auch diese Farbe ist durchaus dem Wolfsspitz zuzuordnen. Ein hübscher Beweis dafür ist der links unten abgebildete Rüde Molly (ca. 1900 geboren), der trotz seiner Färbung damals als Wolfsspitz bezeichnet wurde.  

Bei allen vier Autoren wird definitiv deutlich, wie fließend die Übergänge zwischen den Rassen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts doch waren. So konnte man lange große Spitze und Schäferhunde nicht wirklich voneinander abgrenzen, woran nicht zuletzt die Bezeichnung "Hütespitz" erinnert. Beckmann (1895) schrieb dazu: "In gegenwärtiger Zeit umfasst die Gruppe der Spitze eine ziemlich große Zahl constanter Rassen, aber auch viele Uebergangsformen und Varietäten, welche theils an Schäferhunde, theils an die wolfsartigen Hunde erinnern und schwer von ihnen zu trennen sind." Und auch Kynophilos Actaenon sortiert in seinem 1781 erschienenen Buch "Ausführliche Geschichte der Hunde" die Spitze und die Schäferhunde zu einer Rasse zusammen: "Schäferhund, Spitz oder Hirtenhund als der Stammvater." 

Wolfsspitz schwarzmarken
Wolfsspitz Molly (aus "Der Wolfsspitz" - Britta Schweikl)

Insgesamt liegt der Schluss nahe, dass der Wolfsspitz dem Schäferhund verwandtschaftlich noch näher stand als der rein weiße Spitz. Der Wolfsspitz wurde immer getrennt von den anderen Varietäten gezüchtet und mehr zu der Kategorie Wolfshund gezählt, als zu den Spitzen im engeren Sinne. Weiße Spitze galten wohl in ihrer Farbe als edler und wurden daher auch früher zu einer eigenen Rasse als der urwüchsige Wolfsspitz. Auch mit dem Beginn der Zucht durch die Hundevereine wurde der Wolfsspitz weiterhin bis ins 20. Jahrhundert hinein getrennt von allen anderen Farben gezüchtet, obwohl es seit jeher nur einen Standard für alle Spitze gab. Mit Weiß wurde er so gut wie nie gekreuzt, während Paarungen mit schwarzen Großspitzen erst zwischen den Weltkriegen aufkamen. Daher ist der heutige Wolfsspitz mit den schwarzen Großspitzen auch am engsten verwandt, denn verfolgt man die Ahnentafeln der großen Schwarzen zurück, stößt man unweigerlich nach wenigen Generationen auf Wolfsspitze. Auch umgekehrt ist bei den Wolfsspitzen immer noch "schwarzes Blut" vorhanden da diese bis 1965 noch mit den schwarzen Großspitzen verpaart werden durften. 

 

Einige Autoren gehen sogar davon aus, dass der Wolfsspitz aufgrund seiner urigen Färbung der eigentliche Urahn der Deutschen Spitze sein müsse. Dies ist jedoch nicht wirklich zu klären, da die Quellenlage zu dürftig ist. 

 

Eine ausführliche Abhandlung zur Geschichte der Spitze findet sich in meinem Artikel "Die Geschichte des Spitzes"

 

Mit dem Aufkommen des Rassestandards für die deutschen Spitze im Jahr 1900 begann sich auch eine vielversprechende Zucht mit dem Wolfsspitz zu entwickeln, leider machte der Erste Weltkrieg viele Bemühungen um die Zucht zunichte. Nach dem Krieg war sogar einige Zeitlang nur ein einziger Züchter in Deutschland aktiv: Mathäus Salomon aus Schweinfurt mit seinem Wolfsspitzzwinger "am Ziel". In den Jahren nach dem Krieg ging fast jeder Wolfsspitzwurf auf Salomons Zwinger zurück, so dass man sagen kann, dass sein Zwinger quasi die Keimzelle der damaligen deutschen Wolfsspitzpopulation war.

 

Ab den 20er-Jahren stieg die Nachfrage nach Wolfsspitzen wieder, so dass die schon vorhandenen Zuchten zusammengeführt wurden und sich ein mittlerer "Kompromiss-Typ" beim Wolfsspitz durchsetzte. Die meisten Zwinger in der damaligen Zeit kann man durchaus als Großzüchter bezeichnen, die zumeist alle eigene Deckrüden hatten und immer mehrere aktive Zuchthündinnen. 

Geron am Ziel
Geron am Ziel (aus "Der Wolfsspitz")

Auch das Ausstellungswesen befand sich im rasanten Aufschwung, bis der Zweite Weltkrieg dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung machte. Dennoch ging es mit der Rasse steil bergauf. Während 1928 nur 68 Wolfsspitze eingetragen wurden, waren es 1944 schon 791. 

 

Die enorme Nachfrage, die die Wolfsspitze in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und auch noch kurz danach erlebten - während zahlreiche andere Rassen fast völlig niedergingen - ist definitiv ein Phänomen. Im Jahr 1948 wurden unglaubliche 1561 Wolfsspitze registriert! Vielleicht brachte der Wolfsspitz alles mit, was man für schlechte Zeiten braucht: er ist ein anspruchsloser Wachhund, der keiner großen Pflege bedarf und so genügsam ist, dass er auch mit Kartoffeln auskommt (was damals extra betont wurde). Vermutlich genossen die Wolfsspitze als bodenständige deutsche Rasse eine gewisse Förderung, zumal in der Zucht damals viel Wert auf die Gebrauchstüchtigkeit gelegt wurde und man den Wolfsspitz sehr gern zum Schutzhund ausbildete. Außerdem waren Welpen zu dieser Zeit natürlich auch eine Art "lebendige Währung". 

