Deutscher Spitz - der Charakter


Seit ihrer Entstehung ist es das wohl Schicksal der Spitze, eine Hunderasse zu sein, die im Verborgenen blüht. Nur so kann man erklären, dass sie stets "nur" die gewöhnlichen Hunde des Volkes waren - die Hunde der Bauern, Fuhrleute, Händler und Schiffer - und daher klafft in ihrer Geschichte bis in die Neuzeit eine riesige Lücke. Die Spitze waren jedoch für das Volk unentbehrlich, sei es als Begleiter und Wächter von Hab und Gut, sei es als Spielgefährten für die Kinder. Und ebenso waren sie Rattenfänger, Kuhhirten und Gänsehüter. Im Adel hingegen - der Schicht, von der so viele Impulse für die Hundezucht ausgingen - waren sie nicht gefragt. Man bevorzugte die Zucht edler Jagdhunde oder seltener Begleithunde. Vermutlich war ihnen der Spitz einfach zu gewöhnlich, zu unscheinbar.

Großspitz Deutscher Spitz Vintage Foto

Der Deutsche Spitz

Was des Schäfers Hund für Herden, ist der Pommer für das Haus,

mittelgroß und fuchsgesichtig geht im Hof er ein und aus.

Dicht gehüllt in zartes Fell mit klugen Augen voller Witz,

selbst dem Wolfe mag er trotzen, zweifellos, das ist der Spitz.

 

Böse schnappend kämpft er grimmig mit dem größten Edelmut,

unbestechlich wacht er dabei über seines Herren Gut.

Auf dem Miste thronend kündet er mit lautestem Gebell

von der Ankunft eines Fremden und ist flink am Tor zur Stell.

 

Selbst die allerschönsten Worte nehmen ihm nie ganz die Scheu,

nur dem Haus und seinem Meister ist der Pommer ewig treu.

Dort wo in dunkler Winternacht Windes Hauch so eisig weht

ruht am liebsten dieser Hund, sodass im Hof ihm nichts entgeht.

 

Wer ihn bloß als Kläffer schimpft, urteilt wider gutes Wissen,

frag den Bauern oder Schiffer, keiner will den Spitzer missen.

Für  das Wohl des Hofgetiers will er gern sein Blute geben,

finden wirst du solchen Freund  einmal nur in deinem Leben.

Ein schönes Gedicht über den Spitz von Askaja, die Inspiration dazu verdankt sie Brehms Tierleben (der Originaltext befindet sich am Ende des Artikels) und ihrem schwarzen Großspitz "Sir Patrick Guinness von der Arnold's Eiche".


Spitze sind eine der ältesten Haushunderassen überhaupt. Für diese Auffassung spricht einerseits die Tatsache, dass es eine unübersehbare Ähnlichkeit zwischen Spitzen und Wölfen, Schakalen und Kojoten gibt und andererseits findet man viele Abbildungen und Skulpturen von spitzartigen Hunden bereits in der Antike. Dies bedeutet, dass sie von Wesen und Charakter her durch die Jahrtausende hinweg gefestigt sind. Erstmalig in Erscheinung tritt das Wort "Spitz" um 1450 am Niederrhein in der Hausordnung des Grafen Eberhard zu Sayn. Der Graf verbot darin seinem Hausgesinde bei strenger Strafe, sich gegenseitig als "Spitzhundt" zu beschimpfen. "Spitzhundt" war damals also offenbar ein derbes Schimpfwort, woraus sich schlussfolgern lässt, daß der Spitz damals wohl nicht in sehr hohem Ansehen stand. Dennoch kann man diesem Schimpfwort auch etwas positives abgewinnen, denn es offenbart deutlich, wie schlau der Spitz ist, denn er lernt nicht nur blitzschnell, sondern ist auch in der Lage, mit seinem Wissen in jeder Situation den größten Vorteil für sich herauszuschlagen - was ich absolut nicht negativ meine! Trotz seiner Treue und Anhänglichkeit wird ein ordentlicher Spitz immer wieder versuchen, seinen Menschen auszutricksen. Spitze sind darüber hinaus aber durchweg "ehrliche" Hunde, denn sie sind - wie kaum eine andere Hunderasse - in der Lage, ihre Sympathie (oder auch Antipathie) gleich direkt beim ersten Kontakt deutlich zum Ausdruck zu bringen. Ihr angeborenes, argwöhnisches Verhalten wurde jedoch in der Vergangenheit oft falsch interpretiert und es bildete sich daraus das Vorurteil, dass Spitze "falsch" und "gefährlich" wären. Was aber ist so "falsch" und "gefährlich" daran, wenn ein Hund Fremden gegenüber lediglich misstrauisch ist und bis zur Selbstaufgabe Haus, Hof und Familie gegen fremde Bedrohung verteidigt? 

