Berliner Hunde


INHALTSVERZEICHNIS:

Friedrich der Große als Kind

Der Hund, das umstrittenste Wesen Berlins. Und das schon seit fast drei Jahrhunderten. Leinenpflicht, Hundesteuer, Maulkorbzwang - alles schon mal da gewesen.

Aristokraten-Accessoire

Im alten Berlin war der Mops der Modehund schlechthin, auch wenn sein Erscheinungsbild eher an eine Mischung aus Ochsenfrosch und Löwe - irgendwo mit einem Marzipanschweinchen in der Ahnenreihe - erinnert. Gerade die blaublütigen Damen, wie Sophie Charlotte, die Großmutter von Friedrich dem Großen, hatten einen Narren gefressen an den kleinen Tierchen, welche im 17. Jahrhundert aus China nach Europa gekommen war. 

 

Vor der Epoche des Mopses waren Seidenhündchen, vor allem Bologneser und Spaniels, am Hofe "en vogue". Friedrich der Große wurde vom Berliner Hofmaler Antoine Pesne als Kind porträtiert, neben ihm auf dem Stuhl sitzt ein wie eine Puppe hindrapierter Spaniel. Das Zeitalter des Barock war das Zeitalter der Seidenhündchen; der Mops mit seinen rundlichen Formen entsprach eher dem Lebensgefühl des Rokoko. Schon Ende des 18. Jahrhunderts liefen die Spitze und Pudel allerdings dem Mops den Rang ab, der Spitz kam ab 1780 dank des Klassizismus in Mode, denn strengere Konturen waren gefragt. Ihm gelang ein erstaunlicher Karrieresprung, wurde er im späten Mittelalter noch geringschätzig "Mistbella" genannt, weil er "auf jedes Bäuerleins Mist wachsam bellend" stand.

 

Friedrich der Große selbst vertauschte die Hundchen seiner Kindheit bald mit italienischen Windspielen, von von denen er sagte, daß das Windspiel gar kein Hund sei, sondern ein vierbeiniger Vogel. Sein jeweiliger Liebling durfte als lebendige Wärmflasche stets im Bett des Königs nächtigen - hier sei die berühmte Biche genannt, eine seiner Lieblingshündinnen. Friedrich bekam Biche 1744 von seinem Vertrauten Graf von Rothenburg geschenkt. Als Biche ihn 1745 in den Krieg begleitete und dabei von einem ungarischen General entführt wurde, war Friedrich verzweifelt und überzeugt, dass Biche getötet worden war. Doch wenige Tage später gab der General den Hund zurück. 1752 starb Biche. Friedrich schrieb an seine Schwester Wilhelmine


„Ich habe Biche verloren; ihr Tod hat mir die Erinnerung an den Verlust aller meiner Freunde wachgerufen. Ich war beschämt, dass der Tod eines Hundes mir so nahe geht, aber das häusliche Leben, das ich führe, und die Treue des armen Tieres hatten es mir ans Herz wachsen lassen.“ Beigesetzt wurden die Windspiele allesamt auf dem Hundefriedhof bei Sanssouci, jeder mit eigenem Grabstein und aufs heftigste beweint. 

 

Während im Schloß die Hunde von der königlichen Tafel gefüttert wurden, spannte man zur gleichen Zeit sogenannte Karrenköter vor schwere Leiterwagen. Auch in der Hundewelt gab es also verschiedene Stände: Jene, die zum Vergnügen ihrer Herrschaften umherschwänzelten und jene, die buckeln mussten - die Arbeitshunde. Diesen Gegensatz hat der Berliner Tiermaler Heinrich Sperling mehr als hundert Jahre später beispielhaft dargestellt. "Bummler und Arbeiter" heißt sein Ölgemälde. Ein Windspiel und ein Mops betrachten zwei müde Ziehhunde vor einem Lumpenkarren. 

Karrenköter an der Spree


Die Reichshauptstadt galt als Zentrum der Zughundehaltung, was heute weitgehend vergessen ist. Jedes Kind kennt Huskys vor Schlittengespannen, doch gerade im 18. und 19. Jahrhundert boomten die Hundegefährte auf Rädern. In der friderizianischen Zeit wurden Hundekutschen noch als Spielzeug für die Kinder des Adels genutzt, so spannte man gern Doggen vor das Gefährt und ließ sich durch den Schloßpark ziehen. Auch feine Hofdamen veranstalteten gern Wettfahrten in Parks mit ihren prunkvollen Hundekutschen.