 

Ab 1949 waren die Eintragungszahlen der Wolfsspitze wieder stark rückläufig. Das lag zum einen daran, dass das DDR-Zuchtbuch gegründet wurde und viele Züchter im Osten saßen, und zum anderen sorgte die Einführung der Bewertungspflicht für die Elterntiere dafür, dass viele Zwinger so schnell verschwanden, wie sie gekommen waren. Der Verein für Deutsche Spitze war darüber aber gar nicht so traurig, denn in den Kriegsjahren waren genug Hunde produziert worden, die mit einem Wolfsspitz kaum noch Ähnlichkeit aufwiesen. So konnte man sich auf die Qualität der Tiere konzentrieren, anstatt auf die Quantität.  

Welpen Wymarshof
Welpen "vom Wymarshof", einem sehr wichtigen Zwinger, aus dem auch Kunos Vorfahren stammen

Nach dem Krieg waren noch einige alte Züchter aktiv, die zusammen mit den Hunden aus den Zuchten der Jagdverbände die Ausgangsbasis für die Wolfsspitzzucht der Nachkriegszeit bildeten. 

 

Auch im Osten Deutschlands fanden sich die Spitzfreunde nach dem Krieg wieder zusammen und gründeten 1951 die "Zuchtgemeinschaft für Deutsche Spitze". Der angestrebte Typus war ein eher kleinerer Wolfsspitz, selbst die Rüden hatten kaum mehr als 49 cm Stockmaß. Ab 1959 gehörten die Rassehundezüchter zum VKSK (Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter). Die Vorschriften im Verband waren streng, so waren Zuchttauglichkeitsprüfungen und Nachzuchtbeurteilungen Pflicht und schon in den 60er-Jahren wurden HD-Untersuchungen durchgeführt. Charakteristisch für die DDR-Zucht war der exzessive Einsatz einzelner Zuchtrüden. Da die enge Zuchtbasis regelmäßige Blutauffrischungen erforderte, wurden immer wieder Wolfsspitze aus dem Westen importiert.  

 

Nachdem der Verein für Deutsche Spitze den Wolfsspitz als wildreinen Hund in Bauern- und Jagdzeitungen beworben hatte, kletterten die Eintragungszahlen ab 1962 im Westen wieder nach oben. Seit dem Ende der 80er-Jahre werden in Deutschland um die 200 Welpen jährlich eingetragen, das heißt, dass die Beliebtheit des Wolfsspitzes seit dem Krieg ziemlich konstant geblieben ist. 

 

Nach der Öffnung der Mauer wurde der gemeinsame "Club für Deutsche Spitze" im März 1990 gegründet, aber bereits kurz darauf wieder aufgelöst. Ab dem 01.10.1990 war für die Eintragungen dann allein die Vereinszuchtbuchstelle des Vereins für Deutsche Spitze zuständig - ein bewegender Moment, der die vierzigjährige Trennung von Ost- und Westspitzen beendete. Leider gingen die meisten der alten DDR-Linien bald verloren, sicherlich auch aufgrund der unsicheren Wirtschaftslage. Auch wurden viele der DDR-Rüden nicht so sehr zur Zucht eingesetzt, wie es sicher sinnvoll gewesen wäre, denn die Ost-Spitze waren von überraschend guter Qualität. 

Über den Rassestandard


Wolfsspitze müssen zu Beginn der zuchtbuchmäßigen Erfassung recht unterschiedlich ausgesehen haben, sowohl in der Größe als auch im Typen. Bis zu dieser Zeit waren Großspitze und Schäferhunde kaum voneinander abzugrenzen und wurden gemeinsam von einem "Verein zur Züchtung deutscher Schäferhunde und Spitze" betreut. Daher schrieb Beckmann noch 1895 von der "Gruppe der Spitze", dass es viele Übergangsformen und Varietäten gäbe, die teils an Schäferhunde, teils an Wolfshunde erinnerten. Vermutlich war es gar nicht so leicht, aus dieser noch sehr ursprünglichen Rasse, die gerade erst vom Kutschbock herabgesprungen war, einen modernen Hund mit einheitlichem Typus zu machen. Wie bei so vielen anderen Rassen, gab es auch beim Wolfsspitz diverse regionale Schläge. Die drei hier abgebildeten Rüden des Züchters Charles Kammerer (Gründer des "Verein für Deutsche Spitze") repräsentieren jeweils einen anderen Wolfsspitztypen bzw. Regionalschlag:

Der erste Standard, der den Wolfsspitz auch heute noch sehr gut beschreibt, wurde im Jahr 1900 aufgestellt und basiert auf einem zwanzig Jahre älteren Standard, welcher 1880 auf einer Hundeausstellung in Berlin aufgestellt wurde. In diesem Standard wurde die Bezeichnung "Fuhrmannsspitz" übrigens als Synonym für den Wolfsspitz gebraucht, was einen klaren Hinweis auf sein Hauptbetätigungsfeld gibt. 