"Der Spitz ist der geborene Haushund. Mit dem Eigentum seines Herren ist er unlöslich verbunden. Er gehört sozusagen zum Inventar und leistet vorzügliche Wächterdienste. . Seine Treue, seine Unbestechlichkeit, sein Misstrauen gegen alles Fremde sind Eigenschaften, die ihn hierzu in hohem Maße qualifizieren. Der Spitz ist der Freund der ganzen Familie und weiß einen jeden nach seinem Charakter einzuschätzen und zu bewerten. So kennt er seine Stellung im Hause, ein jeder hat ihn gern und neben dem gewöhnlichen Futter fällt so mancher gute Bissen für ihn ab. So hat einen einen wohlberechtigten Platz im deutschen Hause und wo er noch nicht anzutreffen ist, da sollte man ihm die Stätte bereiten. Ein Versuch lohnt und wird niemand gereuen. Er lebt auf dem Bauernhof und in der Behausung des Städters, auf dem Planwagen des umherziehenden Handelsmannes, die Pferde munter umspringend, und auf dem Kahn des Schiffers. Der Spitz ist ein guter Freund von hoch und niedrig, von arm und reich, am meisten aber liebt er die Kinder, deren unzertrennlicher, zuverlässiger, lieber Freund er ist.

 

Unbestechliche Treue, zuverlässige Wachsamkeit, bis an die Keckheit grenzender Schneid, höchste Intelligenz, sowie Anspruchslosigkeit sind seine Tugenden. Ins deutsche Haus gehört ein deutscher Spitz, so schreibt Amtsgerichtsrat Dr. R. von Uhden, Neudamm, einer der besten Freunde unserer Rasse. Daneben ist die gefällige Gesamterscheinung des Hundes hervorzuheben, welche jedem Laien in die Augen fällt und der zweifellos ein großer Teil der Beliebtheit zuzuschreiben ist, welcher sich unser Spitz erfreut."

 

"Der Deutsche Spitz in Wort und Bild" (1937), S. 16

Die Spezialisierung als Wächter von Haus und Hof ist tief im Spitz verankert: genießt der Spitz keine Erziehung und hat auch keine weitere Beschäftigung und Aufgabe, dann tut er das, wofür er jahrhundertelang gezüchtet wurde: alles Verdächtige melden, wirklich alles! Dennoch ist die alte Spitzeigenschaft des nicht nachlassenden Bellens aber in brenzligen Situationen genau das richtige Verhalten für einen Wächter: denn das Melden des Verdächtigen ist das Wichtigste; der auf sich allein gestellte und blindwütig angreifende Hund wird schneller abgemurkst, als er gucken kann und keine Hilfe mehr herbeibellen können, denn er wird dem bewaffneten Verbrecher immer unterlegen sein. Der Spitz hingegen vermeidet es schlauerweise, in den Bereich der menschlichen Hand zu kommen, was ihm den Ruf der Feigheit eingebracht hat. Feige ist daran aber gar nichts, denn dieses Verhalten ist sehr klug. Der Spitz schnellt im Angesicht des Ganoven immer wieder vor und zurück, ohne sich in dessen Nahbereich zu begeben, während er unablässig kläfft. Den so permanent "Alarm schlagenden" und umherjagenden Spitz zum Schweigen zu bringen, ist eine fast unlösbare Aufgabe. Denn egal, was der Gauner tut, der Spitz hält einfach nicht das Maul!