Berliner Pflaster Hundekarren
Hundekarren in Berlin

Handwerker, Händler und Bauern machen sich das nun bald zunutze, indem sie den Hund verstärkt als Zugpferd des armen Mannes einsetzten, denn durch die stark wachsende Bevölkerung seit Beginn der Industrialisierung brauchte man den Platz für sich selbst und daher ein Fuhrwerk, welches wenig Platz verschwendete. Zudem können Hundegespanne auch leicht von Frauen und Kindern geführt werden, während die Wendigkeit der Wagen dafür sorgte, daß man seine Waren bis ins Herz der Stadt transportieren konnte. Weil ein Hund vor dem Gesetz damals als wertlos galt, musste man für ihn keinen Wegezoll zahlen. Gerade Kleinhändler und Trödler bedienten sich gern der Hundefuhrwerke und zogen mit ihnen nicht selten übers Land und von Stadt zu Stadt. Milchbauern brachten so ihre Milch, Butter und Eier zu Markte. Sie gingen dabei vorneweg und lenkten, während sich zwei bis vier Hunde gleich dahinter unter der Deichsel ins Geschirr legten. Andere Gespanne wurden dirigiert wie Pferde, mit Ruck an der Leine oder Kommandos, denn gelehrige Hunde können auf Zuruf rechts und links unterscheiden. Meist ging der Kutscher nebenher oder schob ein wenig mit, und war der Wagen leer, konnte er aufsitzen, ohne die Hunde zu überlasten. Immerhin ziehen kräftige Rassen problemlos ihr doppeltes Eigengewicht, wie das Veterinär-Anatomische Institut der Universität Berlin in einer Untersuchung über die Zugleistung von Hunden im Jahre 1941 herausfand. Reichlich verspätet, denn zu dieser Zeit gab es kaum noch Hundekarren. 

Milchmädchen
Milchmädchen beim Verlängern der Sahne

Am stärksten verbreitet waren sie in den Jahren der Industrialisierung, als Berlins Bevölkerung rapide wuchs und man günstige Transportmittel benötigte. Der Hund fraß notfalls auch Abfälle, ließ sich rasch anspannen, war willig und als Arbeitstier von der Hundesteuer weitgehend befreit. Außerdem bewachten die Karrenhunde Hab und Gut, während sich ihre Besitzer um die Kundschaft kümmerten oder im Gasthof pausierte. Das forderte vor allem die Hunde der Fleischer heraus, meist kräftige Rottweiler. Sie mussten "ihre" Waren gegen allerlei hungrige Streuner verteidigen. Andere Artgenossen trotteten unterdessen mit Milchkannen vom Land in die Stadt, denn für Kühe war kein Platz im neuen Berlin der Mietskasernen. Vereinzelt wurden sie noch auf Hinterhöfen gehalten, aber Frischmilch bringen nun jahrzehntelang die sprichwörtlichen Milchmädchen mit ihren Ziehhunden herbei. Vorwiegend ist der Hund dabei Zugpferd, manchmal jedoch auch Komplize, denn dann musste er Schmiere stehen, während seine Herrin die frische Sahne an der Pumpe heimlich verlängerte. Die Redewendung "Milchmädchenrechnung" hat übrigens hier ihren Ursprung. Wurde das Milchmädchen nämlich beim Verdünnen der Sahne erwischt, so drohte ihm eine so empfindliche Geldstrafe, daß oftmals der Verdienst der ganzen Woche dafür draufging.  

Insgesamt war der innerstädtische Gütertransport in Berlin bis in die 1950er Jahre auf den Hund angewiesen. Die Anzahl der Berliner Ziehhunde lässt sich schwer belegen, da sie nicht gezählt und registriert wurden. Zeitgenossen berichteten jedoch, dass die Zahl an Zughunden um 1900 ihren Höhepunkt erreichte. „Wir kennen in der Tat keine andere Stadt, in der Hunde in solchem Maße als Zugtiere angewendet werden wie in Berlin […],“ betonte der Kynologe Ernst Floeßel in seinem 1906 erschienenen Werk "Der Hund". 