 

In dem Standard von 1900 blieb viel Spielraum für Diskussionen um den bevorzugten Wolfsspitztypen. So sah dieser Standard erstaunlicherweise auch zwei verschiedene Kopftypen vor, die es vorher so nicht gegeben hat: 

Kopftyp Wolfsspitz Großspitz
Oben ein Wolfsspitz mit flacherer Stirn, unten ein Großspitz mit ausgeprägterem Stopp

"Wolfsspitz - mittelgroß, von oben gesehen erscheint der Oberkopf hinten am breitesten und verschmälert sich keilförmig bis zur Nasenspitze; von der Seite gesehen mäßiger Stirnabsatz, Oberkopf fast flach."

  

"Weiße und schwarze Spitze - mittelgroß; von oben gesehen zeigt die Kopfbildung etwas Backen, die Schnauzenpartie nicht zu lang, stets im Verhältnis zum Oberkopf (Stirnlänge), der Stirnabsatz so stark wie möglich, auch Stirn stark gewölbt, überhaupt am Oberkopf alles gerundet und nichts eckiges oder flaches."

 

In der Zeit vor dem ersten Rassestandard war jedoch nie die Rede von einem flachen Kopf mit wenig Stopp, es gab damals zumeist Wolfsspitze mit dem runderen Kopftypen. Darüber kam es 1907 im Verein teils heftigen Diskussionen, aus denen aber schließlich der flachere Wolfsspitzkopf als alleiniges Zuchtziel hervorging. Die Meinungen darüber waren allerdings geteilt. Weitere Knackpunkte waren u.a. die Rutenhaltung (auf dem Rücken aufliegend oder seitlich hängend wie beim Großspitz) und die Fellzeichnung. Braun- und Gelbtöne im Fell wurden nur ungern gesehen. Spätestens ab 1899 mit der Gründung des "Vereins für Deutsche Spitze" war es mit der Farbe "gelbgrau" beim Wolfsspitz dann wirklich vorbei. Fortan galt ab dem Vereinsstandard 1901 "Wolfsgrau", das ist "Silbergrau mit schwärzlichem Anfluge der einzelnen Haarspitzen." Ebenso ungern wie Gelbtöne sah man zu helle Augen bei den Wölfen und daher wurden diese sehr, sehr oft bemängelt. Dunkle Augen waren damals eine derartige Besonderheit, dass sie im Richterbericht explizit hervorgehoben wurden. 

Wolfsspitz Schutzhund
Ein Wolfsspitz als Schutzhund

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine Bewertungspflicht für die Elterntiere eingeführt, die den Weg für eine planmäßigere Zucht und einen einheitlicheren Typen ebnete. Dennoch gab es noch jahrelang sehr unterschiedliche Wolfsspitztypen. So war der Vorkriegswolfsspitz wohl von einer leichteren Art und "fuchsartiger" vom Aussehen her. Nach dem Krieg setzte sich ein schwerer, größerer Typ durch, mit üppigerem Haarkleid und mehr Unterwolle. Doch obwohl das Credo für den Wolfsspitz "je größer, je besser lautete", durfte die Größe nicht auf Kosten des Gesamteindrucks gehen. 

 

Was den Charakter des alten Wolfsspitzes betraf, so wollte man damals einen besonders schneidigen Wolfsspitz im Ring sehen. Hunde wurden als "besonders scharf" gelobt oder wegen "zu wenig Schärfe" abgestuft. 1969 äußerte sich der Hauptzuchtwart Werner Jäger dazu wie folgt: "Wenn wir auch aus dem Ausland kritisiert werden, daß unsere Groß- und Wolfsspitze zu angriffslustig sind, so bin ich absolut gegen das Züchten mit wesensschwachen Elterntieren. Mir ist ein aggressiver Spitz lieber als ein lammfrommer Typ. Selbstverständlich ist ein guterzogener großer Spitz für Richter und Publikum eine Augenweide. Allzu oft musste ich aber schon die Erfahrung machen, daß hinsichtlich Pflege und Erziehung zu viel des Guten getan wurde: wenig Temperament, keine Wesensfestigkeit; und äußerlich: liegendes, weiches Haar."

 

Obwohl es auch gegenteilige Aussagen gibt, muss schon etwas dran gewesen sein an der "Aggressivität" der damaligen Wolfsspitze. Nicht ohne Grund "entschärfte" Julius Wipfel den Wolfsspitz, indem er durch die Einkreuzung des Chow-Chows den sanfteren und umgänglicheren Eurasier erschuf. Da der Wolfsspitz früher auch sehr gern zum Schutzhund ausgebildet wurde, kann er eigentlich nicht komplett lammfromm gewesen sein. 