Weinbergspitz Deutscher Spitz Wachhund
Weinbergspitz

Auch sollte man einen - wenn auch noch so kleinen - Spitz niemals unterschätzen, denn er ist ein wirklich unangenehmer Gegner. Der Spitz warnt durchaus mehrmals, aber wenn dies nichts nützt, dann wird zugepackt - und zwar äußerst entschlossen und draufgängerisch. Auch kämpft er nicht blindwütig, sondern geradezu "listig" und unberechenbar. Hinzu kommt das Getöse, das die Attacke begleitet; alles sehr unangenehm für zwielichtige Elemente. Dennoch muss hier betont werden, dass der Spitz kein aggressiver Hund ist. 

 

Der Deutsche Spitz ist sehr, sehr aufmerksam. Mit einem Ohr wacht der Spitz immer, auch wenn er friedlich dort liegt und zu schlafen scheint; natürlich registriert er sofort außergewöhnliche Geräusche. Dann ist er sofort hellwach und zu allem bereit. Auch Richard Strebel bescheinigte dem Spitz ein ungemein ausgebildetes Gehör, seine Ohren seien stets in Bewegung und aus seinem munteren Auge spreche Wachsamkeit: "Ist er zum persönlichen Schutz des Menschen da, so gibt es kaum einen anhänglicheren Hund als den Spitz, er ist, was nicht oft genug hervorgehoben werden kann, unbestechlich. Die Beispiele, dass ein Spitz sein Leben für die Bewachung rücksichtslos aufs Spiel gesetzt hat, sind nicht selten."

 

Fremden Menschen gegenüber ist der Spitz daher immer mindestens neutral eingestellt, vermutlich aber tendiert er eher in Richtung Misstrauen. Und damit muss man einfach leben! Dieses Misstrauen zeigt sich bei den größeren Vertretern meist durch vornehme Zurückhaltung, die kleineren Vertreter knurren dann schon mal etwas schneller. Oft legt sich aber diese Zurückhaltung schnell, wenn der Besitzer durch sein Verhalten signalisiert, daß der „Fremdling“ willkommen ist. Aber nicht immer. Und Achtung! Ein Herumlaufen im Haus ohne den Besitzer kann den Wachinstinkt wieder wecken. Schon ist der Gast gar nicht mehr so willkommen und wird zumindest an Ort und Stelle "fixiert". Das gilt genauso für das Betreten des Grundstückes von eigentlich bekannten Menschen. Viele Spitze akzeptieren es im Beisein des Besitzers problemlos – aber ohne dessen Beisein sollte man das Grundstück lieber nicht betreten. Im Übrigen sind viele Spitze nicht nur fremden Menschen gegenüber misstrauisch, sondern auch fremden Hunden. Diese hatten nämlich auch nichts auf dem Hof zu suchen.  

 

Der Spitz hatte sein Zuhause in allen Bevölkerungsschichten, in den ärmsten wie auch in den besseren. Die hier genannten und bekannten Gestalten der Weltgeschichte sollen stellvertretend aufzeigen, dass der Spitz wirklich überall zu Hause war. So hielt sich beispielsweise Michelangelo einen Spitz, ebenso Martin Luther, von dessen Spitz man sogar den Namen noch weiß: "Belferlein" (Pelverlin). Von diesem Belferlein ist überliefert, dass ihm sein Herr einen Platz im Himmel versprochen hat. Bei Wolfgang Amadeus Mozart finden sich viele Briefe an seine Familie, in denen der Spitz "Pimperl" erwähnt wird. Darin wird ausführlich geschildert, was der Spitz mal wieder so alles angestellt hat. Im weiteren Nachlass Mozarts fand sich sogar eine unvollständige Spitz-Arie, deren Text folgendermaßen lautet: "Du kannst gewiß nicht treulos sein, ach nein, ach nein, mein Spitz!" Die Melodie dazu ist leider bis heute nicht gefunden worden. Ebenso wie Mozart waren auch Ludwig Richter, Marie von Ebner-Eschenbach, Königin Victoria von England, Wilhelm Busch und Adalbert Stifter allesamt Liebhaber des Deutschen Spitzes. Und wer kennt nicht die Geschichten, die sich um den letzten württembergischen König, Wilhelm II., ranken, der ohne seine beiden Spitzer nirgendwo hingegangen ist.