Der Hund - ein Mitarbeiter an den Werken des Menschen


Theodor Hosemann KIrschverkäuferin
Kirschverkäuferin mit Hundekarren - Theodor Hosemann

Gerade für die ärmere Bevölkerung war der Hund als Zugpferd des kleinen Mannes unersetzlich. 1914 liest man in der Fachzeitschrift "Hundesport und Jagd": „Für uns liegt nicht der Schatten eines Grundes vor, den Hund um seiner selbst willen als Zugtier zu verbieten, und wir würden darin eine schreiende Ungerechtigkeit gegen den kleinen Händler, Fleischer, Milchverkäufer erblicken, für dessen Betrieb der Hund so nötig ist, wie der Gaul für den Fuhrunternehmer."

 

Arbeiter, Bauern, Kleinhandel- und Gewerbetreibende sowie wie Lumpensammler und Vagabunden transportierten mit ihren Hundefuhrwerken Lebensmittel, Waren und Schrott. Mit einem Hundefuhrwerk konnte mehr Ladung befördert werden als mit einem Tragekorb oder einer Schubkarre. Hunde benötigten keine Ställe und konnten sich besser auf den innerstädtischen Straßenpflastern bewegen. Sie waren in Anschaffung, Haltung und Pflege billig und anspruchslos, so konnten sie z. B. mit Abfällen ernährt werden. Außerdem konnte der Hund weitere Aufgaben übernehmen. Das Bewachen von Hab und Gut galt dabei als wichtige Aufgabe der Ziehhunde. Um 1900 galt man also als "auf den Hund gekommen", wenn man sich als Zugtier weder Pferd noch Ochse leisten konnte und stattdessen den Wagen von einem Hund ziehen ließ. Hundefuhrwerke waren in und um Berlin omnipräsent. Der Hund - Gefährte bei Jagd, Arbeit und Spiel. Das waren seine Rollen in den vergangenen Jahrhunderten. Mit keiner anderen Kreatur verbindet den Menschen eine derart innige Gemeinschaft. 

Tollwut, Hundesteuer und Leinenzwang - jab'et allet schon mal


Gehen wir zeitlich einen Schritt zurück: friedlich ging es in der Berliner Hundewelt nur bis etwa Mitte des 18. Jahrhunderts zu, als die Tiere noch überwiegend von Adligen gehalten wurden. Seit dem späten Mittelalter gehörten Treibjagden zu den edelsten Aufgaben des Hundes – zum Beispiel am heutigen Hundekehlesee („Hundequele“ genannt) in Grunewald, damals eine Bezeichnung für die Sammelstelle der Meute. Im 16. Jahrhundert zog Kurfürst Joachim II. von Brandenburg – der Bauherr des Jagdschlosses Grunewald – zur Sauhatz, später waren es die preußischen Könige. Auch in den Salons des Adels waren Hunde beliebt, dort aber eher in eingelaufener Version und zum Vergnügen der Damen. Die Hundeleidenschaft der Adligen wurde schließlich Trend und erfasste in der friderizianischen Epoche auch das aufstrebende Bürgertum – und damit begann das Gezänk um ruhestörendes Bellen, um bissige Tiere, um die Gefahr von Tollwut oder auch die Vermehrungslust streunender Hunde.

 

Die Obrigkeit wurde nervös, allerdings fühlten sich die Stadtväter weniger von kläffenden Herumtreibern gestört, über die man an jeder Ecke stolperte, sondern aus ihrer Sicht verschärfte die Hundeplage die Gefahr der der Tollwut, gegen die man damals noch hilflos war. Die Gefahr einer Ansteckung war zwar noch unbekannt, aber man ging zu Recht davon aus, daß streunende Hunde eher der Seuche anheimfallen und den Menschen gefährden. So findet sich im Geheimen Preußischen Staatsarchiv eine Hunde-Bekanntmachung bereits vom 12. Juni 1727, nach der "kein Einwanderer seinen Hund auf der Straße frei laufen lassen darf". Wenn sie nachts losgebunden wurden, sollten sich die Tiere nur in geschlossenen Höfen und Gärten aufhalten. Ruhestörendes Bellen wollte man auf diese Weise vermeiden und ihre Vermehrungslust behindern. Offenbar brachten die vielen Kolonisten, die Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der Soldatenkönig, aus Frankreich, Sachsen oder Böhmen ins Land geholt hatte, eine Menge Hunde mit.