 

Die seit 1900 am Standard vorgenommenen Änderungen betrafen zumeist die Frage der Größe. Die Größe des Wolfsspitzes wurde 1900 folgendermaßen festgesetzt: "Rüden und Hündinnen möglichst 45 cm, jede Größe darüber zulässig; je größer, je lieber, doch darf die Gesamterscheinung nicht unter der Größe leiden." Bereits damals war der Typ wichtiger als die Größe und bis 1974 war beim Wolfsspitz jede Größe über 45 cm zulässig, solange eben die Allgemeinerscheinung stimmte. Erst 1975 wurde die betreffende Passage geändert auf "45 bis 55 cm Widerristhöhe".  Grundlegende Veränderungen erfuhr der Standard von 1900 erst mit der Version von 1990 -  dabei wurde er dem FCI-Schema angepasst und erweitert - und mit dem Standard von 1998, der den Keeshond mit einschloss und daher an mehreren Stellen wesentlich überarbeitet werden musste. 

Der "andersfarbige" Wolfsspitz


orange cream Keeshond
Orange-creme-gewolkte Wolfsspitzwelpen (mit freundlicher Genehmigung von Suzette Lefebvre)

Laut Standard ist der Wolfsspitz nur in der Farbe "Graugewolkt" zugelassen. In der Genetik wird diese Farbe auch als "Agouti" bezeichnet: jedes Haar ist klar in zwei Zonen aufgeteilt, eine helle an der Basis und eine dunkle an der Spitze. Der hellere Anteil ist falb- oder sandfarben; der dunklere Anteil - gefärbt durch das Eumelanin - zeigt die variierenden Ausdrucksformen dieses Pigments, die von blau über braun bis hin zu schwarz reichen. Theoretisch sind alle denkbaren Kombinationen dieser Nuancen möglich, wobei das Wolfsspitzgrau die häufigste Variante ist. Auch kann die Wolkung unterschiedlich ausfallen und sehr verschieden ausgedehnt sein, daher wirken manche Tiere fast schwarz, andere eher hellgrau. 

 

Es gab und gibt aber auch noch andere Farben beim Wolfsspitz, sogenannte "andersfarbige" Wolfsspitze. So kamen zum Beispiel 1991 im Zwinger "Darkenwald Keeshonden" in den USA vier Wolfsspitzwelpen zur Welt, von denen nur eine Hündin wolfsgrau war, die anderen Welpen waren orange-und-creme-gewolkt mit rötlichen Haarspitzen. Aufgrund der hellen Augen und Nasen vermute ich, dass die Welpen unter Dilution litten, jedoch wurden sie - laut Aussage der Züchterin Suzette Lefebvre -  nie darauf getestet. Spinnt man den Gedanken weiter, dann wären diese Welpen ohne die Aufhellung sicherlich braungewolkt gewesen. 

 

Andersfarbige Wolfsspitze soll es auch noch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gegeben haben. Bereits vor 1900 werden insbesondere braune bzw. braungewolkte Wolfsspitze erwähnt, die damals als eine Variante des Wolfsspitzes vorkamen. Leider ist nicht ein einziges altes Foto von so einem Wolfsspitz aufzutreiben. Bis 1957 waren diese Sonderfarben vom deutschen Standard und auch vom FCI anerkannt, blieben jedoch eine Seltenheit. Zum Beispiel wurden von 111 Spitzwelpen, die 1936 geboren wurden, nur drei bräunlich-graue registriert. Einer davon war "Stropp vom Lauerhaas", den Autorin Alice Gatacre in "The Keeshond" (1938) wie folgt beschreibt: "Ein schöner, typischer Spitz, aber von höchst ungewöhnlicher Farbe. Seine äußeren Haare waren kräftig orange, die Unterwolle hellcreme. Sehr ungewöhnlich und höchst attraktiv." Die Eltern von Stropp waren übrigens beide grau.  

weißer Wolfsspitz
1995 fiel in Kanada ein Wurf mit vier grauen und zwei weißen Wolfsspitzen

Wie es zu den farbigen Wolfsspitzen kam? Mitunter bringen graue Wolfsspitzeltern schwarze Welpen zur Welt. Diese werden aufgrund der Fehlfarbe oft kastriert, aber ihre grauen Wurfgeschwister tragen mitunter ebenfalls das Gen für schwarzes Fell, sowie das rezessive Gen für Braun in sich und können ihre Farbgenetik so auch weitergeben. In der richtigen Kombination kann diese Farbgenetik dann die seltenen braunen oder orangen Wolfsspitze hervorbringen. 

 

Der 1944 geborene und braungewolkte "Elk von der Schmidburg" (einer von Kunos Ahnen) sowie andere andersfarbige Wolfsspitze wurden damals sogar in die Auslesegruppe eingetragen und zur Zucht verwendet, wobei man aber keineswegs alle Farbvarianten durcheinandermischte. Ab 1958 wurden die Andersfarbigen (leider) aus dem Standard gestrichen, da man von nun an auf die Farbreinzucht setzte. Dennoch gab es in Holland hin und wieder orangefarbene Wolfsspitze und in Südafrika fielen 1972 weiße Wolfsspitzwelpen, von denen einer in die Niederlande kam, wo mit ihm als weißer Großspitz weitergezüchtet wurde. Nach wie vor werden also immer mal wieder farbige Welpen geboren (besonders in amerikanischen Zwingern), daher wäre es sicher auch möglich, gezielt Linien von Wolfsspitzen in anderen Farben aufzubauen, so man denn wollte.