Postkarte Vintage Deutscher Spitz Kind
Der Deutsche Spitz als Kinderfreund

Der Spitz ist immer zu allerlei Streichen aufgelegt und ein wahrer Clown. Selbst im hohen Alter macht der Spitz gern Quatsch mit und ist gut gelaunt. Darüber hinaus hat der Spitz noch eine weitere, tolle Eigenschaft, die man gerade im Umgang mit Kindern nicht hoch genug schätzen kann: der Spitz ist nicht nachtragend. Selbst wenn an den Lefzen oder an der Rute gezogen wird, sucht er sein Heil lieber in der Flucht, nur um wenige Minuten später erneut zur Stelle zu sein und im Zweifelsfalle dieselbe Prozedur erneut über sich ergehen zu lassen. 

 

Nach außen sehr selbstbewusst und kühn, kann der Spitz in Gegenwart seines Herren wahrlich zu Butter zerfließen, denn wie heißt es so schön: "außen hart, innen zart". Doch Vorsicht! Der Spitz braucht bei aller Liebe einen wirklich selbstbewussten und durchsetzungsfähigen, konsequenten Herren. Ohne die gebotene Konsequenz macht der Spitz sonst über kurz oder lang was er will und wird zum Haustyrannen mutieren. 

 

Auch ist er schlau wie ein Fuchs und man könnte fast meinen, er verstünde jede Wort. Er weiß jeden Charakter einzuschätzen und ist ein guter Freund und Beschützer seines Herren und von dessen Familie. Wird er von seinem Herren getadelt, ist das für ihn sehr, sehr schlimm. Eine verdiente Strafe nimmt er jedoch hin, ohne nachtragend zu sein.

 

Besonders bezeichnend für für den Spitz ist seine Anhänglichkeit. Alle Spitze möchten möglichst viel Zeit mit ihren Menschen verbringen, alleingelassen zu werden, selbst wenn sie dabei Gesellschaft von anderen Haustieren haben, gefällt ihnen hingegen nicht. Aus diesem Grund kann der große Spitz trotz seiner Aufmerksamkeit und Eignung zum Wachhund nicht dauerhaft draußen gehalten werden. Fehlt der stetige Kontakt zu seinen Menschen, leidet er stark darunter. Sehr wichtig: am Tag des Einzugs des Spitzes sollten alle Familienmitglieder, Partner oder Mitbewohner des Herren anwesend sein. Wer nicht dabei sein kann, wird vom Spitz nicht als Teil seiner Gruppe empfunden werden, sondern eher als eine Art "Besitz" seines Herren. 

 

Neben seiner hervorragenden Menschenkenntnis ist der Spitz ist ein Wachhund, der auch die notwendigen Eigenschaften "Hoftreue" und "Anhänglichkeit an seinen Herren" mitbringt. Denn was nutzt einem ein Wächter, der er nicht permanent anwesend ist - sei es auf dem Hof, sei es, wenn man mit einem Fuhrgeschäft unterwegs ist? Der Spitz neigt daher nicht zum Streunen, aufgezeigte Grenzen werden schnell akzeptiert, er hat kein Interesse an der Jagd. Sinn und Hintergrund hat diese seine Charakteristik darin, daß sich ein guter Wachhund zum einen auf gar keinen Fall am auf dem Hof beheimateten Geflügel etc. vergreifen durfte (daher fehlt der Jagdtrieb), zum anderen muss so ein Hund absolut bereit sein, sich seinem Herren zu unterwerfen und klug genug sein, in Abwesenheit seines Herren eigene Entscheidungen treffen zu können. Natürlich darf ein Wachhund niemals auf andere Menschen hören, als seinen Herren, da dies sonst seine Aufgabe als Bewacher ziemlich ad absurdum führen würde. 