 

Solche Bekanntmachungen blieben allerdings ähnlich wirkungslos wie heutzutage der Leinenzwang in Berlin. Drastische Maßnahmen wurden deshalb erwogen. Sollte man die überflüssigen Hunde totschießen lassen? Letztlich einigte man sich aufs Totschlagen. Mit barbarischer Grausamkeit walteten die Schergen des Scharfrichters ihres Amtes - entdeckten sie einen freilaufenden Hund, so wurde er gejagt und totgeschlagen. Auch den Hunden der besseren Gesellschaft drohte der Knüppel, falls sie ohne Blechmarke am Hals auf Trebe gingen.

Chodowiecki Folgsamkeit Berlin
Berlinerische Folgsamkeit - Chodowiecki

Wer damals einen Hund hielt, musste ihm seit der Mitte des 18. Jahrhunderts alljährlich eine neue Marke ans Halsband binden, mit Jahreszahl und Namen des Besitzers. Die Gehilfen des Scharfrichtereibesitzers, Schinder genannt, gingen von Zeit zu Zeit durch die Straßen und verkauften diese Blechmarken. Jeder Hundebesitzer musste sie am Halsband seines Lieblings befestigen, wollte er nicht Gefahr laufen, daß sein Hund gefangen und getötet wurde. Am sichersten sei es wohl, den Hund ständig an der Leine zu führen. So karikierte der Berliner Maler Daniel Chodowiecki die Polizeiverordnung. Sein Werk zeigt elegant gekleidete Damen und Herren mit ihren brav angebundenen Vierbeinern. Titel: "Berlinische Folgsamkeit".

Wurde ein Hund totgeschlagen, ließ sich einiges Geld an ihm verdienen, denn Felle und Fett der geschlachteten Tiere waren im 18. Jahrhundert begehrt. Hundshäute wurden zu feinem Leder verarbeitet, Hundefett wiederum galt schon in der Antike als unfehlbares Heilmittel gegen Schwindsucht und andere Leiden. Trotz der dadurch recht gesteigerten Motivation der Schinder konnte die Hundebegeisterung im biedermeierlichen Berlin nicht gebremst werden. So gerieten Hundefreunde und Hundegegner schon damals heftig aneinander. Auf der Suche nach einem neuen Druckmittel erfand die Obrigkeit schließlich die Hundesteuer, diese wurde am 20. April 1830 in Berlin eingeführt. Ein Hund kostete jährlich etwa drei Taler.

 

Insgesamt waren um 1830 etwa 6000 Hunde in Berlin registriert. Jedes angemeldete Tier bekam eine Marke mit Jahreszahl und Steuernummer; Farbe und Gestalt der Marke wechselten jährlich, um Betrug zu verhindern. Hunde ohne Marke wurden aufgegriffen und nach drei Tagen getötet. Steuerbefreit waren Hundehalter, die ihre Tiere zur Bewachung und Arbeit brauchten.

Tatsächlich verringerte sich die Zahl der Hunde in den folgenden fünf Jahren auf 3300, doch bald ging es wieder bergauf: 1850 wurden in Berlin knapp 10.000 Tiere gezählt. Damit wuchs die Schar der Hunde noch schneller als die Berliner Bevölkerung, die sich von 1810 bis 1850 mehr als verdoppelte. Die Liebhaberei hatte den Sieg davongetragen - und den Hausbesitzern kam das zugute, denn seit 1834 wurden die Einnahmen der Hundesteuer zweckgebunden zur Befestigung der Bürgersteige verwendet. Noch 1959 lässt sich in Knaurs Hundebuch lesen, daß die Hundesteuer eingeführt wurde, um die Straßen in Ordnung zu halten (oha!). 

 

Andere trieb die neue Hundesteuer zur Verzweiflung: die Ärmsten der Armen sahen keine andere Wahl, als ihre Lieblinge zu ersäufen oder zu verkaufen. Der Berliner Dichter Adelbert von Chamisso verfaßte zu diesem Thema eine Ballade über einen Bettler und seinen Hund:  

"Drei Thaler erlegen für meinen Hund!

So schlage das Wetter mich gleich in den Grund!

Was denken die Herren von der Polizei?

Was soll nun wieder die Schinderei?

Ich bin ein alter, ein kranker Mann,

Der keinen Groschen verdienen kann;

Ich habe nicht Geld, ich habe nicht Brod,

Ich lebe ja nur von Hunger und Noth ....

Es geht zur Neige mit uns Zwein; 

Es muß, mein Thier, geschieden sein!