Die Aufgaben des Wolfsspitzes


Wolfsspitz Schiff
Ein Wolfsspitz als Schifferspitz

Der Wolfsspitz war für Wachaufgaben aller Art geeignet und sogar als Hütehund machte er keine schlechte Figur, dennoch scheint er zwei Hauptbetätigungsfelder gehabt zu haben: einerseits war er "Schifferspitz" auf den Binnenlastkähnen am Rhein und in Holland und andererseits war er berühmt-berüchtigt als Fuhrmannshund. Während in Süddeutschland eher die schwarzen Spitze auf dem Bock mitgefahren sein sollen, waren im Bergischen Land und am Niederrhein die Wolfsspitze mit von der Partie. Im Standard von 1880 wurde der Begriff "Fuhrmannsspitz" sogar als Synonym für den Wolfsspitz gebraucht.

 

Aber auch für andere Arbeiten war der große Wolfsspitz geeignet. So spannte man ihn in Städten durchaus als Zughund vor den Hundekarren, um beim Ausliefern der Waren zu helfen. 

 

Mit dem Aufkommen der Eisenbahn verschwanden die Fuhrwerke und ihre vierbeinigen Begleiter mehr und mehr, doch bei den Flusskahnschiffern verrichteten die Spitze ihren Dienst noch jahrzehntelang. Die holländische Wolfsspitzzüchterin Stenfert Kroese erinnert sich: Als ich ein Mädchen war, lebten wir in Rotterdam nahe dem Wasser. Wenn wir zur Schule gingen, machten wir uns einen Spaß daraus, auf den Planken, über die man zu den Rheinkähnen gelangen konnte, mit großem Getöse auf und ab zu hüpfen und zu springen. Die Keeshonds auf den Schiffen reizten wir damit zu wahren Zornesausbrüchen, aber gemeinerweise wussten wir, dass wir ziemlich sicher waren, denn ein Keeshond würde nie, nie sein Boot verlassen, es sei denn mit seinem Herren." 

Wolfsspitz Stollwerk Reklame Fuhrmannsspitz
Der Wolfsspitz als Fuhrmannspitz auf einer alten Stollwerk-Reklame

Natürlich wurde der Wolfsspitz im 19. Jahrhundert auch viel auf Bauernhöfen gehalten, denn von hier holten sich die Fuhrleute auch ihre Hunde. Es gibt auch Berichte, dass der Wolfsspitz früher sogar als Hütehund eingesetzt wurde: "Mit erstaunlicher Sicherheit findet er verlorenes Vieh, treibt es auf dem Melkplatz zusammen, besorgt die Einstellung, treibt es auf der Straße. Dabei stößt er soviel wie möglich mit dem Fang an das Rind, ohne es zu fassen." (G. Dangeleit 1972). Diese Beschreibung deutet auch den Hackenbiss der Spitze an, der unerlässlich ist, um Schweine und Rinder zu treiben. Während es z.B. dem Bordercollie durch Fixieren der Schafe gelingt, diese entsprechend zu lenken, sind Schweine und Rinder durchaus selbstbewusste Zeitgenossen, die auch einschätzen können, wie groß ihr hündisches Gegenüber im Gegensatz zu ihnen ist und sich von ihnen daher auch nicht ohne Widerworte drangsalieren lassen. Hier erlaubt es lediglich der Hackenbiss dem Hund, auf das Vieh auch tatsächlich einzuwirken um es voranzutreiben bzw. entsprechend zu lenken. 

 

Noch heute stellen Bauern mit Erstaunen fest, dass ein ordentlicher Wolfsspitz praktisch mehrere Hunde ersetzt und dass man ihn sehr vielseitig einsetzen kann, ohne ihm alles einzeln beibringen zu müssen. Daher ist er neben seinen anderen Tätigkeiten auch noch anerkannte vierbeinige Alarmanlage, Mäusefänger und Kindertante. Weiterhin wurden Wolfsspitze auch schon als Schutzhunde und Blindenhunde eingesetzt und sind als größter Spitzvertreter früher auch zur Polizeihundeprüfung zugelassen gewesen. 

Der Wolfsspitz - ein Charakterkopf


Bauernhof Wolfsspitz
Ein imposanter Hofwächter

Der Wolfsspitz ist ein Mädchen für alles und daher sehr flexibel in seinen Einsatzgebieten. Hauptsache, er darf mit dabei sein, dann macht er wirklich jeden Quatsch mit. Dennoch ist er immer in Alarmbereitschaft, sollte sich jemand am Besitz seines Herren vergreifen wollen. Er passt auf die Wohnung und das Haus auf, ebenso auf das Auto oder Fahrrad, auf den Wohnwagen sowieso oder auch einfach nur auf Frauchen an der Leine. Wolfsspitze hängen nämlich an ihren Menschen und an allem, was diesen Menschen gehört. Daher reagiert ein Wolfsspitz auf Fremde spitztypisch immer erstmal misstrauisch, ohne von sich aus aggressiv zu sein. Durch seine imposante Mähne, die hochgestellte Rute und das "hallo-hier-bin-ich-Gehabe" macht der Wolfsspitz immer erstmal eine etwas provokanten Eindruck - gerade auf andere Hunde. 