 

Da früher die Jagd das Privileg der Oberschicht darstellte, war Bauern die Haltung von Jagdhunden nicht oder nur unter strengsten Auflagen gestattet. Zu diesen Auflagen gehörte seit Anfang des 17. Jahrhunderts das „Knütteln“ der in Waldnähe lebenden Hunde. Darunter wurde die Befestigung eines Holzknüppels von mindestens einer Elle Länge am Halsband des Hundes verstanden, um ihn in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken. Alternativ kam aber auch die Amputation einer Gliedmaße, das Brechen eines Laufs oder das Durchtrennen von Sehnen in Frage, um den Hund jagduntauglich zu machen. Mitunter war Bauern nur die Haltung bestimmter Spitzhunde erlaubt, die keinen Jagdtrieb aufwiesen. Daher wurde der Spitz seinerzeit von den Landesjagdverbänden an Hundehalter vergeben, deren wildernde Hunde erschossen wurden. So dämmte die Jägerschaft das Wildern durch unbeaufsichtigte Hunde ein. Es wird allerdings berichtet, daß viele Spitze Vögeln oder Wild hinterherrennen. Das kann ich so auch bestätigen. Aber ist das wirklich "jagen" oder ist es nicht mehr ein "verjagen"? Zu den Aufgaben des Spitzes auf einem Bauernhof gehörte nämlich auch das Schützen der Nutzpflanzen vor Wildfraß, sowie das Beschützen der Haustiere vor Raubwild und Raubvögeln und auch das Verjagen von Krähenvögeln aus den Feldern. Dieses Verhalten nennt man "Raubzeugschärfe". Daher liegt es dem Spitz im Blut, Schädlinge bzw. Raubzeug zu vertreiben. Raubzeug ist übrigens nicht mit der Bezeichnung "Raubwild" zu verwechseln. Raubzeug umfasst alle Tierarten, die dem Nutzwild oder den Nutztieren gefährlich werden konnten, sowie Tiere, die sich an den Nutzpflanzen des Menschen vergreifen. Das sind zum Beispiel Ratten (Wanderratte), Mäuse, Greif- und Rabenvögel (Rabenkrähen, Elstern oder Eichelhäher) und Füchse, aber auch eingeschleppte Arten wie Waschbären oder Marder. Auch Wildschweine zählen zum Raubzeug.

Exkurs: Die Raubzeugschärfe

 

Die Raubzeugschärfe soll beim Hund in erster Linie in einem ausgesprochenen Hasse gegen alles Raubzeug bestehen. Dieser Hass bildet die Triebfeder zur ausdauernden Verfolgung eines Räubers und drängt den Hund dahin, das fragliche Raubwild unter allen Umständen in seinen Besitz zu bekommen. Bis auf Ratten und Mäuse wird einmal erlegtes Raubzeug jedoch nicht gefressen." (aus "Der Gebrauchshund, seine Erziehung und Dressur" von Hegendorf)

 

Die Ausbildung dieser Raubzeugschärfe hat einen immensen Einfluss auf das Temperament des Hundes, das heißt, ein ausgesprochen scharfer Hund ist auch ein ausgesprochen temperamentvoller Hund. Der junge Hund, der später einmal ein scharfer Hund zu werden verspricht, zeigt diese Anlage schon in seiner Jugend. Er ist aufgeweckt, beweglich, frech und misstrauisch gegen Fremde, benimmt sich mitunter ganz rabiat gegen streunende Katzen, Krähen etc. und verbellt oder verfolgt sie. Auch Mäuse, Ratten und Rabenvögel sind vor ihm schon in frühester Jugend nicht sicher. Die Raubzeugschärfe die vor allem dem Schutz des Wildnachwuchses bzw. der Jungtiere vor Raubwild, sowie Schutz der Haustiere und Schutz der Nutzpflanzen vor Wildfraß.

 

Was hier auffällt: die Raubzeugschärfe charakterisiert den Spitz geradezu. Sehen wir sie uns nochmal an: "Er ist aufgeweckt, beweglich, frech und misstrauisch gegen Fremde, benimmt sich mitunter ganz rabiat gegen streunende Katzen, Krähen etc. und verbellt oder verfolgt sie. Auch Mäuse, Ratten und Rabenvögel sind vor ihm schon in frühester Jugend nicht sicher."