 

Du bist, wie ich, nun alt und krank;

Ich soll Dich ersäufen, das ist der Dank!

Das ist der Strick, das ist der Stein,

Das ist das Wasser, es muß ja sein,

Komm her, Du Köter, und sieh mich nicht an,

Noch nur ein Fußstoß, so ist es gethan!

 

Wie er in die Schlinge den Hals ihn gesteckt,

Hat wedelnd der Hund die Hand ihm geleckt;

Da zog er die Schling sogleich zurück

Und warf sie schnell um sein eigen Genick.

Und that einen Fluch, gar schauderhaft,

Und raffte zusammen die letzte Kraft.

Und stürzt in die Fluth sich, die tönend stieg,

 Im Kreise sich zog und über ihm schwieg ...."


Diese traurige Geschichte erregte viel Aufsehen, denn sie macht deutlich, wie heftig die neue Steuer manche ärmeren Zeitgenossen belastete. Es war der Beginn einer Protestbewegung unter Hundefreunden, die bis heute gegen den Fiskus aufbegehrt.

 

Aber zurück ins Jahr 1863: Am 2. Juli ergeht eine verschärfte Polizeiverordnung, nach der "jeder Hund, welcher auf öffentlichen Plätzen aufhält, mit einem Maulkorb versehen sein muss. Wird er ohne diesen angetroffen, fangen ihn die Schinder ebenso weg wie einen Streuner, der ohne Steuermarke herumläuft. Dabei haben sie allerdings ähnliche Probleme wie unsere heutigen Amtspersonen beim Gerangel um Häufchen oder den Leinenzwang im Park: die Anordnung klingt zwar wie ein Machtwort, die Frage der Durchsetzung hingegen ist eine andere Sache. 

  

Die Beschäftigung dieser Knechte war bei der bekannten Rohheit des Berliner Publikums im Übrigen nicht die angenehmste, sie war vielmehr mit fortdauernden wörtlichen und selbst tätlichen Angriffen verbunden. Jeder Hundehalter konnte den Fängern sein Tier wieder ungestraft wegnehmen, weil sie nicht den Status einer Amtsperson hatten. Selbst hohe Gerichte ließen Hundeeigentümer, die sich den Hundefängern widersetzten, wohl schon ungestraft davonkommen. Nach den in Berlin herrschenden Verhältnissen hielt damals ein großer Teil der Hundebesitzer eine Besteuerung für überflüssig, noch entbehrlicher erschien den Hundefreunden allerdings der verordnete Maulkorb beim Gassigehen - er wurde ignoriert und belächelt.

 

Der waschechte Ur-Berliner ist im Übrigen schon immer nicht sehr geneigt, den Anordnungen der Obrigkeit Folge zu leisten. Dank des "Berliner Unwillens" von 1448 verlegte das brandenburgische Königshaus seine Residenz nach Berlin, um ein ständiges Auge auf seine besonders widerborstigen Untertanen im Spree-Athen zu haben. 

Kiezköter und Mietskasernen


Zille Hund Tram
Berliner Köter vor der Tram - Zille

Die Stadt wuchs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so stürmisch wie nie zuvor. Im steinernen Berlin sollten möglichst viele Menschen auf wenig Platz unterkommen. Das war die Geburtsstunde der Großstadt-Töle vom sechsten Hinterhof, quasi der original Kiezköter. 

 

Diese Köter wetzten kläffend hinter den Kindern her über Höfe und Straßen, das war für sie das Schönste und die Kinder verloren dank der Hunde nicht gänzlich die Nähe zur Natur. Es gab zwar auch noch die Karrenköter, aber der Stadthund war auch für die breite Bevölkerung schon längst kein Nutztier mehr wie Kuh und Schwein oder seine arbeitenden Artgenossen auf den Bauernhöfen. Er zog als Kumpel in die Villen und Wohnungen ein, zahlreicher denn je. Und er fühlte sich hier wohl, war nur seine Herrschaft zusammen. So veränderte sich das Verhältnis zwischen Städter und Hund. Es entwickelte sich eine empfindsame Beziehung - um so inniger, je stärker Berlin wuchs.