 

Im Charakter ist der Wolfsspitz ein sehr wesensstarker und instinktsicherer Hund mit starkem Nervenkostüm und ausgeglichenem Wesen. Sein Temperament ist immer genau der Situation angepasst. Das stolze, selbstbewusste und selbstständige Wesen verträgt absolut keinen Drill oder sturen Zwang. Geduld, Einfühlungsvermögen, liebevolle Konsequenz in der Erziehung belohnt der Wolfsspitz aber mit Treue und Schutzbereitschaft, denn er lernt anders und gehorcht auch anders als beispielsweise ein Schäferhund. Man muss ihm deutlich begreiflich machen, was man von ihm möchte und es ihm ruhig erklären. Wolfsspitze lassen sich nicht so schnell durch eine scharfe Stimme einschüchtern und reagieren dann eher mit einem "Leck' mich fett!". Trotzdem ist der Wolfsspitz nicht generell stur, er ist nur schnell gelangweilt von andauernden Wiederholungen, denn lieber lernt er immer wieder etwas Neues. Aber natürlich gibt es auch hier Exemplare mit einem besonders starken Hang zur Eigensinnigkeit, die man durchaus als Sturheit bezeichnen könnte.  

 

vom Daxstein Wolfsspitz alter Schlag
"Fanny vom Daxstein" - eine Wolfsspitzin vom Urtyp

Der Wolfsspitz ist sehr anpassungsfähig an die verschiedenen Lebensumstände, es gibt deshalb nicht "den" am besten geeigneten Käufertyp. Vor 100 oder 200 Jahren war er nicht nur auf Bauernhöfen, sondern auch auf Fuhrwerken und Lastkähnen zuhause, und kommt daher auch in einer räumlich eingeschränkten Umgebung zurecht - solange ihm eine enge Bindung an seine Familie zugestanden wird. Wolfsspitze sind sehr menschenbezogen, allerdings ohne zwangsläufig aufdringlich zu sein. Nervös wird der Wolfsspitz erst, wenn er Herrchen oder Frauchen nicht mehr finden kann, dann findet man ihn regelrecht aufgelöst und verzweifelt suchend vor. Andere Haustiere werden von ihm problemlos zum Rudel dazugehörig akzeptiert. Lediglich Mäuse und Ratten sind davon ausgenommen, denn wie alle Spitze sind auch Wolfsspitze hervorragende Vernichter selbiger. 

 

 

Apropos Vernichter: der Wolfsspitz ist auch ein hervorragender Nahrungsmittelvernichter. Das ist seine Achillesferse, denn ein Wolfsspitz hat eigentlich immer Hunger. Leider sind viele Wolfsspitze aufgrund ihrer Verfressenheit und der Gutmütigkeit ihrer Besitzer zu dick - oft ist es eben nicht nur das Fell, das ihn so rund wirken lässt. Da sich Übergewicht bei Kreislauf, Gelenken und inneren Organen bemerkbar macht, tut man seinem Hund keinen Gefallen, wenn man auf jede Bettelei eingeht.

Wolfsspitz Frosch Position
Klein-Kuno in der Froschposition

Am liebsten liegt der Wolfsspitz in der "Froschposition", wobei die Hinterläufe entweder seitlich quer abgewinkelt werden oder ganz gerade nach hinten gestreckt werden. Bei Welpen sieht das natürlich besonders niedlich aus. 

 

Sein Lieblingsplatz ist in der geöffneten Haustür oder auf der Terrasse oder dem Balkon, wo er von einem erhöhten Platz aus alles gut überblicken kann. Spaziergänge liebt er natürlich sehr, man muss ihn aber nicht wie andere Rassen müde laufen oder "auslasten". Der Wolfsspitz hält sich sehr gerne in der freien Natur auf. Da er im Idealfall nicht streunt und nicht wildert, kann man ihn problemlos ohne Leine laufen lassen.

 

Wolfsspitze haben übrigens ein erstaunlich gutes Gespür für brenzlige Situationen und wachsen dann quasi über sich selbst hinaus; ein sonst eher zurückhaltender Hund kann zum Teufel werden, wenn es darauf ankommt. Ein derartig guter Wächter bringt natürlich auch die Eigenschaft mit, auf die jeweilige Situation flexibel und angepasst reagieren zu können. 

 

Wolfsspitze haben auch eine überraschend kräftige und tiefe Stimme. Wer nur das Bellen des Wolfsspitzes hört, vermutet einen riesigen Hund hinter der Haustür und ist oftmals überrascht, um wie viel kleiner die vierbeinige Alarmanlage dann ist. Einen Wolfsspitz, der Alarm schlägt, kann man also wirklich nicht überhören und denn unerschütterlich zu Melden und zu Wachen liegt ihm im Blut. Den Beweis dafür, wie nützlich diese Wachsamkeit sein kann, liefert ein Vorfall, der sich in den 1950er Jahren ereignete und von dem auch in den Zeitungen berichtet wurde: Einbrecher drangen in die Wohnung eines Metzgermeisters ein, der mit seiner Familie unterwegs war. Die Nachbarn hörten den Wolfsspitz des Meisters ununterbrochen bellen. Da das Gebell immer heftiger wurde und dann und wann von von schmerzlichem Aufheulen unterbrochen wurde, riefen diese die Polizei. Es gelang ihnen, einen der Verbrecher dingfest zu machen. Der Hund wurde blutüberströmt und von vierzehn Messerstichen verletzt aufgefunden. Die Diebe hatten jedoch ohne Beute das Feld räumen müssen, nachdem sie den ohne Unterlass bellenden, sich ihnen auch immer wieder geschickt entziehenden Hund durch die ganze Wohnung verfolgt und vergeblich zum Schweigen gebracht hatten. Der Wolfsspitz wurde durch aufopfernde Pflege unter Anteilnahme der ganzen Stadt wieder gesundgepflegt. Er hat bewiesen, dass die alte Spitzeigenschaft des nicht nachlassenden, in diesem Falle geradezu heldenhaften und unter Schmerzen durchgehaltenen Bellens genau das richtige Verhalten war. Denn das Melden des Verdächtigen ist das Wichtigste; der auf sich allein gestellte und blindwütig angreifende Hund wird sehr schnell verstummen und keine Hilfe mehr herbeibellen können, denn er wird dem bewaffneten Verbrecher immer unterlegen sein.