 

Vergleichen wir sie mit dem Rassestandard des Vereins für Deutsche Spitze: Der Deutsche Spitz ist stets aufmerksam, lebhaft und außergewöhnlich anhänglich gegenüber seinem Besitzer. [...] Sein natürliches Misstrauen Fremden gegenüber und sein fehlender Jagdtrieb prädestinieren ihn zum idealen Begleit- und Familienhund und zum Wächter für Haus und Hof [..]." Demzufolge scheint die Raubzeugschärfe DIE maßgebliche Neigung des Spitzes zu sein, die ihn erst zum Spitz macht, die sein Wesen gestaltet und durch die er seine ihm anvertrauten Aufgaben überhaupt erst erfüllen konnte, die da wären:

  • Vertreiben der Wildschweine aus den Weinbergen
  • Vertreiben von Krähen aus den Feldern
  • Fernhalten von fremden Hunden und Katzen vom Hof
  • Vertreiben oder ggf. stellen von Hof-Fremden (das gilt auch für zu bewachende Kutschen, Kähne etc.)
  • Vernichten von Ratten und Mäusen, die die Vorräte fressen
  • Bewachen des Territoriums seines Herren
Deutscher Wolfsspitz Keeshond

Der Spitz ist ebenfalls geeignet für einfache Hüte- und Treibarbeiten, da ihm der sogenannte "Hackenbiß" angeboren ist, den heute nur noch wenige alte Hütehundrassen beherrschen (z.B. der Westerwälder Kuhhund oder der Harzer Fuchs). Da der Hackenbiss genetisch verankert ist, muss er nicht von ihnen erlernt werden: "Durch Bellen und Zwicken sorgt sie dafür, dass die Kühe immer schön hintereinander gehen und nicht abschweifen. Sie kennt genau die Zeiten. Sie wird vom Haus losgeschickt, die Kühe zu holen, damit sie gemolken werden können. Während des Melkens bewacht sie sie und nach dem Melken geleitet sie sie wieder zur Weide." (aus "Der Tierfreund" 9/1965). Überlässt man dem Spitz zu viele Entscheidungen und führt ihn zu lasch, kann der kleine Wächter diesen Hackenbiß auch durchaus einsetzen, um seine Menschherde zusammenzutreiben und zur Räson zu bringen.

 

Der große Spitz ist übrigens sehr genügsam und pflegeleicht. Daher erlebten insbesondere die Wolfsspitze in der Zeit des Zweiten Weltkrieges - während andere Rassen fast völlig niedergingen - einen enormen Aufschwung. Im Jahr 1948 wurden rund 1500 neue Wolfsspitze registriert. Vielleicht brachte der Wolfsspitz alles mit, was man für „schlechte Zeiten“ brauchte: er ist ein anspruchsloser Wachhund, der keiner großen Pflege bedarf und so genügsam ist, dass er auch mit Kartoffeln auskommen soll (mit diesem "Slogan" wurde er damals beworben) und durch sein dichtes, langes Fell ist er optimal ausgestattet für den Außeneinsatz, denn es macht ihn witterungsunempfindlich und wetterfest. Schmutz gleitet nach dem Trocknen des Fells wie von einer Teflonpfanne ab und außerhalb des Fellwechsels muss das Tier auch nicht öfter als wöchentlich gekämmt werden. Sein kuschliges Fell erweckt den Eindruck, daß er auch ein Kuscheltier wäre, jedoch ist und bleibt er ein Arbeitshund, der bei Unterforderung (hiermit meine ich nicht Auslastung!) und schlechter Führung auch zum Tyrannen werden kann.

Vintage Foto Kind schwarzer Spitz

Einen Spitz zu entführen ist meiner Meinung nach eine Sache der Unmöglichkeit. Der Spitz - sofern man es überhaupt schafft, ihn mitzunehmen - "kaut" sich zur Not auch mittels seiner Zähne aus seiner Gefangenschaft heraus, so groß ist seine Treue. Vermutlich aber würde der vermeintliche Dieb schon daran scheitern, auch nur in den Nahbereich des z.B. vor einem Geschäft angebundenen Spitzes zu kommen.

 

Die dem Spitz nachgesagte Sturheit resultiert meist aus falschem Verständnis oder aus ungeklärtem Rang. Der Spitz beobachtet sehr exakt, und mit einer fast unheimlichen Feinfühligkeit erkennt er Stimmungen und Gefühle von Herrchen und Frauchen auf den Punkt genau. Aufgrund seiner Intelligenz ist er in der Lage, sofort richtig darauf zu reagieren.