 

Berlin ohne Hunde? Geht gar nicht - ging gar nicht - wo bleibt denn da der Spaß!? Im Kaffeegarten schleckt der gestriegelte Dackel der Herrin heimlich die Sahne vom Löffel, im Weddinger Hinterhof setzen Kinder ihre Promenadenmischung in den Bollerwagen, eine Fußhupe flitzt vor dem Kinderwagen her "ins Jrüne", als kämen später die Bratwürste nur für ihn persönlich auf den Grill. Und während Vater im Ausflugslokal eine Runde Berliner Weiße mit Schuß bestellt, gibt Großmutter dem Hund heimlich was vom Teller. In Berlin waren die Tölen immer mittenmang, denn so wie die Berliner "Jöhren" quasi auf der Straße aufwuchsen - und nicht nur die Kinder der Unterschicht, sondern auch die Kinder aus der Oberschicht, was es so nur in Berlin gab - so trieben sich auch die Köter den ganzen Tag draußen "bei de Jöhren" rum. 

Berliner Pflaster Hund Kinder
Berliner Steppkes - und der Kläffer mittenmang

Egal ob Töle vom dritten Hinterhof oder aus der Stadtvilla - der Berliner Hund ist schon damals vollwertiges Familienmitglied und stets mit von der Partie, ob beim Laternenumzug, auf dem Rummel in der Hasenheide oder beim Sonntagsspaziergang im Tiergarten. 

  

Auch Architekten kamen damals auf den Hund - allerdings nicht wortwörtlich: Stadtbaurat Ludwig Hoffmann lehnte die strenge Backstein-Architektur vieler preußischer Schulen ab und entwarf statt dessen um die Jahrhundertwende Schulen mit freundlichem Gesicht: viel Licht, breite Flure und verspielte Fassaden setzte er in seinen Bauten durch. Ihr Markenzeichen: Tier- und Kinderskulpturen schmücken die Mauern wie im Märchen. Sie sind bis heute erhalten und schauen auf den Betrachter mit wilhelminischem Lächeln herab. Wer genau hinschaut, entdeckt einige junge Hündchen, beispielsweise am Märchenbrunnen im nahen Friedrichshain, wo Welpen über den Rand großer Steinschalen schauen. Auch der Künstler Heinrich Zille zeigt in seinen Werken sehr humorvoll die Welt der typischen Kieztöle auf.

Tierschutz in der Reichshauptstadt


Mit einem geschundenen Pferd begann am 29. Juni 1841 die Geschichte des Berliner Tierschutzes: als ein Kutscher in Berlin-Mitte auf sein Tier eindrosch, entrüsteten sich die umstehenden Passanten – und einer von ihnen, der Prediger Gerlach, beschloss, einen „Verein gegen Tierquälerei“ ins Leben zu rufen. Im Oktober 1841 wurde dieser gegründet und 1872 in „Deutscher Tierschutzverein zu Berlin“ umbenannt. Erst 1938 erhielt der Verein seinen bis heute gültigen Namen: Tierschutzverein für Berlin und Umgebung Corporation e. V. “. Im gleichen Jahr eröffnete das erste Berliner Tierasyl in der Schulstraße 12 in Berlin-Wedding. Als die Räume nicht mehr ausreichten, zog das Tierasyl in die Stadtbahnbögen an der Stralauer Brücke.

Die ersten Hundevereine wurden in Berlin gegründet, zum Beispiel 1899 der "Verein für Deutsche Spitze". Systematischer denn je betrieben die neuen Vereine nun Rassezucht und auch in der Wissenschaft nahm man den treuen Begleiter des Menschen ernster als zuvor: Kynologie - die Lehre vom Hund - umfasst Entstehungs- und Rassegeschichte sowie Verhaltensforschung. 

  

Am 17. April 1851 wird der so genannte "Tierschutzparagraph" in das Preußische Strafgesetzbuch aufgenommen. Tierquälerei ist jetzt ein vom Staat geahndetes Vergehen. Doch die Hoffnungen der Tierschützer erfüllen sich nicht, weil die angedrohten Strafen zu niedrig sind. Am liebsten hätten die Tierschützer auch das Treiben der Karrenhunde gestoppt, aber das gelang ihnen niemals so recht, letztlich verdrängte erst der Erfolg des Motors den Hund aus allen Gespannen Die letzten Hundekarren waren in den 1920er Jahren auf dem märkischen Land unterwegs. Schon von 1860 an hatte es Reglementierungen für Hundekutscher gegeben, deren mehrspännige Karren selbst Pferdedroschken überholen konnten und durch wildes Gekläffe manchmal unangenehm auffielen. Deshalb durften ihre Führer nicht aufsitzen und mussten anderen Verkehrsteilnehmern die Vorfahrt lassen. Hierbei handelt es sich also letztlich um erste Verkehrsregeln. 