 

Am liebenswürdigsten zeigt sich ein Wolfsspitz übrigens in seiner ihm vertrauten Umgebung, hier wird er zum Clown und zeigt sein fröhliches und keckes Wesen. Durch seine besondere Mimik und die außergewöhnliche Ausdrucksfähigkeit seines Gesichts hat man das Gefühl, er verstünde wirklich jedes Wort. Wenn er zuhört. Und Zeit hat. Und Lust.

Der Wolfsspitz und der Jagdtrieb


Der Spitz - ein Hund, der nicht streunt und nicht wildert?! Bezogen auf das Jagdthema gibt es viele unterschiedliche Meinungen, sowohl unter Liebhabern als auch in der Literatur. Dennoch kann man davon ausgehen, dass die vielgepriesene Hoftreue der Spitze nicht nur ein Ammenmärchen ist. Warum? Weil der Spitz von den hiesigen Jagdverbänden höchstselbst empfohlen und sogar gezüchtet wurde.

A) JAGDVERBÄNDE ZÜCHTEN DEN WOLFSSPITZ

Nach dem Ersten Weltkrieg kam der Spitz als Wachhund aus der Mode und wurde vielerorts durch den Deutschen Schäferhund oder durch seine Mischlinge ersetzt. Deren andauerndes Wildern stellte jedoch die Jägerschaft vor große Probleme. Viele Hunde kamen an die Kette, andere wurden beim Wildern erschossen - eine Situation, die weder den Menschen noch den Hunden gefiel. 

 

In den 30er-Jahren erinnerte sich das Reichsjagdamt an den Wolfsspitz und empfahl über die entsprechenden Jagdgauämter seine Wiedereinführung als Haus- und Hofhund. Es wurden den Züchtern sogar ansehnliche Zuschüsse bezahlt, um geeignete Zuchttiere erwerben zu können und so kam es, dass der Wolfsspitz in einzelnen Landesverbänden des Deutschen Jagdschutzverbandes gezüchtet wurde. Immer dort, wo ein wildernder Hund getötet wurde, sorgte man so dafür, dass der Besitzer billig einen Wolfsspitz bekam. 

 

Man hatte übrigens schon Pläne, eine "Zentralstelle für Spitzhundezucht" aufzubauen. Leider machte der Krieg diese Pläne zunichte, aber dennoch begannen einzelne Jagdverbände in den 40er-Jahren mit der planmäßigen Wolfsspitzzucht. Darüber geben die Zwingernamen der damals eingetragenen Welpen Auskunft, Zwingernamen wie "vom Jagdkreis Rosenheim", "vom Jagdgau Baden" usw. Auch weisen alte Zwingernamen, die auf "vom .....hof" enden, darauf hin, dass hier hauptsächlich von Landwirten und Jagdverbänden gezüchtet wurde.  

Wolfsspitz alter Typ
Fuchsartiger Vorkriegstyp

Leider geriet der Wolfsspitz mit seinen tollen Eigenschaften bei den Jagdverbänden nach dem Krieg wieder in Vergessenheit, bis 1957 der Jagdverband Schleswig-Holstein den Gedanken an eine planmäßige Wolfsspitzzucht wieder aufgriff und den Zwinger "von Wolmershof" gründete. Viele Jagdverbände folgten diesem Beispiel und gaben ihre Welpen bevorzugt an Aussiedlerhöfe und an waldnahe Gehöfte ab. Obwohl die Bauern dem Wolfsspitz zunächst skeptisch gegenüberstanden, setzte alsbald eine Mund-zu-Mund-Propaganda ein, die von ihm als "einen sagenhaften Hund" sprachen, der "nicht wilderte und nicht an die Kette musste, weil nicht vom Hof ging und Fremden gegenüber sehr misstrauisch und wachsam war und scharf hinter Ratten und Mäusen her war"

 

Der Landesjagdverband führte sogar jährlich eigene Zuchtschauen durch, auf denen die Nachzucht beurteilt wurde. Hier wurden den Besitzern auch erst die Ahnentafeln ausgehändigt. Dies alles trug unwahrscheinlich zur Verbesserung der Rasse bei, denn zur Zucht kamen nur Wolfsspitze in Frage, die in Bezug auf Haustreue und Wachsamkeit die angestrebten Eigenschaften zeigten. Der Landesjagdverband Schleswig-Holstein organisierte 1960 sogar eine Rundfahrbewertung, bei der über drei Tage lang zwei Herren vom LJV durch das Land tourten und 24 Wolfsspitze bei ihren Haltern beurteilten. Diese Methode hatte den unschätzbaren Vorteil, dass man die Spitze in ihrer vertrauten Umgebung beobachten konnte und sich von ihrem Charakter, ihrer Wildreinheit und ihrer Wachsamkeit ein besseres Bild machen konnte, als dies im Ring möglich gewesen wäre. 