 

Leider wird der Spitz heutzutage sehr auf sein Äußeres reduziert, obwohl er ein eigentlich ein Bauernhund war, dessen Wesenseigenschaften jahrhundertelang im Vordergrund standen. Durch die mitunter sehr einseitige Linienzucht auf eine einheitliche Optik haben allerdings die Arbeitseigenschaften gelitten, da auf sie folglich wenig Wert gelegt wird. Aus diesem Grund gibt es inzwischen sehr freundliche oder jagende Spitze, die für ihre eigentliche Aufgabe als Wächter absolut ungeeignet sind. Obwohl es inzwischen Verbesserungen innerhalb der Zucht gibt, hat nach wie vor das Exterieur Vorrang vor den eigentlichen Wesenseigenschaften eines Spitzes. Auch neue, bunte Spitzwürfe sind zwar schön, aber nicht des Rätsels Lösung, da immer noch zu wenig Wert auf Genotyp und Eigenschaften gelegt wird. Denn wer den Spitz wirklich liebt, tut es doch um seines Wesens willen! 

Eine vortreffliche Charakterkunde unseres Spitzes (Auszug aus "Brehms Tierleben")

 

Spitz (Canis familiaris domesticus pomeranus): Was der Schäferhund für die Herden, ist der Spitz oder Pommer (Canis familiaris domesticus pomeranus) für das Haus. Klein oder höchstens mittelgroß, kräftig und untersetzt, spitzköpfig und spitzschnauzig, als müßte man auf Reineke den Verdacht der Vaterschaft werfen, kurzbeinig und langschwänzig, ausgerüstet mit mäßig großen Ohren und eben solchen klugen und lebhaften Augen, dicht eingehüllt in ein bald grobes und langes, bald feines und kurzes Fell von rein weißer, gelber, fuchsrother, grauer, ausnahmsweise auch schwarzer Färbung, höchstens noch mit lichter Stirnblässe und weißen Abzeichen an den Füßen, tritt er uns entgegen, so daß man ihn schwerlich verkennen kann.

 

Dieser in seiner Art ebenfalls ganz vortreffliche Hund wird in vielen Gegenden Deutschlands, zumal in Thüringen, als Wächter auf Bauerhöfen zum Bewachen des Hauses und Hofes oder von Fuhrleuten als Hüter ihrer Wagen benutzt. Bei letzteren fehlt er wohl selten und übernimmt hier zugleich noch eine andere Rolle: er erheitert und erfreut durch sein munteres Wesen den in gleichmäßiger Weise seinen Tag verbringenden Mann bei dem schwierigen Geschäfte. Der Pommer gilt für die beste Rasse, weil er bei unwandelbarer Treue und Anhänglichkeit besonders aufmerksam und lebhaft ist, dabei weder Regen noch Kälte scheut, ja gewöhnlich im Hause oder Hofe dort am liebsten zu liegen pflegt, wo der Wind am stärksten pfeift. Uebrigens zeigen alle Spitze einen großen Hang zur Freiheit und taugen deshalb nicht als Kettenhunde, während sie als umherstreifende Wächter ihrer Treue und Unbestechlichkeit wegen unersetzbar sind.

 

In seinem Wesen und Betragen unterscheidet sich der Spitz wesentlich vom Schäferhunde. Abgesehen von der unermüdlichen Wachsamkeit, welche beide mit gleichem Eifer ausüben, und seiner Freundschaft gegen Hausthiere ist er das gerade Gegentheil von diesem, immer in Bewegung, soviel wie möglich laut, ein oft höchst unangenehmer Kläffer sogar, heftig, reizbar und bissig.