Zille Berliner Mädel
Berliner Jöhre mit Hundchen - Zille

Der Hund wurde schließlich selbst zum Schutzobjekt: Er sei als Zehengänger von Natur aus nicht zum Ziehen geboren, sein Brustgerüst halte keinen Gegendruck aus, behaupteten seine Protagonisten, denen der Anblick ihres "schwer arbeitenden Lieblings" ein Gräuel war. Doch zahlreiche tierärztliche Gutachten bremsten den gefühlsbetonten Feldzug. Die Veterinäre hatten allesamt keine grundlegenden Einwände. Der Hund sei von seiner Anatomie her durchaus als Zugtier geeignet, die Anstrengung halte ihn sogar gesund. Noch 1941 empfahl das Veterinär-Anatomische Institut der Universität Berlin schwer verletzten Kriegsheimkehrern, ihre Rollstühle von Deutschen Doggen ziehen zu lassen.

 

Immer wieder rügten die Gutachter allerdings den Einsatz ungeeigneter, weil zu schwacher Tiere und verlangten strengere Kontrollen. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde um die Anschirrung des Hundes teilweise heftiger gestritten als um Kinderarbeit, obwohl die "Bimmelbollen", die jugendlichen Milchausträger der Meierei Bolle, die an sechs Tagen in der Woche bis zu zwölf Stunden täglich arbeiteten, zum Straßenbild der Kaiserstadt Berlin gehörten, wie Droschken und Pferdebahnen. Letztlich wurde das bescheidene Hundefuhrwerk des kleinen Mannes erst durch das Arbeitsdreirad aus seinen Geschäftszweigen verdrängt.

 

Die große Liebe zum Berliner Kläffer in den breiten Bevölkerungsschichten brachte den Tierschutz weiter voran. Berlins erstes großes Tierasyl eröffnete 1892 an der Jannowitzbrücke, betrieben vom „Tierschutzverein zu Berlin“. Halter hatten nun eine Lobby. Zu Beginn der Weimarer Republik gab es einen spektakulären Auflauf vor dem Tierasyl in der Schicklerstraße, bei dem hunderte Berliner gegen eine drastische Erhöhung der Hundesteuer protestierten, dabei blockierten sie auch die Straßen. „Es war ein ungeheurer Lärm aus Menschen- und Hundekehlen“, heißt es in einem Zeitungsbericht.

Mitte der 1930er Jahre wurden die ersten Auslaufgebiete ausgeschildert, das größte entstand am Grunewaldsee. Auch als Kundschaft wurden Halter zunehmend interessant. Im Souterrain des KaDeWe standen kleine Hütten bereit, sorgsam mit Decken und Kissen ausgepolstert, Betreuung inklusive. Dort konnte man den Hund gratis anbinden, um dann ohne Gezerre bummeln zu gehen.

Hundebox Kaufhaus Berlin
Hundeboxen in einem Berliner Kaufhaus

Übrigens gelten Promenadenmischungen heute ja durchaus als trendy und haben jede Menge Fans. Dies war jedoch nicht immer so. In den dreißiger Jahren war ihr Image jedoch schlecht und so wurde sie das Tierheim damals nur schlecht los. Die Berliner wollten Rassehunde: um die Jahrhundertwende galten Collies und Pekinesen als modisch, in der Weimarer Zeit hatten Scotchterrier und Foxterrier die Schnauze vorn. 

Nachkriegszeit


Hund Funkturm Alt-Berlin
Berlinerinnen mit Hund vor dem Funkturm

Im Winter 1947 mussten sich viele Berliner von ihrem vierbeinigen Gefährten trennen, nachdem sie mit ihnen ihren letzten Kanten harten Brotes geteilt hatten. Händler kauften die Tiere auf und boten die wertvollen Rassehunde den Soldaten der Besatzer zu Mondpreisen an, während Mischlinge in die Pfanne kamen. Im Tagesspiegel in der Ausgabe vom 7. Dezember 1945 liest man:„ Eine ernste Mahnung richtet der Tierschutzverein an alle Hundebesitzer. Lasst Eure Tiere nicht ohne Aufsicht auf die Straße! Immer häufiger werden Hunde gefangen und geschlachtet. Sogar auf dem Schwarzen Markt handelt man mit Hundefleisch, und für einen Schenkel werden hundert Mark geboten.“ In einer Nacht, so ein weiterer Bericht, verschwanden damals in einem Bezirk 30 Hunde spurlos. Der Tierschutzverein versuchte das Beste aus der gegenwärtigen Situation zu machen: bedürftige Rentner und Familien konnten ihre Tiere kostenlos abgeben und hatten die Sicherheit, daß sie in gute Hände vermittelt wurden. Die Stadt unterstützte diese Aktion, da unkontrolliertes Hundefleisch gesundheitsgefährdend ist.