B) JAGEN WOLFSSPITZE WIRKLICH NICHT?

Wolfsspitz vintage

1962/63 wollte es der LJV Schleswig-Holstein genau wissen und vermittelte Wolfsspitzwelpen an Problemhöfe, um sich nach gewissen Zeiträumen das Jagdverhalten der Tiere anzuschauen. Das Resümee lautete schließlich: "Der Wolfsspitz besitzt eine ausgezeichnete Anlage, als hof- und familientreuer, frei laufender Wachhund erzogen zu werden. Es ist aber nicht, dass er ein 100%iges Allheilmittel ist, um das man sich nicht zu kümmern brauchte.... Der Wolfsspitzhalter muss Interesse an dem Hund haben! Er muss sich die Mühe machen mit ihm Kontakt zu pflegen, musss ihm Familienanschluss geben. Überlässt man einen Wolfsspitz sich selbst, so neigt auch er zu unkontrollierten Spaziergängen."

 

Wirklich garantieren, dass ein Wolfsspitz nicht jagt, kann man also nicht. Bei manchen Spitzen ist der Jagdtrieb stärker vorhanden als bei anderen, normalerweise jedoch interessiert sich der Wolfsspitz kaum für Fährten, er läuft flüchtenden Tieren maximal kurz hinterher und kommt dann ohne Diskussion zurück. Erfolgserlebnisse beim Hetzen können allerdings auch den harmlosesten Wolfsspitz motivieren, so dass er es wieder versuchen wird - einfach weil er auf den Geschmack gekommen ist. Daher sollte man schon dem Welpen klarmachen, dass jagen verboten ist, ebenso wie das Scheuchen von Vögeln oder das Verfolgen von Katzen. 

 

Leider ist die vielzitierte "Wildreinheit" in der aktuellen Zucht kein Selektionsmerkmal mehr. Weil viele Spitze ihr Leben lang in umzäunten Grundstücken leben und Wild und Geflügel höchstens aus dem Zoo kennen, kann niemand wirklich beurteilen, wie stark ihr Jagd- und Beutetrieb ist. Nicht sehr unwahrscheinlich ist eine Anlage zum Jagen bei erwachsenen Spitzen, die auffällig gern apportieren, gern Gegenstände mit sich herumtragen und diese abschütteln oder wilde Verfolgungsjagden mit anderen Hunden veranstalten. 

 

Der ganze Artikel über die "Wolfsspitzaktion" der Landesjagdverbände findet sich hier: Jagt der Spitz oder jagt er nicht?


Der Wolfsspitzstandard 2.0 (Expertenmodus)


1) Die Augen: erspähen Essbares auf 100 m Entfernung, außer es lebt noch

2) Die Nase: kann kleinste Essensbrösel unter Tischen und Stühlen erschnuppern

3) Die Schnauze: funktioniert in der Kombination mit 2) wie ein Industrie-Staubsauger

4) Die Stimme: vermeldet meistens Fremdes und Verdächtiges, die Essenszeit jedoch immer

5) Die Ohren: rotieren wie Radarantennen in Richtung Küche. Der Wolfsspitz verfügt über ein sogenanntes "selektives" Gehör: die Kühlschranktür hört er aus größter Entfernung, Kommandos hingegen auch aus nächster Nähe nicht

6) Der Magen: das wichtigste Organ des Wolfsspitzes, weil ständig leer und aufnahmefähig

7) Das Fell: gibt in der Zeit des Fellwechsels eine erstklassigen Bodenbelag ab, macht sich aber auch sehr gut als Verzierung von dunkler Bekleidung

8) Die Vorderpfoten: vielseitig einsetzbar, z.B. zum Ausgraben von Blumenzwiebeln oder zum Leeren von Wassernäpfen. Werden auch sehr gern schwungvoll auf den Oberschenkel des Besitzers gelegt, um zur Füllung von 3) und 6) aufzufordern

9) Die Hinterhand: erstaunlich sprunggewaltig, katapultiert den Hund mit Höchstgeschwindigkeit auf Couch, Schoß oder Bett, erlahmt aber spontan, sobald der Wolfsspitz zum Herkommen aufgefordert wird 

10) Die Rute: wedelt oder wedelt nicht, ist stets fest auf dem Rücken geringelt, nur nicht im Beisein eines Hunderichters

Geklaut, weil für gut befunden und etwas angepasst: Britta Schweikl "Der Wolfsspitz"


Quellen:


Britta Schweikl "Der Wolfsspitz", Alice Gatacre "The Keeshond", "Brehms Tierleben", Strebel "Die deutschen Hunde", Hans Räber "Enzyklopädie der Rassehunde", Knaur/ Ruperti "Schöne Hunde", "Das Lexikon der Hundefreunde", www.darkenwaldkees.com, www.spitzliebhaberverein.de

Stand: 30.07.2021

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