 

Weder im Gehöfte, noch auf dem Wagen kann er in Ruhe bleiben. Dort lockt ihn jeder Vorübergehende an die Straßenthüre, jedes ängstlich gackernde Huhn in den Hintergarten; hier setzt er mit geschickten Sprüngen von der Ladung auf den Bock, vom Bocke auf den Rücken des Pferdes, oder aber herab auf die Straße und von dieser wieder auf den Wagen. Wie der Schäferhund liebt er Hausthiere ganz ungemein, am meisten aber doch die Pferde, mit denen er sich förmlich verbrüdert; wie seinem Verwandten geht ihm das Wohl und Wehe seiner Pflegebefohlenen, unter welche er selbst das Federvieh rechnet, sehr zu Herzen: aber während jener seine Arbeit still und gemessen verrichtet, tobt er ununterbrochen im Hause und Hofe umher, und sein beständiges Gebell gewinnt den Anschein des Keifens eines ewig schlecht gelaunten Wesens. Und doch ist er keineswegs übermüthig, sondern nur [648] eifrig und über die Maßen geschäftig. Alles Mistrauen, welches er gegen Fremde jeden Standes an den Tag legt, wurzelt einzig und allein in dem Bestreben, seinem Gebieter voll und ganz zu dienen. Zunächst sieht er in jedem Geschöpfe einen Dieb, mindestens einen Lästigen oder Störenfried, dem gegenüber er Haus und Hof, Vieh und Geräth zu vertheidigen hat. Der Besuchende wird übel empfangen, der fechtende Handwerksbursche nicht viel schlimmer, der Bettler kaum mit größerem Ingrimm; aber während er ersterem, sobald er ins Haus getreten, freundlich begegnet, knurrt er den Handwerksburschen noch an, nachdem er sich von dessen Ungefährlichkeit überzeugen mußte, und verfolgt er den Bettler noch bellend, nach dem dieser bereits Haus und Hof verlassen hat. Zwei-und vierbeinige behaarte und gefiederte Räuber und Diebe mögen sich vor dem Spitz in Acht nehmen: gegen sie ist er mit Bewußtsein heftig, zornwüthig, unerbittlich. Er verbeißt sich, und ob es ihm das Leben kosten möge, in der Wade des Diebes, kämpft ingrimmig mit dem Fuchse, weicht selbst dem Wolfe nicht, und tödtet den Habicht, welcher sich auf die Henne stürzte, falls dieser nicht durch schleunige Flucht sich rettet.

 

Alles Beschützen, alles in Ordnung halten, das ihm Anvertraute mit unbestechlicher Treue hegen und pflegen, scheint Lebenszweck des Spitzes zu sein. »In der Nähe eines vielbesuchten Badeortes mit schöner Umgebung«, so erzählte mir eine geistreiche und sinnige Frau, »lernte ich einen der wackersten Spitze kennen, welcher mir jemals vorgekommen ist. Wir wünschten einige der nächsten Aussichtspunkte zu besuchen und verlangten vom Wirte Weg und Steg zu wissen. ›Ich will Ihnen einen Führer mitgeben, auf welchen Sie sich verlassen können‹, bemerkte der Mann, und rief seinen Hund herbei. ›Spitz‹, sagte er, ›Du führst diese Herrschaften und zeigst ihnen alles, – alles hörst Du!‹ Spitz antwortete durch Wedeln des Schwanzes, machte die Runde von einem Mitgliede der Gesellschaft zum anderen und setzte sich in Bewegung. Unter seiner Führung stieg man den Berg hinauf. Einige Gesellschaftsmitglieder blieben zurück. Spitz wartete, ruhig am Wege sitzend, bis sie herangekommen waren; eine andere Gesellschaft, welche Tags vorher denselben Führer benutzt hatte, kam von oben herab, erkannte den Hund und lockte ihn an sich: Spitz wedelte freundlich dankend, blieb sich aber seines Auftrags bewußt und verließ die neuen Bekannten nicht. Rechts und links ab vom Wege führte er die ihm Anbefohlenen; auf jedem Aussichtspunkte blieb er sitzen, bis man sich zum Weitergehen anschickte; endlich kehrte er um. Er hatte seine Aufgabe glänzend gelöst, nichts versäumt, keinen schönen Punkt übergangen, kein Mitglied der Gesellschaft verloren. Sichtlich erfreut nahm er, zu Hause angelangt, das Lob seines Herrn und die Liebkosungen der von ihm Geführten entgegen.“

 

"Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs" Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 647-649

Stand: 13.01.22

Kommentare: 1
  • #1

    Anita (Montag, 06 Dezember 2021 21:59)

    Super spannend