  

Aufgrund der Berlin-Blockade durch die Russen konnte der Futterhändler in Brandenburg kein Futter in den Westen liefern, die West-Hunde mussten hungern, dennoch stieg ihre Gesamtzahl auf 60.000 im Jahr 1949 an. In den "Stuttgarter Nachrichten" hieß es dazu: "Der Berliner ist schon immer fürs Überflüssige gewesen. Er fuhr Taxi aus Daffke und kaufte sich eher ein Grammophon als einen Wintermantel. Der blockierte Berliner handelt also auch ganz im Sinne dieser Tradition. Mancher kauft sich jetzt einen Freund für die langen Abende in der dunklen Stube." Berlin, die Stadt der Hundefreunde!

Buchstäblich die Schnauze voll hatten Hund und Herr auch bald vom Leinen- und Maulkorbzwang. Da der Tierhandel Lieferprobleme hatte, gab es zu wenig Maulkörbe. Deshalb genüge es der Polizei, wenn der Hundehalter durch eine Bescheinigung nachweisen konnte, daß er einen Korb bestellt habe. Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte eine Frau zu 25 Mark Buße, weil sie ihre Zuchthündin in Wilmersdorf mit fünf Jungen ohne Maulkörbe herumlaufen ließ.

Tierheim Lankwitz Spaziergang 1950
1950: Spaziergang mit Tierheimhunden durch das zerbombte Berlin

Ein Jahr später, Ende 1950, besetzten Aktivisten das Tierheim in Lankwitz. Alle Hunde dort sollten auf Anweisung des Gesundheitsamtes eingeschläfert werden, weil zwei von ihnen mit Tollwut infiziert waren. Der Vorschlag des Tierschutzvereines, erst einmal abzuklären, ob die Tiere überhaupt angesteckt wurden, wurde seitens der Behörde abgelehnt. Das schien den Besetzern übertrieben. Sie schlossen sich ein und Polizei und Amtsveterinäre aus, denn das Tierheim bestand auf sein Hausrecht und verwehrte den Polizisten den Eintritt. Die Beamten kletterten über zwei Zäune, versuchten durch Hintertüren einzudringen, aber vergeblich. Der Aufstand endete mit einem Kompromiss: die Hunde mussten drei Monate lang tierärztlich beobachtet werden.

 

Hochspannung herrschte auch jedes Mal, wenn es ein Hund schaffte, die Berliner Mauer auf rätselhafte Art und Weise zu überwinden – wie 1977 die Windhündin Baruschka. Sie war Meister Lampe in Richtung DDR nachgejagt und wurde zwei Tage später in Falkensee aufgegriffen. Im Mai 1968 geschieht ein Unglück an der Stresemannstraße: Westberliner Grenzschützer erschießen einen Wachhund der DDR-Grenzposten, der sich vermutlich losgerissen hatte und dabei aus der Ruine des ehemaligen Haus Vaterland in den Westen gesprungen war, wobei er sich schwer verletzte. 

Ab den 1970er Jahren eskalierte der Zwist um den Hund in Berlin erneut – Schuld daran waren vor allem die vielen nicht weggeräumten Tretminen. Die Kotgegener startete Kampagnen, so daß schließlich 1973 in Charlottenburg die erste Hundetoilette eröffnet wurde und der Senat 1983 eine Plakat-Aktion startete: „Guter Wille kann Häufchen versetzen.“ Aber nüscht hat's jenützt! Erst die orangenen Mülleimer der BSR sowie die Knödeltütenspender und der öffentliche Druck auf die Hundehalter haben das Problem inzwischen langsam entschärft. Naja, zumindest bis es mit Corona losging...

 

Berlin und seine Köter - dit muß Liebe sein!

Stand: 11.06.2021

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